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Stralsund Landrat Stefan Kerth im Interview: So steht es um die „Kerthwende“
Vorpommern Stralsund Landrat Stefan Kerth im Interview: So steht es um die „Kerthwende“
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10:26 20.08.2019
Landrat Stefan Kerth (SPD) in seinem Büro. Quelle: Kay Steinke
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Stralsund

Augenoptiker, Extrem-Surfer, Rechtswissenschaftler und dann Landrat des Kreises Vorpommern-Rügen: Das alles ist Stefan Kerth. Seit knapp einem Jahr führt der 46-jährige Barther eine der größten Behörden im Land MV. Ihm unterstellt sind rund 1400 Mitarbeiter. Im Interview spricht er über seinen Alltag, die Liebe zum Wassersport und die Vorreiterrolle beim Breitbandausbau.

Fast ein Jahr Landrat. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Absolut positiv. Ich freue mich jeden Tag dieses Amt bekleiden zu dürfen. Ich bin von meinem neuen Team toll aufgenommen worden. Sehe mich selbst aber nur als Rad in einem Getriebe, das Daseinsvorsorge produziert und Identität stiftet. Damit fühle ich mich derzeit sauwohl.

Sie sind damals mit dem Slogan „Kerthwende“ in den Wahlkampf gegangen. Ist davon schon was sichtbar?

Meine ’Kerthwende’ ist mehr als nur ein Flachs oder eine Provokation gewesen. Denn ich bin der Meinung, dass wir wegkommen müssen von der rein fiskalischen Betrachtung von Daseins-Vorsorge. Wir müssen gucken, wie das Zusammenleben produktiv organisiert wird. Auch wenn man viele Ideen hatte, konnte ich als Barther Bürgermeister nicht alles umsetzen. Am Ende fehlte immer Geld, Geld – und Geld. Privat bin erzkonservativ was das Aufnehmen von Schulden betrifft. Beruflich ist jetzt aber eine gute Zeit für Investitionen. ’Kerthwende’ steht da für eine Abkehr vom Minimalismus. Wir müssen uns trauen, wieder Visionen zu haben und nach vorne zu gehen. Wir wollen hier zukunftsorientierter arbeiten. Ich selbst habe vor im Landkreis eine Vorreiterkultur zu etablieren. Mit dem Breitbandausbau sind wir da schon ein großes Stück vorangekommen. Auch beim 5G-Ausbau soll Vorpommern Modellregion werden.

Könnte Vorpommern so für junge Leute attraktiver werden?

Das ist einer von vielen Bausteinen. Auch ich werde das Weggehen der junge Leute nicht komplett drehen können. Aber wir können uns fragen, was wir tun können, damit mehr Leute hier bleiben – oder auch wieder zurückkommen. Wir haben aktuell das Glück, dass wir in einer kommunalen Situation sind, in der wir gestalten können. Diese Jahre müssen wir nutzen. Einer meiner Slogans war auch ’Gestalten statt verwalten’. Das ist mehr als ein Spruch, das kommt von Herzen. Allerdings finde ich die derzeit schrumpfende Wirtschaft bedenklich.

Konnten Sie als Landrat schon konkrete Sachen umsetzen?

Ja, etwas wofür ich im Wahlkampf eingetreten bin ist durch. Und zwar die lange Diskussion um die kostenlose Schülerbeförderung. Dies war auch breiter Konsens im Kreistag. Außerdem will ich unbedingt die kommunale Familie stärken. Dafür will ich alle Bürgermeister des Landkreises und die Kreisverwaltung zusammenzuführen. Noch in diesem Herbst werden wir auf dem Schloss in Ralswiek auf Rügen eine Bürgermeisterwoche mit Seminaren veranstalten. Gute Kontakte zwischen den Fachabteilungen und den Bürgermeistern sind mir äußerst wichtig.

Hat sich Ihr Lebensmittelpunkt verschoben?

Eigentlich nicht. Ich wohne immer noch in Barth. Dort bin ich glücklich. Vor anderthalb Jahren haben meine Frau und ich dort ein Haus saniert. Durch meine Arbeit als Landrat entdecke ich aber ganze neue Ecken in unserem Landkreis. Auch privat mache ich bei uns in Vorpommern Urlaub. Wir fahren gern mit dem Wohnmobil nach Rügen oder Usedom.

Was schätzen Sie an Vorpommern?

Die hohe Lebensqualität für Leute, die hier arbeiten. Familien haben hier ein bezahlbares Leben, in einer gesunden Umwelt mit viel Natur. Ich denke, dass das immer mehr Menschen merken werden. Wir stehen da vor einer Zeitenwende. Die großen Städte platzen bald aus allen Nähten. Als ländlicher Raum zwischen Hamburg und Berlin können wir die Städter abholen.

Sie haben vorher in Schwerin oder Rostock gelebt. Vermissen Sie das dortige Stadtleben?

Null. Mir fehlt nichts. In Schwerin bin ich groß geworden, in Rostock habe ich studiert. In beiden Städten habe ich gern gearbeitet. Aber jetzt genieße ich jeden Tag im schönsten Landkreis Deutschlands. Mit meiner Frau und unseren drei Kindern. Dass ich mal ein Kleinstadt-Fan werde, hätte ich früher nie gedacht.

Sie sind in Vorpommern auf vielen kulturellen Veranstaltungen unterwegs. Was machen Sie noch in ihrer Freizeit?

Mit elf Jahren habe ich mit Windsurfen angefangen. Heute bin ich Extrem-Surfer. Und gehe am liebsten raus, wenn es an unserer Ostseeküste ordentlich scheppert. Seit 25 Jahren mache ich Wellenreiten, Kiten ist jüngst dazu gekommen. Wenn nicht Ostsee, dann sind es heute die kanarischen Inseln. Lange Ausflüge kann ich mir momentan aber nicht leisten. Wenn das Wetter passt, surfe ich auf der Ostsee vor Zingst oder Rügen.

Sie haben Rechtswissenschaft in Rostock studiert und auch promoviert. Was war Ihr Forschungsschwerpunkt?

Mein Thema war die „Berücksichtigung von Umweltkriterien bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen im deutschen und europäischen Recht“.

Klingt ja echt spannend …

War es damals auch. Aber zeitlich ist meine Arbeit schnell überholt worden, durch einen gesetzgeberischen Akt. Trotzdem bleibt das Thema wichtig, auch für meine Arbeit als Landrat. Als Behörde vergeben wir Aufträge und schreiben europaweit aus. Bei grenzübergreifenden Ausschreibungen haben wir uns vieler Möglichkeiten beraubt, in unsere regionalen Märkte zu investieren. Was mich persönlich bewegt: Dass Schulbänke aus Marlow mehr nach Süddeutschland verkauft werden. Das ist gut, aber warum sitzen unsere Schüler hier im Landkreis nicht auch darauf?

Bringt Ihnen auch die Ausbildung zum Augenoptiker noch etwas?

Bei uns in der Familie gibt es eine große Bewunderung fürs Handwerk. Für mich als junger Dachs war klar, dass ich etwas technisch Anspruchsvolles machen und mit Menschen etwas zu tun haben wollte. So kam ich auf Optiker. Heute hilft mir das nur noch bedingt. Aber als ich zuletzt im Strelapark war, habe ich beim Optiker zum Staunen der Anwesenden ein Brillenglas zurecht gebrochen. Heute muss ich leider sagen, dass handwerkliche Berufe in unserer öffentlichen Wahrnehmung viel zu unterrepräsentiert sind. Dabei bieten sie eine tolle Perspektive.

Wie ist der Unterschied zu Ihrer Arbeit als Barther Bürgermeister?

Von den formal juristischen Zusammenhängen ist es recht ähnlich. Dort gibt es die Bürgerschaft, jetzt den Kreistag. Sonst habe ich nun ein breiteres Umfeld und bin an größeren, abstrakteren Themen dran. Es gibt viele hauptamtliche Bürgermeister in MV aber nur sechs Landräte. Die Arbeit eines Landrates ist weniger persönlich. Deswegen biete ich Bürgersprechstunden an. Diese rotieren zwischen Stralsund und den Außenstandorten Bergen, Ribnitz-Damgarten und Grimmen. Auch auf Hiddensee gab es eine Sprechstunde. Dort ging es ums Feuerwerk und den seit Jahren fehlenden Zahnarzt.

Wie managen Sie Ihre Behörde?

Ich bin ein Teammensch und arbeite mit viele Fachleuten zusammen. Meine Mitarbeiter sollen mit Freude zur Arbeit gehen. Ich bin mir sicher, dass das die Arbeitsleistung steigert. Wenn ich es einrichten kann, gucke ich mir den konkreten Fall vor einer Entscheidung an, um ein Gefühl für den einzelnen Bereich entwickeln zu können. Zuletzt habe ich in der Ausländerbehörde hospitiert. Wie laufen dort zum Beispiel die Gespräche an einem Zahltag ab? Auch wenn nichts Aufregendes passiert ist, habe ich dort viel mitgenommen.

Spürt man auch den Personalmangel?

Wir bieten gute Arbeitsbedingungen. Trotzdem müssen wir auch um Personal kämpfen. Früher haben wir nur im Landkreis ausgeschrieben, heute meist schon in ganz MV und darüber hinaus. Wir bilden selbst breiter aus. Neben den Lehrberufen Verwaltung, Vermessungstechnik und Bürokommunikation, bieten wir jetzt auch duale Studiengänge in den Fachrichtungen soziale Arbeit, öffentliche Verwaltung und Bauingenieurwesen an. Gerade im Bau herrscht zur Zeit ein absoluter Engpass.

Wie beginnt Ihr Arbeitstag?

Normalerweise starte ich hier in der Verwaltung. Meist mit einer Morgenrunde. In dieser werden mit den engsten Mitarbeitern die wichtigsten Themen koordiniert. Dazu gibt es Kaffee mit Milch – ohne Plastik. Wir wollen eine plastikarme Verwaltung werden. Das ist nicht so leicht. Dann finden verschiedene Beratungen mit unseren Fachabteilungen statt oder auch mit anderen Behörden wie zum Beispiel dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt. Als Landrat trage ich auch hohe Verantwortung außerhalb der Kreisverwaltung. So bin ich Vorsitzender des Planungsverbandes Vorpommern und im Finanzausschuss im Landkreistag MV. Auch das kostet alles viel Zeit. So nutze ich jede freie Minute im Pkw um mich auf Termine vorzubereiten.

Haben Sie da noch ein Privatleben?

Ich muss für meine Familie schon oft nach Kompromissen suchen. Der Spagat zwischen Beruf und Familie ist schwierig. Unser Landreis ist groß. Jedes Wochenende, besonders im Sommer, bekomme ich mehrere Einladungen zu Veranstaltungen. Alle laden den Landrat ein. Da muss ich bei meiner Frau immer vorsichtig vorfühlen, ob wir einen Termin gemeinsam als Familie machen können. Ein Dorffest ist mir genauso wie wichtig wie ein Kammermusikkonzert oder die Wallensteintage. Es geht eben nicht alles. Sonst geht man kaputt. Dafür bitte ich dann auch um Verständnis. Privat kann ich jedoch in Barth sein. Bei meiner Familie. Da bin ich für viele einfach der Stefan. Meine Frau und ich haben uns in Rostock kennengelernt und festgestellt, dass wir beide im selben Krankenhaus in Parchim geboren worden sind. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen Bezug zu Parchim, jetzt wohnen dort meine Schwiegereltern.

Landrat Stefan Kerth und der Kreis Vorpommern-Rügen

Im Juni 2018setzte sich Stefan Kerth (SPD) in einer Stichwahl mit 56,6 Prozent der Stimmen gegen Andreas Kuhn (CDU) durch. Damit wurde er zum neuen Landrat in Vorpommern-Rügen gewählt.

Am 1. Oktober 2018 wurde Kerth (46) die Ernennungsurkunde zum Landrat von seinem Amtsvorgänger Ralf Drescher (CDU) überreicht.

Kerth wurde am 16. April 1973 in Parchim geboren. Er wohnt mit seiner Frau, zwei Töchtern und einem Sohn in Barth. 1989 begann er eine Ausbildung zum Augenoptiker, studierte nach dem Abitur an der Uni Rostock Rechtswissenschaften promovierte dort zum Doktor der Rechte.

Rund 1400 Mitarbeiterzählen zum Landratsamt Vorpommern-Rügen, alle Eigenbetriebe eingerechnet. 70 Prozent der Angestellten sind Frauen. 18 Personen haben eine leitende Position, sieben davon sind weiblich.

Der Landkreis Vorpommern-Rügen ist mit einer Fläche von 3207 km² der fünftgrößte in Deutschland. Hier leben 225 889 Einwohner (Stand 30. September 2017). Das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 70 Einwohner je km².

20 Ämter, Städte und Gemeinden gehören zum Landkreis. Das Gebiet steht fast zu 2/3 unter Schutzstatus. Im Einzelnen: 51 Naturschutzgebiete, 17 Landschaftsschutzgebiete und die Nationalparks ,,Vorpommersche Boddenlandschaft'' und ,,Jasmund''und das Biosphärenreservat Südost Rügen.

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