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Rügen Zwei kreative Köpfe lassen sich von Rügen inspirieren
Vorpommern Rügen Zwei kreative Köpfe lassen sich von Rügen inspirieren
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18:43 21.12.2018
Ein Paar voller kreativer Ideen: Carola Weiß und Peter Nimsch haben im November auf Rügen ihre Zelte aufgeschlagen. Foto: Gerit Herold
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Göhren

Sie malen, zeichnen, nähen, fotografieren. Sie lieben es, alten Möbeln neue Gesichter zu geben. Und sie denken sich gern witzige Sprüche aus. So stehen unter den lustigen Fischen in ihrem Rügen-Ausmalbuch für Kinder und Erwachsene Verse wie: „Ist der Hering in der Dose, schwimmt er in Tomatensoße“ oder „Fische, die im Brötchen stecken, am besten nach dem Baden schmecken“. Für Carola Weiß und Peter Nimsch ist das purer Spaß. Für den haben sie wieder mehr Zeit, seitdem die beiden kreativen Köpfe im November auf Rügen gestrandet sind –nach Jahren aufregender und hektischer Arbeitswelt in Leipzig, wo sie mit ihrer Werbeagentur für viele große Kunden tätig waren.

Das Ankommen auf der Insel ist für Carola Weiß ein Wiederkommen. Die 56-Jährige ist in Göhren verwurzelt, sie ist eine Geborene Jagnow. „Ich hatte immer Heimweh, nach meinem Heimatort, der Familie, den Freunden, der Natur und Landschaft, dem Meer“, sagt sie. Ihren Mann Peter Nimsch zog die Liebe mit an die Küste. Zudem war in beiden längst der Wunsch gereift, die quirlige Messemetropole in Sachsen hinter sich zu lassen, um an der Ostsee etwas Neues zu wagen und „runter zu kommen“. Der Denkanstoß dazu kam beim Besuch des Rügen-Marktes in Thiessow, als Carola den Stand ihrer Freundin betreute. „Da haben wir Blut geleckt“, lacht die gebürtige Rüganerin. Es kam in ihr hoch, das zu machen, was sie schon immer am liebsten tat: malen und nähen. Sie entwarf extravagante Gürteltaschen. Hinzu kamen Glitzer-Tattoos, die sie auf Kinderarme zaubert. So beliebt, dass sich im Sommer Schlangen an ihrem Stand bildeten.

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„Ich wollte immer Modezeichnerin werden“, erzählt Carola Weiß. Ihr Vater war selbstständiger Maler und bestand auf eine Berufsausbildung. Also zog die junge Frau nach Zittau, um Textilfacharbeiter zu lernen – ein anschließendes Modedesign-Studium im Hinterkopf. Nach der Lehre meldetet sie sich zur Eignungsprüfungen und bestand mit drei weiteren Bewerberinnen von insgesamt 100 Mädchen. Doch ihr Ausbildungsbetrieb delegierte sie nicht. So ließ sie sich in Karl-Mark-Stadt zum Gebrauchswerber ausbilden und arbeitete zwölf Jahre in diesem Beruf bis zur Wende. „Ich hatte viel Glück, weil wir damals schräge Kunden hatten. Das hat viel Spaß gemacht“, erinnert sie sich an beklebte Straßenbahnen und aufwendige Bühnen-Dekos. In der freien Marktwirtschaft arbeitete sie nun in einer Werbeagentur mit Aufträgen unter anderem für VW.

Bei einer Weiterbildung lernte sie Peter kennen, die Konkurrenz sozusagen. Denn der Leipziger hatte 1991 eine eigene Agentur gegründet und war erfolgreich. Nimsch war „Vater“ der Bier-Kampagne „Das Schwarze mit der blonden Seele”, die 1997 mit dem Effie, dem Oskar in der Werbe- und Kommunikationsbranche, prämiert wurde. „Als erste ostdeutsche Agentur“, sagt der 61-Jährige nicht ohne Stolz. Seinen Weg dorthin beschreibt er dennoch bescheiden mit zwei Worten: „Viel Glück.“ Der gelernte Schriftsetzer hatte in der 80ern an der Technischen Hochschule Leipzig Polygrafie und Drucktechnik studiert, wo er anschließend als Assistent blieb und Vorlesungen und Seminare für angewandte Mathematik gab. Nebenbei war er als freier Grafiker im bekannten Leipziger Hotel „Merkur“ tätig. „Wir haben von der Streichholzschachtel bis zum Toilettentütchen mit Blumen alles ausprobiert“, schwärmt er von dieser kreativen Zeit. Diese forderte auch ungewöhnliche Opfer: „Nachdem wir West-Cocktails für die Speisekarte fotografiert hatten, tranken wir alle aus und waren ziemlich betrunken“, lacht Nimsch.

1988 wurde er Künstlerischer Leiter im Verlag Bibliographisches Institut Leipzig. Weil jeder DDR-Betrieb zur Erhöhung des Versorgungsniveaus Konsumgüter produzieren sollte, kam sein Professor zu ihm und bat ihn darum, ein Malbuch aus den Resten der Druckbögen zu gestalten. Peter Nimsch und holt ein rotes Bändchen aus dem Regal. „Faschingszoo – ein Bastel- und Malheft für Kinder“ steht darauf.

Das „Konsumgüter“ Bastel- und Malbuch aus den 80er Jahren, das Peter Nimsch entworfen hat und das im Verlag Junge Welt Berlin erschienen ist. Quelle: Gerit Herold

„Jetzt haben wir davon eine Neuauflage gemacht“, sagt Carola Weiß. Erschienen ist das Heftchen im eigenen Verlag Sekt & Selter, wie auch die Agentur heißt, mit der das Paar im Jahre 2004 beruflich neu startete. „Es gibt nichts, was wir nicht gemacht haben“, blickt Carola Weiß zurück. Neben großen Auftraggebern wie Brauereien waren auch ungewöhnliche dabei, wie ein Leipziger Vergnügungsetablissement.

„Ich hatte nie große Pläne und habe immer alles spontan gemacht“, sagt Carola Weiß. Aber ein Plan stand doch immer fest: „Ich wollte mit 50 Jahren ein Atelier haben und Bilder malen.“ Nun war die Zeit reif, reif für die Insel. „Ich bin glücklich, dass wir hier sind. Wir sind gespannt, wie es weitergeht.“ Es sei jetzt nur ungewohnt ohne die vielen Heimwehgedanken. Diese kommen bei Peter Nimsch nicht auf. Nur sein Gospelchor „open up wide” der Thomaskirche zu Leipzig, in dem er mitgesungen hatte, fehle ihm, gibt der Sachse zu. Zu seinen Talenten zählt auch das Schreiben. Nach seinem Leipzig-Roman „Lust und Liebe dann kam das Leben“ will er nun ein weiteres Buch schreiben.

Gerit Herold

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