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Stralsund Einhundert Skelette in Stralsund gefunden: Goethes Gretchen könnte dabei sein
Vorpommern Stralsund Einhundert Skelette in Stralsund gefunden: Goethes Gretchen könnte dabei sein
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20:34 17.07.2019
Skelette in einer Baugrube in der Stralsunder Wolfgang-Heinze-Straße
Skelette in einer Baugrube in der Stralsunder Wolfgang-Heinze-Straße Quelle: Christian Rödel
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Stralsund

In der Hansestadt wird womöglich ein dunkles Geheimnis der Geschichte gelüftet: In einer Baugrube in der Tribseer Vorstadt haben Archäologen etliche Skelette und Schädel gefunden – insgesamt sind es hunderte Knochen. Sie stammen aus dem 14. bis 18. Jahrhundert. Offenbar sind die Wissenschaftler auf den in Vergessenheit geratenen Mariakron-Friedhof gestoßen. Gut möglich, dass darunter die Gebeine der bekannten Stralsunder Kindsmörderin Maria Flint liegen, die als Vorbild für das Gretchen in Goethes „Faust“ gilt.

Der Fall gelangte durch Anwohner an die Öffentlichkeit. Bauherr und Denkmalschützer hatten eigentlich ein Stillschweigeabkommen abgeschlossen. Die Stralsunderin Sofia Kuschinski sagte der OZ: „Da lagen Skelette, wohin das Auge schaut. Schädel und Knochen werden in großen weißen Säcken gesammelt.“

Big Packs mit Knochenfunden auf dem ehemaligen Klosterfriedhof –Hier entsteht ein Mehrfamilienhaus Quelle: privat

Berühmter Fall der Maria Flint – Sind es ihre Gebeine?

Der Fundort befindet sich auf dem Mariakron-Gelände, einer ehemaligen Klosteranlage. Seit der Reformation befand sich dort ein Hinrichtungsplatz, auf dem auch Maria Flint am 20. Dezember 1765 enthauptet worden sein soll. Sie hatte ihr neugeborenes Kind getötet, nachdem sie vom Kindsvater verlassen wurde. Der Fall wurde über die Stadtgrenzen hinaus so berühmt, dass auch Johann Wolfgang von Goethe von ihm erfahren haben soll.

Aber warum sollte der Skelettfund geheim gehalten werden? Fakt ist: Das Landesamt für Denkmalpflege und die Stralsunder Stadtverwaltung hatten dem Bauherrn zugesagt, keine Informationen herauszugeben. Warum, ist unklar. Landesarchäologe Detlef Jantzen möchte nicht von Geheimhaltung sprechen, sagt aber so viel: „Da wir die Bergung und Dokumentation im Rahmen eines Bauvorhabens durchführen, gehört es sich, dass man sich mit dem Bauherren abspricht.“

Belastbare Aussagen erst nach wissenschaftlicher Auswertung

Einer von zwei Bauherren ist der Stralsunder Investor Rainer Köppen. Er will an der Stelle in der Wolfgang-Heinze-Straße ein Mehrfamilienhaus mit zwölf Eigentumswohnungen errichten. Liegt das Gretchen in seiner Baugrube? Auf OZ-Anfrage redet er schließlich doch: „Dass hier ein Bodendenkmal ist, war mir bekannt. Aber von Maria Flint und der Verbindung zum Gretchen hatte ich noch nichts gehört.“

Skelett in der Baugrube der Stralsunder Wolfgang-Heinze-Straße Quelle: Christian Roedel

Die Anzahl der Gebeine, die von den Archäologen schon freigelegt wurden, ist bemerkenswert. Unter ihnen jedoch die Maria Flint ausfindig zu machen, dürfte schwierig sein. Denkmalpfleger Jantzen erklärt: „Generell gelingt es nur in Ausnahmefällen, Gebeine historischer Personen zu identifizieren. Hier kommt hinzu, dass die oberen Bodenschichten im Laufe der Jahrhunderte schon einmal bewegt worden sind. Teile der Fundstelle sind also gestört.“ Das Team habe die Knochen vor Ort geborgen und dokumentiert. Ein Teil der Funde werde nun für weitere Untersuchungen archiviert. Jantzen ist zurückhaltend und betont deshalb: „Belastbare Aussagen über die Funde können erst nach einer Auswertung gemacht werden.“

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Kommentar zu Gebeinen in Stralsund: Gretchens Geheimnis

Juliane Schultz

17.07.2019
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