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Rügen Winter 78/79: Soldaten an der Schneefront
Vorpommern Rügen Winter 78/79: Soldaten an der Schneefront
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06:00 19.01.2019
Torpedo- oder Raketenschnellboote waren im Winter 78/79 in Gefahr, da sich das Eis vor den Schiffen auftürmte. Quelle: Mathias Otto
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Dranske

  Die Einwohner im Norden der Insel Rügen hatten den Männern vom Schnellbootsverband bei Dranske, von der 6. Flottille der Volksmarine der DDR, viel zu verdanken. Sie schippten im Winter 1978/79 Schnee, befreiten Tierställe von der weißen Last und versorgten die Menschen mit Lebensmitteln.

Immer mittendrin: Ernst Heinemann. Der ehemalige Bürgermeister von Putgarten war damals der Leiter des Fotoklubs der Flottille und hielt die Arbeiten auf Kamera fest. Er stellt der OZ Bilder zur Verfügung, die zuvor noch nie öffentlich gezeigt wurden. Er erinnert sich an die Zeit, als vor 40 Jahren Rügen im Schnee versank. „Es war für alle eine Notsituation. Aber niemand musste hungern. Einen Zusammenhalt wie zu dieser Zeit habe ich noch nie erlebt“, sagt er.

Krisenkommission wurde gebildet

Ein erster Schneesturm legte ab dem 28. Dezember 1978 die Insel lahm. Mitte Februar fegte ein mehrtägiger Schneesturm über den Norden des Landes hinweg, der meterhohe Schneeverwehungen brachte. Das öffentliche Leben kam zum Erliegen. „Die Soldaten, die auf der Halbinsel Bug bei Dranske stationiert waren, haben im Januar den ersten Schnee beseitigt. Und dann kam die zweite Welle“, sagt Ernst Heinemann. „Mitte Februar kam der Winter zurück. Dann war es so heftig, dass sich ein Eisgürtel vor Arkona gebildet hat. Der komplette Bodden war zugefroren“, erklärt er. Die Besatzungsmitglieder der Schiffe sind an Bord geblieben, um sie rechtzeitig vom Eis zu befreien. Denn die sogenannte Eispressung war besonders gefährlich für die Wasserfahrzeuge. Die Strömung und der Wind haben also Eisschollen vor den Booten hochgedrückt.

Ernst Heinemann war im Winter 1978/79 als Fotograf der NVA im Einsatz. Er hat die wichtigsten Momente festgehalten. Diese Fotos sind vorher noch nie öffentlich gezeigt worden.

Die Soldaten – bei der 6. Flottille waren vor 40 Jahren knapp 2000 Leute beschäftigt – waren gut vorbereitet. Eine Krisenkommission wurde gebildet. „Jeder wusste genau, wie er sich in einem Katastrophenfall verhalten soll. Dazu gehörte auch, dass sich jeder entsprechend kleiden musste, wenn er bei Minusgraden von morgens bis abends den Witterungen ausgesetzt war. Jeder, der im Einsatz war, musste seinen Kampfanzug anziehen. Das war das Einzige, was auch dauerhaft warmgehalten hat“, so Heinemann. Die Männer haben sich aufgeteilt und sind abwechselnd in kleinen Trupps zu den Einsatzstellen hingefahren oder gegangen. „Im Zwei-Stunden-Rhythmus war Pause, und sie wurden mit Essen und warmen Getränken versorgt“, sagt Ernst Heinemann, der damals neben seiner Funktion als Fotograf auch für die Versorgung verantwortlich war.

Soldaten transportierten Brote auf Schlitten

Die Bilder von den Einsätzen hat er gut aufbewahrt. Sämtliche Foto-Negative befinden in seinem Haus gut sortiert in mehreren Pappschachteln. Zu sehen sind Männer, die bei Dranske und Altenkirchen auf aufgetürmten weißen Bergen stehen und den Schnee auf Anhänger verladen. Oder vereiste Torpedo- oder Raketenschnellboote im Dransker Heimathafen. Männer stehen auf einem weiteren Bild dick eingepackt und schaufeln mühsam die Wege zu den Ortschaften frei. „Alle wichtigen Einrichtungen hatten oberste Priorität. Ganz oben auf der Liste standen die Ställe, in denen sich Tiere befunden haben“, so Heinemann. Eine Arbeitserleichterung war, dass die Flottille in Besitz einer Fräse war. „Wo sie nicht hingekommen ist, waren die Soldaten gefragt. Sie haben die restlichen Wege durch das Schneeschippen wieder befahrbar gemacht“, sagt er.

Verpflegt haben sich die Männer mit den Soldatenessen-Fertiggerichten, die sonst nur in Einsätzen aufgebraucht wurden. „Brote haben wir zusätzlich vom Wieker Bäcker geholt. Soldaten haben die Pakete auf Schlitten bis in die einzelnen Orte gezogen und an die Bewohner verteilt.“

Auch die aktuelle Bürgermeisterin von Putgarten Iris Möbius erinnert sich an den ungewöhnlichen Winter vor 40 Jahren. Sie hat diese Zeit hautnah miterlebt. Neben den Soldaten der NVA waren auch Soldaten der Sowjetarmee zusätzlich auf der Insel, um der Bevölkerung zu helfen. „Sie haben die Leute im Ort mit Brot versorgt und sich durch die Schneemassen gekämpft“, sagt sie. Iris Möbius weiß auch noch, dass die Kinder einen aufgetürmten Schneeberg mitten im Ort für eine Rodelbahn genutzt haben.

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