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Rügen Zuschauer in den „Knallerbsenbusch“ entführt
Vorpommern Rügen Zuschauer in den „Knallerbsenbusch“ entführt
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00:00 28.02.2017
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Putbus

Mit der eigenen Biografie im Fokus von epochalen Umbrüchen der Weltgeschichte zu stehen, ist für die Berliner Künstlerin Juliane Ebner ein großer Glücksumstand. „Das Glück des Niedergangs der Gesellschaftsordnung, in die ich hineingeboren wurde, ist eine großartige und absolut prägende Erfahrung für mich, die seit 1989 ihren Zauber und ihre Kraft nicht verliert“, sagte die 1970 in Stralsund geborene Malerin bei der Finissage zur Ausstellung ihrer älteren Schwester Käthe in der Orangerie Putbus. Die eigene kleine, ganz individuell erlebte Geschichte im großen Weltgetriebe ist das Thema von Juliane Ebner. Von ihrer Kindheit in der Diktatur handelte die Trilogie „Klack“, aus der sie in der Orangerie die beiden Animationsfilme „Vom Mauerfall“ und „Knallerbsenbusch“ vorstellte.

In bewusst gewählter nostalgischer Super-8-Film-Anmutung hat Ebner Tuschezeichnungen auf Folien gebracht, die sie bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen bewegt und in schneller Abfolge filmt. Mit selbst gesprochenen eigenen Texten unterlegt sie die Filmsequenzen, mittels derer sie ihre visuellen Erinnerungen aus den Tiefen des Unterbewussten herauf befördern zu scheint. Da ist beispielsweise der „Knallerbsenbusch“ hinter dem Denkmal eines damals in der DDR hoch verehrten KPD-Funktionärs am Strelasundufer, wo am 1. Mai die Feiertagsaufmärsche hinführten. In Erinnerung geblieben sei ihr unter anderem der Dederon-Anorak, den sie dereinst beim Herumtollen im „Knallerbsenbusch“ trug und die künstlichen Nelken an der Kleidung der Demonstrationsteilnehmer. Es sind Erinnerungen, bei denen einem die allegorischen Beschreibungen aus Marcel Prousts weltberühmten Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in den Sinn kommen. Es schmeckt und riecht alles nach den unwiederbringlichen Erlebnissen der eigenen Kindheit und Jugend. Einen schmerzlichen Prozess hat Juliane Ebner bei der Herstellung des Films „In der Mitte ein Loch“, den sie ihrer tödlich verunglückten Schwester Käthe gewidmet hat, durchlebt: „Meine Schwester war Anfang der 90er selbst junge Künstlerin. Und ihr Tod durch die schlecht gesicherte Last eines Baukrans, als Passantin einer der halbkriminellen Nachwende-Baustellen in der Friedrichstraße, ist ein Bild wie man es sich nicht ausdenken kann. Ein Bild für die radikale Verwandlung, die unsere Welt in dieser Zeit erfuhr, als das Leben sich veränderte, bis hin zur Auflösung ".

Der ebenfalls in der Orangerie vorgestellte Film „Nofretetchen“ war auch Käthe Ebner gewidmet, weil sie die berühmte, in Berlin ausgestellte „Nofretete“-Büste liebte. Dank des Engagements des Kunstbeirates vom Deutschen Bundestag, der staatlichen Filmförderung und des ZDF Kultur, aber auch durch die finanzielle Unterstützung der Kulturstiftung Rügen konnte Juliane Ebner seit dem Jahr 2006 diverse künstlerische Animationsprojekte realisieren. Von einer Filmförderkampagne „Putbus goes to Hollywood“ wollte Reinhard Litty, Vorstand in der Kulturstiftung Rügen, in diesem Zusammenhang nicht gleicht sprechen, aber die finanzielle Unterstützung von Kunstprojekten mit bewegten Bildern werde es auch zukünftig geben.

Christian Rödel

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