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Stralsund Stralsunder Schiff „Alan Kurdi“ hat 200 Menschen gerettet
Vorpommern Stralsund Stralsunder Schiff „Alan Kurdi“ hat 200 Menschen gerettet
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12:03 15.07.2019
Flüchtlinge werden vor der Küste von Libyen von Mitgliedern der Rettungsorganisation Sea-Eye auf deren Schiff „Alan Kurdi“ gebracht. Quelle: Fabian Heinz/Sea-Eye/dpa
Stralsund

Das Rettungsschiff „Alan Kurdi“ war Anfang des Monats tagelang auf Irrfahrt auf dem Mittelmeer. Italien wollte die 65 von einem überfüllten Schlauchboot vor der libyschen Küste geretteten Menschen nicht an Land lassen. An Bord spitzte sich die Lage zu. Drei Gerettete benötigten dringend medizinische Hilfe und wurden schließlich per Lufttransport abgeholt. Die verbleibenden 62 konnten später in Malta an Land gehen. Deutschland erklärte sich bereit, einen Teil der Menschen aufzunehmen. Die Crew des Schiffes war sich einig: Sie will weiter Leben retten.

Die 38 Meter lange „Alan Kurdi“ gehört der Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye und fährt unter deutscher Flagge. Der Heimathafen ist seit 2011 wieder Stralsund. Der Name der Stadt ist in großen Lettern auf dem Heck zu sehen.

Gebaut in der „Loggerschlacht“

Gebaut wurde sie als Teil der „Loggerschlacht“: So nannte man den Bau von 1060 Schiffen desselben Typs zwischen 1949 bis 1958, die fast ausschließlich als Reparationszahlung an die Sowjetunion gingen. „Es ist dem damaligen Leiter des Seehydrographischen Dienstes, Erich Bruns, zu verdanken, dass dieses Schiff hierbleiben durfte. Er sprach gut russisch und konnte die entscheidenden Leute davon überzeugen, dass die DDR es zur Forschung benötigte“, erzählt Barbara Hentzsch vom Leibnitz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW), das das Schiff viele Jahre lang nutzte.

Stapellauf war am 4. Juni 1951 in der Werft in Roßlau im heutigen Sachsen-Anhalt. Der erste Name: „Joh. L. Krüger“. Der erste Heimathafen: Stralsund, danach jahrzehntelang Rostock. Bereits auf der ersten längeren Ausfahrt wurde der größte bisher gemessene Salzwassereinbruch in der Ostsee festgestellt. Ein Achtungserfolg für die Forscher.

Das Schiff wurde 1960 vom Institut für Meeresforschung der Deutschen Akademie der Wissenschaften übernommen. Sie war eine zivile Nachfolgeinstitution des der Marine unterstellten Seehydrographischen Dienstes. Das Schiff bekam den Namen „Prof. Penck“ und später während eines Umbaus auf der Stralsunder Volkswerft „Prof. Albrecht Penck“. Ab 1964 wurde auch das Prof. ausgeschrieben. Der Namensgeber war ein angesehener Geograph und Geologe.

Teil der deutsch-deutschen Geschichte

„Eine Expedition ging nach Westafrika – ohne Klimaanlage“, berichtet Hentzsch. „Eine andere Forschungsfahrt ging nach Spitzbergen, dabei hat das Schiff nicht mal eine Eisklasse oder GPS.“ Fast 40 Jahre lang fuhr Wolfgang Matthäus auf mehrwöchigen Expeditionen mit. Zahlreiche Forschungsgeräte habe man am Institut für Meeresforschung selbst gebaut. Der Wissenschaftler berichtet davon, dass im Verbund mit mehreren Ländern die Temperatur, der Sauer- und der Nährstoffgehalt der Ostsee gemessen wurden. „Auf diese Daten hatten dann alle Länder Zugriff.“

Aber nicht nur deshalb wurde das Schiff zu einem Bindeglied zwischen den Blöcken im Kalten Krieg. Über Jahrzehnte sei auf der „Penck“ auch die einzige Möglichkeit für die Ostseeforscher der DDR gewesen, während internationaler Kongresse Treffen zwischen Ozeanographen und Meeresbiologen von Ost und West und inoffizielle Diskussionen und Gespräche abzuhalten.

Das Schiff hat eine fast 70-jährige Geschichte. Im Dienste der Forschung legte es weit mehr 600 000 Meilen zurück.

Wie Matthäus sind zahlreiche weitere ehemalige und aktuelle Beschäftigte des IOW noch immer emotional mit dem Schiff verbunden. Bei dieser Leistung ist das nicht verwunderlich: „Auf etwa 950 Forschungsfahrten vom äquatorialen Atlantik bis zum Europäischen Nordmeer, aber mit dem Einsatzschwerpunkt in der Ostsee, legte die ,Professor Albrecht Penck’ 640 000 Seemeilen oder 1 186 000 Kilometer zurück“, schreibt das IOW auf seiner Internetseite. „Das entspricht ungefähr 30 Erdumrundungen.“

Schwimmendes Klassenzimmer vor dem Ozeaneum?

Im Jahr 2010 stellte das Land das Schiff außer Dienst. Ein Jahr später kaufte die auf Korrosionsschutz spezialisierte Krebs-Unternehmensgruppe die „Penck“ und nutzte sie für Arbeiten an Offshore-Windparks und im Umweltmonitoring.

Frühere Pläne, darin ein schwimmendes Klassenzimmer in Stralsund vor dem Ozeaneum einzurichten, scheiterten an zu hohen Heizkosten. Manch ein Vortrag wurde dennoch an Bord gehalten, etwa vom Stralsunder Reisejournalist Peer Schmidt-Walther. „Das Schiff lag direkt am Hansekai. Es machte einen sehr robusten Eindruck auf mich. Im Inneren sah es noch sehr DDR-mäßig aus mit Wachstuchtischdecken und Stahlrohrstühlen.“

Neue Aufgabe, neuer Name, bald auch neuer Heimathafen

2018 wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen, als die sich über Spenden finanzierende Organisation Sea-Eye das Schiff übernahm, um es im Mittelmeer einzusetzen. „Der Heimathafen Stralsund wurde mitübernommen“, sagt der Vorsitzende Gorden Isler. „Wir wollen aber, dass der Heimathafen bei der nächsten Gelegenheit nach Hamburg verlegt wird. Das macht es für uns einfacher, das Schiff zu betreuen.“

Seit diesem Jahr trägt das Schiff seinen heutigen Namen „Alan Kurdi“. So hieß ein dreijähriger syrischer Flüchtlingsjunge, dessen Leiche im Sommer 2015 an einem Strand in der Türkei angespült wurde. Fotos davon gingen um die Welt. „Das Schiff hat genau 200 Menschen vor dem Ertrinken gerettet“, bilanziert Isler.

Kampf gegen den Rost

Barbara Hentzsch vom IOW befürchtet, dass das Schiff nicht mehr lange seetüchtig sein könnte. Rost sei früher schon ein großes Problem gewesen. „Fast jeden Monat musste es gestrichen werden“, sagt sie. „Ich vermute, das kann im jetzigen Einsatz nicht mehr gewährleistet werden.“ Zudem sei der Salzgehalt im Mittelmeer höher als in der Ostsee. „Es wäre eine Schande, müsste das geschichtsträchtige Schiff verschrottet werden.“

Isler erklärt dazu: „Wir werden alles tun, dass sich der Zustand eher verbessert, statt sich zu verschlechtern. Das Schiff ist heute in einem besseren Zustand, als zur Übernahme 2018. Wir haben bereits jetzt tausende Ehrenamtsstunden und viele Spendengelder für die Wartung und Aufbesserung in die ,Alan Kurdi’ investiert und das war es wert.“

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