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Stralsund So lief der Busfahrerstreik in Stralsund
Vorpommern Stralsund

Busfahrerstreik in Stralsund: So lief der Verdi-Arbeitskampf um Nahverkehr

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15:41 16.01.2020
Gewerkschaftssekretärin Simone Wolf aus Stralsund und der Stralsunder Busfahrer Sven Walter vor dem Depot mit rund 50 Streikenden. Quelle: E-Mail-OZ-Lokalredaktion-HST
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Stralsund

Der erste Warnstreik im Stralsunder Nahverkehr seit 1999 hat einige Hansestädter am Donnerstagmorgen hart getroffen. Teils sehr kurzfristig mussten zahlreiche Bürger eine schnelle Alternative zum gewohnten Arbeits- oder Schulweg finden – Kinder wurden von Eltern sogar aus den Schulen genommen. Denn im Tarifstreit hat die Gewerkschaft Verdi fast alle Linien im Landkreis Vorpommern-Rügen bestreikt. So verließ von Betriebsbeginn an bis rund 9.30 Uhr kein Bus das Depot der Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen mbH am Stralsunder Umspannwerk. Vor den Toren hatten sich rund 50 Streikende postiert und eine Ausfahrt der Fahrzeuge verhindert.

An vielen der 1220 VVR-Haltestellen, an denen es keine digitalen Warnhinweise gab, warteten die Fahrgäste vergebens auf einen Bus. Teils in Grüppchen, teils allein – wie der Student Nils Wischnewski. Der 28-Jährige lief die ersten acht Kilometer von Andershof bis in die Stralsunder Innenstadt zu Fuß – erst dann verstand er seine missliche Lage: Kein Bus fuhr zur Hochschule. „Ein stressiger Start in den Tag“, sagt Wischnewski, der auf dem Weg zu einer Prüfung war. Für ihn ärgerlich: „Seit über zwei Jahren bin ich kein Bus mehr gefahren“, sagt er. „Aber mein Rad ist kaputt. Ich hatte keine Wahl.“ Trotzdem zeigte er Verständnis. „Sie streiken für bessere Löhne“, sagt der junge Stralsunder. „Das ist für die Region wichtig.“

Dafür streiken die Busfahrer

Bis 9.30 Uhr blieben alle Busse im Stralsunder Depot stehen. Quelle: Stefan Sauer

Diese Haltung ermutig Sven Walter (45). Der Busfahrer aus Stralsund hatte sich dem Streik angeschlossen. „Streiken ist meine Pflicht. Auch für die Kollegen. Wir wollen etwas erreichen“, sagt Walter, der seit zwölf Jahren für den VVR arbeitet. „Gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Ich finde es beschämend, dass wir davon seit der Wende noch immer weit entfernt sind.“ Unterstützt wurden die Streikenden von der Gewerkschaftssekretärin Simone Wolf. „Fast alle Kollegen, die heute Dienst hätten, sind dabei“, sagt die 52-Jährige, die als einzige Hauptamtliche im Landkreis Vorpommern-Rügen aktiv war. „Ich bin mit der Beteiligung seit 3.30 Uhr sehr zufrieden. Die Stimmung unter den Kollegen ist gut. Sie werden weiterhin auf die Straße gehen, wenn kein Angebot kommt, das akzeptabel ist.“

Doch davon ist man vor der nächsten Verhandlungsrunde am Freitag weit entfernt. In den aktuellen Lohnverhandlungen fordern die Fahrer zwei Euro mehr pro Stunde. Das Einstiegsgehalt würde dann bei knapp über 15 Euro pro Stunde liegen, wenn die Verhandlungen erfolgreich verlaufen – plus eine Einmalzahlung von 100 Euro. Auch dann läge der Lohn immer noch unter dem Westniveau.

VVR-Chef hält Verdi-Forderung für unrealistisch

Erlebte seinen ersten Warnstreik: Ulrich Sehl ist Geschäftsführer der VVR seit dem 1. Januar 2019. Quelle: VVR

Die Forderung nach mehr Lohn kann VVR-Geschäftsführer Ulrich Sehl, Chef von 317 Mitarbeitern (davon 280 Busfahrer), menschlich nachvollziehen. Er findet die Höhe jedoch unpassend. „Unter wirtschaftlichen Aspekten ist eine Erhöhung um mehr als 15 Prozent unrealistisch“, sagt er. Real werden von der Gewerkschaft derzeit 10 Prozent gefordert. Auch kritisiert Sehl die hohe Eskalationsstufe. „Zu so einem frühen Zeitpunkt der Tarifverhandlungen halte ich einen Warnstreik für unangemessen“, sagt er. „Denn auch den Schulverkehr hat es gleich getroffen.“ Ähnlich sehen dies laut einer Umfrage auf dem sozialen Netzwerk Instagram auch rund 18 Prozent der OZ-Leser. Sie empfanden den Streik als „rücksichtslos“. Weiterhin wurden rund 11 Prozent vom Streik überrascht. „Wir haben selbst davon erst am Mittwoch erfahren“, sagt VVR-Unternehmenssprecher Michael Lang. „Wir haben versucht, möglichst viele Bürger über unsere Kanäle zu erreichen. Die Schulen haben wir umgehend direkt informiert.“ Aus seiner Sicht hätte die Informationskette gut funktioniert. „Wir hatten nur wenige Nachfragen am Servicetelefon“, sagt er.

So war die Lage an den Schulen

Trotzdem kamen etliche Schüler nicht zum Unterricht. Andere, wie die Achtklässler Florian Malchow und Niclas Strominski, liefen zu Fuß. Beide waren ungefähr eine Stunde unterwegs. Durch die Busausfälle gab es viel mehr Elterntaxis. Vor den Schulen staute sich gegen 7.30 Uhr teils kurz der Verkehr. Auch Neuntklässler Eric Tobias wurde gefahren. „Ursprünglich wollte ich zu Hause bleiben, da heute nur ein Projekttag ist“, sagt er. „Aber ich habe es nicht geschafft, meine Mutter zu überreden. Sie hat mich zur Schule gefahren.” Der 18-jährige Jack Hartmann aus der zwölften Klasse vom Goethe-Gymnasium kommt sonst auch mit dem Bus zur Schule. Am Donnerstag nahm er stattdessen das Rad. „Es war sehr entspannt“, meint er. Auch die 19-jährige Vivien Klawitter fand eine Mitfahrgelegenheit: „Meine Stiefmutter muss zum Glück zu einer ähnlichen Uhrzeit zur Arbeit“, erzählt sie. Ihre Stiefmutter fände den Streik trotzdem gut. Man müsse die Arbeitgeber manchmal durch solche Maßnahmen zwingen. Weniger Verständnis hat dafür die 17-jährige Joulina Suhrow. Sie ließ sich von Freunden in einer Bushaltestelle abholen. „Meine Mutter hat mich schon am Mittwoch informiert“, sagt sie. Kritisch zum Streik: „Ich finde es nicht gut. Viele Menschen sind auf die Busse angewiesen.“

Insgesamt hielten sich die Auswirkungen an den Schulen jedoch in Grenzen. „Bei uns gab es nur ganz wenige Schüler, die wegen des Streiks gefehlt haben“, sagt Anja Gaffrey von der Grundschule „Juri Gagarin“. Diese Schüler sind von den Eltern entschuldigt worden, wenn diese keine Möglichkeit hatten, das Kind zur Schule zu bringen. Genau wie an der Gagarin-Schule ist die Information über den Streik auch am Hansa-Gymnasium bereits am Mittwoch auf der Homepage veröffentlicht worden. „Außerdem gab es Aushänge in der Schule und es wurde mündlich kommuniziert“, erklärt Schulleiter Thomas Janke.

Doch nicht alle Kinder wurden erreicht. „Auf dem Weg habe ich Kinder an den Haltestellen stehen sehen“, berichtet Paul Schöwel (18), der selbst auf das Rad umgestiegen war. Ähnliches beschrieb eine Buchhalterin an der Bushaltestelle am Olaf-Palme-Platz. „Mir standen zwei Grundschulkinder gegenüber. Die sind dann wieder gegangen“, sagt sie. „Ich wollte selbst ein Taxi nehmen. Leider waren alle ausgebucht. Jetzt warte ich auf eine Arbeitskollegin. Sie bringt ihr Kind zur Schule, dann sammelt sie mich ein.“

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