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Stralsund Eine berührende Familiengeschichte
Vorpommern Stralsund Eine berührende Familiengeschichte
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00:00 13.09.2017
Die Heilgeiststraße in den 20er-Jahren: Das Haus, das seinerzeit der Familie Blach gehörte, befindet sich vorn links im Bild.
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Stralsund

Durch den Erwerb und die Sanierung des Hauses Heilgeiststraße 89 im Jahr 2012 haben wir die Rekonstruktion dieses Kleinods zu unserer Herzenssache gemacht. Wir ahnten nicht, dass uns die Geschichte eines früheren Besitzers dieses Hauses mindestens so intensiv und nachhaltig beschäftigen würde wie das aufwändige Baugeschehen. Dessen Abschluss waren fünf Wohnungen, ein Wein- und ein Teeladen in mittelalterlichem Ambiente gepaart mit modernem Komfort. Dafür wurde uns ein Bauherrenpreis zuerkannt, verbunden mit der Bitte, uns mit der Geschichte des Objektes auseinanderzusetzen.

Nach der Sanierung ihres Hauses in der Heilgeiststraße entdeckten die Eigentümer das Schicksal früherer jüdischer Besitzer und sorgten für ein unverhofftes Familienglück.

Nach dem Stadtbrand 1680 wurde das Giebelhaus um 1700 in barockem Stil wieder aufgebaut. Es beherbergte nacheinander Seidenhändler, Bierbrauer, von 1883 bis 1938 eine Lederwarenhandlung, danach eine Bäckerei, einen Obstladen und mehr. Der letzte Eigentümer bis 1934 war Friedrich Blach, Rechtsanwalt auf Rügen und in Stralsund, Sohn des jüdischen Lederwarenhändlers Julius Blach.

Das Ledergeschäft wurde bis 1938 in der Familie weitergeführt. Friedrich Blach selbst lebte nach dem ersten Weltkrieg in Berlin und war ab 1919 Direktor der Charlottenburger Wasserwerke. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde er 1933 von den Nazis seines Amtes enthoben, verkaufte im folgenden Jahr das Stralsunder Elternhaus und emigrierte 1937 in die USA. Friedrich Blach ist als einziger seiner Geschwister Paula, Else, Ernst, Margarethe und Gertrud dem Holocaust entkommen. Angesichts dieser Tragik rang ich an jener Stelle meines Berichts bei der Preisverleihung mit meiner Fassung.

Das war der Moment, in dem ich mich entschloss, die Suche nach der emigrierten Familie Blach in den USA aufzunehmen.

Blach, USA, im Internet – erfolglos. Suche mit Facebook – ohne Vornamen keine Chance. Im Februar 2016 wollte ich fast aufgeben. Dann lernte ich Kathrin Orth kennen. „Ich bin Historikerin und Erbenermittlerin. Ein spannender Beruf.“ „Ja, ich nutze alle Sorten von Datenbanken. So lange, bis ich jemanden finde.“ „Oh, Datenbanken? Können Sie mir einen Gefallen tun und bitte mal Friedrich Blach eingeben?“

Nach 24 Stunden hatte ich nicht nur die Schiffspassage des Hapag Dampfers „St. Louis“, auf dem Friedrich Blach 1937 ab Hamburg ausgereist ist, sondern auch die Mailadresse seines Enkels, Professor Casey Blake, Direktor des Department for American Studies an der Columbia-University New York. Ich schrieb Professor Blake und fragte ihn, ob er mit Julius und Friedrich Blach verwandt sei. Er war überrascht und antwortete sehr freundlich:

„ Was für eine wundervolle Überraschung. Ja, ich bin der Enkel von Friedrich und der Urenkel von Julius Blach (...) Ich weiß, alle von uns wären begeistert, Fotos vom Blach-Haus zu sehen.“

Sein Vater hatte den Nachnamen Blach später in den USA in Blake ändern lassen. Casey hat noch eine Schwester, Christina Blake. Um ihm Belege seiner Vorfahren in Stralsund zu übermitteln, kopierte ich alle Geburts-, Heirats - und Sterbeurkunden im Stadtarchiv und fotografierte die Gräber auf dem jüdischen Friedhof in der Greifswalder Chaussee. Stadtarchivar Dr. Andreas Neumerkel puzzelte die gesamte Genealogie der Familie Blach seit 1770 zusammen.

Schließlich kopierte ich im Bauamt alle Dokumente des Hauses in der Heilgeiststraße und auch jene von Max Josephs und Gertrud Blachs Modehaus in der Ossenreyerstraße, welches leider im Krieg zerbombt wurde. Ich ließ alles binden, sammelte zusammen, was sich mir bot und schickte es zu Casey Blake nach New York.

Ein lebhafter und herzlicher Austausch von Nachrichten entwickelte sich. Im Oktober 2016 flogen mein Mann und ich nach New York, um Casey zu treffen.

Auf dem Heimflug zurück nach Deutschland las ich das Buch „Flucht oder Tod“ von Wolfgang Wilhelmus aus Greifswald, der im Jahre 2002 Briefe und Erinnerungen jüdischer Emigranten aus Pommern gesammelt hatte, die ihre Heimat, ihre Flucht und ihr Zurechtkommen in der Emigration beschrieben. Darin fand ich einen Brief von Rosemarie Simons Joseph (geb. 1910) aus Stralsund, der mich aufhorchen ließ:

Friedrich Blachs Schwester, Gertrud Blach, hatte Max Joseph geheiratet und mit ihm ein großes Modekaufhaus in der Ossenreyerstraße 53 gegründet.

Rosemarie schreibt über die Diskriminierung in Stralsund, ihre Hochzeit 1932 in der Stralsunder Synagoge, die Flucht mit ihrem Mann und ihrem Sohn Peter nach Holland. Sie schreibt über die Eltern, Gertrud und Max Joseph, die sich verstecken mussten, über ihr eigenes Versteck und ihr Bemühen, Peter irgendwo unterzubringen, damit wenigstens er der Entdeckungsgefahr entrinnen kann. Die Großeltern Gertrud und Max wurden über das Lager Westerbork nach Sobibor deportiert und 1943 umgebracht. Kurze Zeit später wurde das Versteck von Peter entdeckt. Er kam achtjährig in das Sammellager Westerbork und von dort 1944 ins Konzentrationslager Bergen-Belsen – im Alter von neun Jahren! Ganz allein. Und? Er überlebte! Wie seine Eltern.

Und was schreibt Rosemarie 1988 im Alter von 78 Jahren am Ende des Briefes?

„Mein Sohn Peter ist jetzt 52 Jahre alt, Leiter einer großen Chemiefirma und hat fünf Söhne. Sie leben in Holland, der älteste Sohn studiert zur Zeit in Jerusalem. Meine Tochter lebt mit ihrer Familie in London.“

Sofort blitzte es in mir auf: Du musst diesen Peter finden! Dann hätten Casey und seine Schwester Christina Blake doch noch Verwandte. Im Internet in Holland nach Chemiefirmen gewühlt, immer unter dem Namen Simons Joseph, in Jerusalem nach Simons oder Joseph gefahndet – nichts, nichts. Rosemarie schreibt, so erinnerte ich mich, dass sie ihren ersten Mann verlassen und wieder geheiratet hat – offenbar Herrn Simons. Dieser Name würde also nicht weiterhelfen, und Joseph war doch sicher ihr Mädchenname. In voller Verzweiflung rief ich Kathrin Orth wieder an und bat sie: „Bitte, lies die Geschichte. Wie finden wir Peter?“ Kathrin las und sagte gleich: „Geheiratet 1932 in Stralsund? Auf ins Stadtarchiv und such’ die Heiratsurkunde!“

Rosemarie heiratete im Dezember 1932 Günther Weishut, einen promovierten Geschäftsmann aus Hamburg. Im Internet war Günther Weishuts Grabstein in Holland zu finden. Dann habe ich „Peter Weishut

eingegeben: Tatsächlich! Peter Weishut, Direktor einer international agierenden Firma in Amsterdam, und Facebook macht´s möglich: Peter Weishut in Amsterdam ist mit seinem Sohn Daniel Weishut in Jerusalem „befreundet“. Über dessen dort angegebene Mailadresse bekam ich nach meiner Anfrage über seine Verwandtschaft zu Rosemarie folgende Antwort:

„Dear Friederike Fechner, ja, Rosemarie Simons Joseph ist meine Großmutter, aber Verwandte in den USA habe ich nicht. Ich leite diese Nachricht mal an meine Tante Gaby Glassman nach London weiter, die das Familienarchiv verwaltet. Meinen Stammbaum habe ich Ihnen angehängt, und ich hoffe, damit Ihre Fragen beantwortet zu haben.“

Noch am selben Tag, am 5. Dezember 2016, kam eine lange Mail von Gaby Glassman, der Schwester von Peter Weishut, aus London. Mit größter Lebhaftigkeit erzählte sie eine Anekdote nach der anderen von der Familie, überhäufte mich mit Fragen über Stralsund und war sichtlich erregt über die Nachricht, verschollene Familienmitglieder wiederentdeckt zu haben!

Als Teil nun entstehender Mailgruppen erlebte ich rührende Szenen des Kennenlernens und bei den folgenden vier Skype-Konferenzen die enorme emotionale Tragweite dieser Erstbegegnungen. Gaby erzählte vieles, was ihre Mutter Rosemarie in Stralsund erlebt hat: Das Leben in ihrem normalen Alltag, später auf ihrer Flucht und in ihrem Versteck. Sie berichtete auch von ihren eigenen zwei Besuchen in Stralsund in den Neunziger-Jahren.

Christina Blake schrieb im März 2017 an ihren 81-jährigen Großcousin Peter Weishut:

„Ich dachte, meine ganze Familie wäre in den Konzentrationslagern ums Leben gekommen, aber so viele Familienmitglieder neu zu entdecken, ist einfach unglaublich.“

Und der als Kind dem Tod im KZ Bergen-Belsen entronnene alte Herr schreibt im März 2017:

„Liebe Friederike (...) Ja, was für eine Geschichte! Sie sind ein richtiger Detektiv und glücklicherweise erfolgreich. Ich muss Ihnen ein großes Kompliment für Ihre Ausdauer aussprechen.“

*Der Text von Friederike Fechner ist in der neuesten Ausgabe der „Stralsunder Hefte für Geschichte, Kultur und Alltag“ erschienen. Wir haben ihn für die OZ gekürzt. Der Dank der Autorin gilt Dr. Andreas Neumerkel vom Stadtarchiv Stralsund und der Berliner Genealogin Kathrin Orth für die Unterstützung. Friederike Fechner und ihr Mann haben für die Sanierung des Hauses in der Heilgeiststraße das Koggensiegel erhalten.

Die „Stralsunder Hefte für Geschichte, Kultur und Alltag“

1882 wurde der jüdische Kaufmann Julius Blach Eigentümer des Hauses mit der Nummer 89 in der Heilgeiststraße. Das Haus muss nach dem großen Stadtbrand im Jahr 1680 um 1700 erbaut worden sein. Im Hof gab es einen Brunnen und zwei Ställe für insgesamt 14 Pferde. Der Erbauer des Hauses war wahrscheinlich der Seidenhändler Daniel Kinder. In den Mauern befinden sich noch Reste des mittelalterlichen Vorgängerhauses, die heute noch in den beiden Läden im Erdgeschoss zu sehen sind.

Julius Blach hatte zusammen mit seinem Bruder Felix in der Ossenreyerstraße 8/9 (später Wertheim) 1880 eine Lederwarenhandlung eröffnet. Drei Jahre später zogen die Brüder mit ihrem Geschäft in das erworbene Haus in der Heilgeiststraße.

Der Beitrag über die jüdische Familie Blach findet sich in ausführlicher Form in der neuesten Ausgabe der „Stralsunder Hefte für Geschichte, Kultur und Alltag“. Der Band wird gemeinsam vom Stadtarchiv und der Volkshochschule herausgegeben. Darin enthalten sind auch Beiträge über neue Erkenntnisse der Stadtarchäologie, Elisabeth Büchsel und über die Theatersammlung des Stadtarchivs.

Friederike Fechner

Experten aus Politik, Polizei und Verwaltung ratlos angesichts Unvernunft

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