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Stralsund Jürgen Radloff: „Hartz IV war die größte Herausforderung“
Vorpommern Stralsund Jürgen Radloff: „Hartz IV war die größte Herausforderung“
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12:00 14.08.2019
Jürgen Radloff in seinem Büro: Seit 20 Jahren ist er Geschäftsführer der Stralsunder Arbeitsagentur. Quelle: Kai Lachmann
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Stralsund

 Keiner kennt den Arbeitsmarkt in Vorpommern-Rügen besser als Jürgen Radloff (62). Mit der OZ hat er darüber gesprochen, welche Herausforderungen in der Vergangenheit zu bewältigen waren und welche noch auf uns zukommen.

Sie sind einer der dienstältesten Arbeitsagentur-Geschäftsführer in Norddeutschland und haben die Position seit 20 Jahren inne. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Jürgen Radloff: Es war eine sehr herausfordernde und spannende Zeit. Als ich am 4. August 1999 meinen Dienst antrat, war die Arbeitsmarktsituation eine völlig andere. Damals hatten wir eine Arbeitslosenquote von 17,8 Prozent, eine der höchsten in der gesamten Bundesrepublik. Neben der Vermittlung in Beschäftigung war eine vorrangige Aufgabe vor allem auch die pünktliche Auszahlung der Leistungen. Ich denke, damit konnte ein wichtiger Beitrag zur Sicherung des sozialen Friedens geleistet werden.

Was haben Sie unternommen, um die Lage zu verbessern?

Es galt alle Chancen zu nutzen, um Menschen wieder in Arbeit zu bringen und durch eine berufliche Qualifizierung die Leute fit zu machen für den Arbeitsmarkt. Da die Arbeitslosigkeit so hoch war, hatte auch der sogenannte zweite Arbeitsmarkt einen viel größeren Umfang und wichtigere Bedeutung. Das Arbeitsamt Stralsund hatte damals unter anderem in einem Jahr alleine 400 Millionen D-Mark für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eingesetzt.

Können sie Beispiele nennen, wofür das Geld ausgegeben wurde?

Mit dem Geld sind viele nützliche Dinge für die Region geschaffen worden: Wanderwege, Radwege, auch für das Nautineum wurden am Anfang erhebliche Mittel eingesetzt.

Dennoch ist die Arbeitslosigkeit weiter drastisch angestiegen...

...bis sie 2005 in Stralsund bei 27,5 Prozent lag. Wir waren ja auch zuständig für Teile Ostvorpommerns. In Anklam waren es zum Beispiel über 30 Prozent. Die Region befand sich in keiner guten Verfassung und Deutschland galt als kranker Mann Europas.

Fast jede Familie war von Arbeitslosigkeit betroffen

Was macht das mit einem, wenn man weiß, jeder Dritte hat keinen Job? Was macht das mit der Stadt?

Arbeitslosigkeit war ein bestimmendes gesellschaftliche Thema. Viele Familien waren betroffen. Wenn man in den meisten Monaten einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen zu verkünden hat, dann ist das etwas, was einen beschäftigt. Aber um meinen Job machen zu können, muss man damit professionell und sachlich umgehen.

Hat Hartz IV die Wende gebracht?

Mit der Einführung des SGB II 2005 stieg die Arbeitslosigkeit noch einmal an – deutschlandweit. Die Einführung war meine größte berufliche Herausforderung. Das neue Gesetz musste innerhalb weniger Monate umgesetzt werden. Es galt zu allererst, die rechtzeitige Zahlung für alle Betroffenen sicherzustellen – über 20 000 Personen, die ab Januar 2005 Arbeitslosengeld II bezogen. Für die Betreuung dieses Personenkreises wurden in der Region allein vier Arbeitsgemeinschaften mit den kommunalen Trägern aufgebaut. Das war ein sehr großer organisatorischer Aufwand.

Jobcenter in Verantwortung des Kreises

Infolge der Kreisgebietsreform ging am 1. Januar 2013 die Verantwortung für das Jobcenter mit rund 200 Mitarbeitern von der Arbeitsagentur an den Landkreis Vorpommern-Rügen über. In Mecklenburg-Vorpommern ist diese Konstellation laut Jürgen Radloff, Chef der Arbeitsagentur, einmalig. Ganz glücklich ist er mit der Situation nicht. „Ich hielte eine gemeinsame Einrichtung für das bessere Modell“, sagt er. Denn für die Kunden sei die Zweiteilung ungünstig. Arbeitgeber mit Personalbedarf hätten zwei Ansprechpartner – in der Arbeitsagentur und im Jobcenter. Ebenso sehe es in der Ausbildungsvermittlung aus. „Aber das hat der Kreistag damals so entschieden“, sagt Radloff, „und wir arbeiten gut mit den Kollegen zusammen.“

Wie stehen Sie heute zu Hartz IV?

Die Einführung des Sozialgesetzbuch II war vielleicht die größte Sozialreform in der Geschichte der Bundesrepublik. Aus meiner Sicht hat sie einen notwendigen Umbruch eingeleitet und zur Erholung des Arbeitsmarktes geführt. Aus dieser Perspektive ist das SGB II eine Erfolgsgeschichte – bis heute. Allerdings gibt es auch eine Reihe von Punkten, an denen nachgearbeitet werden könnte.

Sprechen Sie darüber mit Politikern?

Ja, beispielsweise führen wir jeweils im Januar ein Arbeitsmarktgespräch mit den Abgeordneten des Deutschen Bundestages und des Landtags aus der Region. Mein Eindruck ist, dass die Abgeordneten sehr aufgeschlossen sind für die Diskussion. 

Ausbildungsmarkt hat sich komplett gedreht

Nach der Einführung von Hart IV erreichten die Arbeitslosenzahlen ihren Höhepunkt. Seitdem gehen sie zurück. Gab es damals eine Art Aufbruchstimmung?

Wir sind sehr froh darüber, dass sich die Situation inzwischen deutlich gebessert hat. Mit dem starken Rückgang der Arbeitslosigkeit und der steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften wandeln sich natürlich auch die Aufgaben unseres Hauses. Zum Beispiel war der Ausbildungsmarkt damals dadurch gekennzeichnet, dass es mehr Jugendliche als Lehrstellen gab – heute ist die Situation genau umgekehrt.

Was sind die Gründe für die Entwicklung?

Zum einen gibt es eine anhaltend erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung in der Region. Wir hatten allein im letzten Jahr einen Zuwachs an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 1200 Personen. Zum anderen spielt auch die demographische Entwicklung eine Rolle. Inzwischen gehen deutlich mehr Personen in den wohlverdienten Ruhestand als junge Menschen die Schule verlassen. Das Verhältnis liegt bei etwa 2:1. Und diese Entwicklung wird auch in den nächsten Jahren voraussichtlich weiter anhalten.

Wie lange noch etwa?

Aus jetziger Sicht noch bis Mitte der 2020er Jahre. Dann gehen die geburtenstärksten Jahrgänge 1962 und 1963 in den Ruhestand. Aber es gibt auch Faktoren, die sich nicht so leicht prognostizieren lassen, etwa Migration und Zuzug in die Region.

Ein Drittel der Migranten hat einen Job

Wie sieht es in puncto Migration aus?

Ein Großteil derer, die 2015 und in den Folgejahren zu uns gekommen sind, hat die Region wieder verlassen. Bei denen, die geblieben sind, denke ich, ist es gelungen, einen beträchtlichen Teil – wenigsten ein Drittel – erwerbsmäßig zu integrieren. Diese Menschen wollen oft schnell arbeiten, um Geld zu verdienen und ihre Familien zu unterstützen. Der eigentlich bessere Weg ist die Aufnahme einer dualen Ausbildung mit einem Facharbeiterabschluss. Damit bestehen dann dauerhaft bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.

Ein großes Zukunftsthema für den Arbeitsmarkt ist die Herausforderung der Digitalisierung. Wie ist die Arbeitsagentur darauf vorbereitet?

Die Digitalisierung bringt mit sich, dass in den meisten Berufen ein Wandel der Arbeitsinhalte stattfindet. Wir stellen uns darauf ein, die Arbeitslosen und Beschäftigten gut zu beraten, um Perspektiven aufzeigen zu können für den Wandel in der Arbeitswelt. Es geht um das lebenslange Lernen. Dazu werden wir verstärkt auf Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote orientieren. Dafür gibt es bei uns das Projekt der lebensbegleitenden Berufsberatung.

Von Kassiererin zu Programmiererin?

Was heißt das zum Beispiel im Falle einer Kassiererin?

Das hängt natürlich auch von der Person ab: Welche individuellen Voraussetzung bringt sie mit, welchen Berufsweg hat sie absolviert, was kann sie sich vorstellen? In der Beratung ist zu schauen, welche Qualifizierung ist sinnvoll und in welchen Bereichen gibt es Bedarfe an Arbeitskräften.

Große Bedarfe gibt es auch in Bereichen, die die Digitalisierung voranbringen. Programmierer, Software-Entwickler und so weiter. Ist es nicht utopisch, eine Kassiererin zur Programmiererin zu machen?

Wir werden nach Werdegang, Kompetenzen und Interessen schauen. Man wird sicherlich nicht alle Beschäftigten zur IT-Fachkraft qualifizieren können. Digitale Kenntnisse werden aber in jedem Aufgabenbereich notwendig sein.

Wie sieht Ihr eigener Werdegang aus?

Ich habe in Leipzig an der Handelshochschule studiert, als Assistent gearbeitet und promoviert. Und habe dann im Juni 1990 im Arbeitsamt Leipzig meine Tätigkeit aufgenommen – genau in dem Gebäude, vor dem ich im Oktober 1989 demonstriert habe. Dort habe ich als Personalchef angefangen und war später Verwaltungsleiter. Eine weitere Etappe war die Leitung der Arbeitsvermittlung im Arbeitsamt Kiel bevor ich nach Stralsund als Direktor gekommen bin.

Stralsund hat eine tolle Entwicklung gemacht

Und hier wollten Sie dann bleiben.

Bis zur Rente und darüber hinaus… Wenn man in eine so landschaftlich reizvolle und wunderschöne Stadt kommt, kann man sich nur schwer trennen. Ich bin sehr heimatverbunden - in Neubrandenburg geboren und kenne die Region von Kindesbeinen an. Die Stadt hat eine tolle Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren gemacht.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Ich fahre viel mit dem Fahrrad und liebe es, an den Stränden in der Region spazieren zu gehen und ich lese gerne. Auch habe ich noch ein kleines Angelboot. Dies nutze ich, um an schönen Sommerabenden herauszufahren und den Sonnenuntergang zu genießen.

Agentur hat 226 Mitarbeiter

Die Bundesagentur für Arbeitbeschäftigt 226 Mitarbeiter in der Region Vorpommern-Rügen. Sie sind verteilt auf die Arbeitsagentur Stralsund mit ihren drei Geschäftsstellen in Grimmen, Ribnitz-Damgarten und Bergen sowie auf spezialisierte Dienstleistungsbereiche wie die Leistungsbearbeitung, die interne Verwaltung und die Familienkasse.

Die Tätigkeiten der Arbeitsagentur erschöpfen sich nicht in der klassischen Arbeitsvermittlung und der Leistungsbearbeitung (Arbeitslosengeld, Berufsausbildungsbeihilfe, Kurzarbeitergeld, Insolvenzgeld, ausbildungsbegleitende Hilfen,...). Auch die Berufsberatung, eine Beratung für Rehabilitanden und Schwerbehinderte, die Arbeitgeberbetreuung und natürlich die Auszahlung von Kindergeld und Kinderzuschlag gehören dazu.

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