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Vorpommern Schnelle Hilfe trotz langer Wege
Vorpommern Schnelle Hilfe trotz langer Wege
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09:42 28.03.2019
Notfallsanitäter Enrico Wienholz in einem Rettungswagen kommuniziert mit dem Telenotarzt. Quelle: FOTO: Karsten Lehmann
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Greifswald/Stralsund

Wohnungsmangel und steigende Mieten in Ballungszentren, Wüstungen oder Wohnungsleerstände auf dem Land: Dass Deutschland auseinanderdriftet, liegt nicht nur an den besser bezahlten Jobs in den Städten. Während Unternehmen und Einwohner in den urbanen Zentren auf digitalen Autobahnen surfen, gleicht der Breitbandausbau auf dem Dorf noch einem holprigen Feldweg. Doch zumindest bei der notärztlichen Versorgung will Vorpommern mit den Ballungszentren gleichziehen – und das mithilfe des Internets.

Notfallversorgung

mit digitaler Hilfe

Es klingt widersprüchlich, könnte sich aber – so zumindest die Erwartungen der Macher – zu einer Erfolgsgeschichte entwickeln. Der Kreis Vorpommern-Greifswald setzt bei der Ersten Hilfe und Notfallversorgung von Patienten zunehmend auf digitale Hilfe. Weil Rettungswagen und Notarzt auf dem Land in der Regel länger zum Notfallpatienten unterwegs sind als in der Stadt, werden im Landkreis seit September 2017 lebenswichtige Minuten mit Hilfe von Handy und Funktechnik gewonnen. Es geht dem Kreis um den Erhalt der Dörfer als lebenswerte Wohn- und Arbeitsorte, eine „gigantische Herausforderung“, wie Vorpommern-Greifswalds Sozialdezernent Dirk Scheer sagte. „Wir wollen, dass die Menschen im ländlichen Raum wohnen bleiben. Deshalb brauchen wir neben dem Internet eine gut funktionierende notärztliche Versorgung.“

Die Schlagworte der digitalen medizinischen Hilfe, die vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses mit 5,4 Millionen Euro gefördert wird, sind das Telenotarzt-System und die Land-Retter-App. Mit der Land-Retter-App werden in Vorpommern-Greifswald seit gut einem Jahr qualifizierte Ersthelfer in der Nähe eines Notfalls zu einer Wiederbelebung gerufen, die dann noch vor den Rettungskräften mit der Wiederbelebung starten. Es geht dabei um den Gewinn von vier bis sechs Minuten. „Diese Spanne entscheidet nicht nur darüber,, ob der Mensch einen Herz-Kreislaufstillstand überlebt, sondern auch mit welchen neurologischen Langzeitschäden“, erklärte Professor Klaus Hahnenkamp, Klinikdirektor der Anästhosiologie an der Uni-Medizin Greifswald.

Im vergangenen Jahr wurden die Rettungskräfte in Vorpommern-Greifswald 372 mal alarmiert, weil bei Einwohnern und Urlaubern das Herz aufhörte zu schlagen. Gleichzeitig ging über einen Messenger-Dienst eine Nachricht an einen als Land-Retter registrierten und medizinisch vorgebildeten Helfer. Voraussetzung: Er darf nur einen Kilometer vom Standort des Notfallpatienten entfernt sein. In 15 Prozent der Fälle (55 Betroffene) seien über die App qualifizierte Ersthelfer alarmiert worden, die noch vor dem Eintreffen des Rettungswagens mit der lebensrettenden Wiederbelebung begonnen hätten, sagte Projektleiter Peter Brinkrolf.

Ähnlich positiv wird in einer ersten Zwischenbilanz in Vorpommern-Greifswald auch das Telenotarzt-System bewertet, bei dem ein Notarzt von der Leitstelle aus die Rettungskräfte vor Ort so lange instruiert, bis der Kollege im Fahrzeug am Einsatzort ist. Der Telenotarzt kam seit Herbst 2017 knapp 1900mal zum Einsatz. Mit Erfolg, wie die Projektmitarbeitern und Anästhesistin Bibiana Metelmann sagte. „Während der Notarzt noch im Fahrzeug unterwegs war, konnte sein Kollege aus der Rettungsleitstelle heraus bereits eine Medikamentengabe anweisen, damit der Patient später schmerzfrei transportiert werden kann.“ Auch seien durch die telemedizinische Beurteilung per Audio, Foto und Video bereits schwere Erkrankungen ausgeschlossen und Krankenhausaufenthalte vermieden worden. „Für den Patienten ist das natürlich eine Erleichterung.“

Sim-Karten von drei Netzen im Rettungswagen

Doch wie funktioniert der Austausch zwischen Rettungswagen und Leitstelle in einem Landkreis mit Funklöchern und teilweise schlechter Internetverbindung? Die im Rettungswagen installierte Kommunikationseinheit (peeqBox) ist mit Sim-Karten der drei größten Telekommunikationsanbieter Deutschlands (Telekom, Vodafone und O2) bestückt, wie Bibiana Metelmann sagte. „Damit ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass eine Funkverbindung zustande kommt.“ Zudem arbeite das System dreistufig. Sei das Band für eine Videoübertragung zu schwach, könnten noch Fotos – beispielsweise vom Medikamentenplan – an den Telenotarzt gesendet werden. Im schlechtesten Fall sei immer noch eine Audio-Kommunikation möglich.

Vorpommern-Rügen will sich in Telemedizin-System einklinken

Nun soll die Telemedizin auch beim nördlichen Nachbarn Schule machen. Der Landkreis Vorpommern-Rügen will sich in das System einklinken und dafür die in Greifswald geschaffene Basis nutzen. „Der Telenotarzt ersetzt nicht die Rettungskräfte vor Ort. Er schafft aber Sicherheit und kann die Besatzung unterstützen“, begründete der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes von Vorpommern-Rügen, Norbert Matthes, die angestrebte Zusammenarbeit. Die Förderanträge beim Land seien gestellt. „Wir hoffen, dass wir Mitte des Jahres mit den Schulungen und der technischen Ausstattung der Rettungswagen beginnen können.“ Dabei will Vorpommern-Rügen das Rad nicht neu erfinden: Der Telenotarzt soll – so die Überlegungen – von Greifswald aus auch die Rettungskräfte in Vorpommern-Rügen instruieren.

Doch die Zusammenarbeit der beiden Leitstellen in Greifswald und Stralsund, die mit identischen Software-Systemen arbeiten, soll noch weiter gehen. In einem öffentlich-rechtlichen Vertrag wollen die Kreise eine Zusammenarbeit auf den Ebenen der sogenannten nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr (Feuerwehr, Rettungsdienst Katastrophenschutz) festschreiben. So soll unter anderem sichergestellt werden, dass bei einem Komplettausfall einer Leitstelle die Parallel-Einrichtung die Arbeit übernehmen kann, wie Matthes erklärte.

Problem: Die meisten Land-Retter in der Stadt

Anderthalb Jahre nach dem Start des Telenotarzt-Systems und der Land-Retter-App sieht man trotz der positiven Zwischenbilanz auch in Vorpommern-Greifswald noch Verbesserungsbedarf. Kreis und Uni-Medizin suchen derzeit vor allem auf den Dörfern und im südlichen Vorpommern Menschen mit medizinischer Grundqualifikation, die sich als Land-Retter registrieren. Gerade auf dem Land, wo die Anfahrt des Rettungswagens auch mal mehr als die angestrebten zehn Minuten dauern kann, sieht es derzeit noch mau aus. Die meisten der registrierten und geschulten 250 Land-Retter leben oder arbeiten in Greifswald oder dem näheren Umfeld.

Die Uni-Medizin Greifswald hatte bereits vor Jahren mit der Schulung von Einwohnern begonnen. 11 000 Angestellte, Rentner und Schüler haben sich dabei kreisweit nach dem Takt des BeeGees-Hits „Stayin´ Alive“ in der Herzdruckmassage schulen lassen. Diese Hilfe sei wichtig, betonte Klinikdirektor Hahnenkamp. Doch bei qualifizierten Ersthelfern sei die Rate einer erfolgreichen Reanimation nahezu doppelt so hoch wie bei Laien. Statistisch gesehen könnte ein Prozent der Bevölkerung über die App als Land-Retter tätig werden, weil sie die entsprechende Qualifikation hat. Ein Prozent von 240 000 Einwohnern – das wären 2400 Helfer allein in Vorpommern-Greifswald, die in der Lage wären, im Notfall eine qualifizierte Erste Hilfe bei einem Herz-Kreislaufstillstand zu leisten.

Martina Rathke

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