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Stralsund Schwarz. Rot. Arndt. Rügen setzt umstrittenem Dichter dieses neue Denkmal
Vorpommern Stralsund Schwarz. Rot. Arndt. Rügen setzt umstrittenem Dichter dieses neue Denkmal
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12:37 26.07.2019
Schmied Ulf Kutschbach (50) aus Garz fertigte den 25 Kilo schweren Kopf für die Arndt-Stele in Glewitz auf Rügen an. Quelle: Kay Steinke
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Glewitz

Der Dichter und Publizist Ernst Moritz Arndt (1769 bis 1860) ist einer bekanntesten und auch umstrittensten Söhne Vorpommerns. Während sich die Greifswalder Universität im vergangen Jahr vom ehemaligen Namenspatron getrennt hat – kämpfen viele andere Menschen und Institutionen um sein kulturelles Erbe. Und das nicht nur in Vorpommern, sondern deutschlandweit. Einer der wichtigsten Akteure ist dabei die Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft mit Sitz in Groß Schoritz auf Rügen. Die Mitglieder des Vereins setzen dem ehemaligen Hochschullehrer zu seinem 250. Geburtstagsjubiläum heute ein neues Denkmal. Ganz in der Nähe seines Geburtshaus in Groß Schoritz. Am Fähranleger bei Glewitz wird gegen 12 Uhr eine vier Meter hohe Stele des Namenspatrons enthüllt. Von dort soll Arndt in die Welt blicken – und die Gäste empfangen.

Konstruktionszeichnung der Arndt-Stele mit Scheren-Schnitt von Kerstin Langer. Quelle: EMA-Gesellschaft

Arndt-Stele ist der Anfang einer Märchenstraße

„Seit geraumer Zeit denken wir über ein Märchenstraßen-Projekt nach“, sagt Klaus-Michael Erben, Co-Vorsitzender der EMA-Gesellschaft. „In diesem Zusammenhang kam die Idee auf, Markierungen an den Standorten der von Arndt aufgeschriebenen Volkssagen anzubringen.“ Das sei auch der Ausgangspunkt für die Stele gewesen, die 2018 in Auftrag gegeben wurde. Jetzt ist sie da – und soll ein erstes Zeichen für das Großprojekt sein. Angefertigt wurde die Stele nach einem Scherenschnitt der Lauterbacher Künstlerin Kerstin Langer vom Garzer Schmied Ulf Kutschbach. „Das war eine Arbeit für die Ehre“, sagt der 50-jährige Metallbaumeister. Sein Familienbetrieb pflegt das Handwerk seit genau 100 Jahren. Den roten, rund 25 Kilogramm schweren Arndt-Kopf hat er am Donnerstag selbst in Glewitz auf den schwarzen Pfosten montiert. „Die Basis ist eine fünf bis sechs Millimeter starke Blechplatte“, sagt Kutschbach. „Dort habe ich den Scherenschnitt mit Kreide aufgemalt und mit einem Plasmabrenner ausgeschnitten.“

Diese Büste im EMA-Museum war die Vorlage für den Scherenschnitt. Sie zeigt Arndt in seinen Greifswalder Jahren. Quelle: Kay Steinke

Von der Büste zum Scherenschnitt und zur Stele

„Der Kopf war einfach als das gelbe Schild mit den Jahreszahlen“, erklärt Kutschbach. Gerade das Ausschneiden der Zahlen „1769 bis 2019“ sei kompliziert gewesen. Echte Feinarbeit. „Arndt ist für immer gegenwärtig“, sagt Kutschbach. Trotzdem hätte er sich dem Dichter vor dem Stelen-Projekt zuletzt während der Schulzeit genährt – im Ernst-Moritz-Arndt-Museum. Dort befindet sich auch die Büste, die die Vorlage für Scherenschnitt und Stele ist. Sie zeigt Arndt in seiner Greifswalder Zeit als Hochschullehrer.

Haarbild gefertigt von Arndts Mutter. Quelle: EMA-Museum

Hier gibt es eine Haarlocke des Dichters

Im EMA-Museum gibt es echte Arndt-Devotionalien – wie eine Haarlocke des Dichters. „Die stellen wir nur sporadisch aus“, erklärt Katharina Venz-Weiße (41), Leiterin des Garzer Museums. In der Dauerausstellung konzentriert die Kunsthistorikerin den Blick auf Kindheit und Jugend Arndts. Schriften, Gemälde, Geschirr und Möbelstücke sollen die Besucher in die damalige Epoche versetzen. „Eines unserer schönste Stücke ist eine Haararbeit seiner Mutter“, sagt Venz-Weiße. „Menschenhaar hat sie zu einem feinen Wandschmuck verarbeitet.“ Bereits als die gebürtige Neubrandenburgerin in Düsseldorf gelebt hat, gab es für sie erste Berührungspunkte mit Arndt – auch durch die Nähe zu Bonn. Dort gibt es das EMA-Haus, in dem der Publizist bis zu seinem Tod im Jahr 1860 gelebt hat. „Arndt ist in Vorpommern fest verwurzelt“, sagt Venz-Weiße. „Auch im Bewusstsein der Bevölkerung. Unter anderem weil er die Märchen und Sagen der Region aufgeschrieben und so kulturelles Gedankengut überliefert hat.“ Dieses soll auch der heutigen Generation näher gebracht werden. Gegenüber des Museums am alten slawischen Burgwall gibt es für Kinder jetzt eine Audiotour, mit „Lausch-Gut-Geschichten“ rund um Arndt.

Stele trägt Diskussion in die Öffentlichkeit

Einen besonderen Bezug zum Schriftsteller hat Christian Peplow, Sektionsleiter Vorpommern des Heimatverbandes MV mit Geschäftsstelle in Ferdinandshof bei Anklam. „Ich kenne Arndt seit Kindertagen“, sagt der Geschichtswissenschaftler, der auf Hanse- und Regionalgeschichte spezialisiert ist. „Mein Vater hat mir die Märchen von Arndt vorgelesen“, sagt der Stralsunder. „Desto Dichter man nach Rügen und Greifswald kommt, desto mehr merkt man seine enorme Bedeutung. Trotz seiner Ambivalenz. Deshalb finde ich die Stele auch gut. Die Auseinandersetzung mit der historischen Figur darf nicht abbrechen und wird so in den öffentlichen Raum getragen.“

Landrat kritisiert Greifswalder Hochschuldebatte

Ähnlich sieht dies auch Stefan Kerth (SPD), Landrat des Kreises Vorpommern-Rügen. „Ernst Moritz Arndt ist eine herausragende Persönlichkeit auf dem Gebiet der Wissenschaft“, sagt er. Kerth bedauert dabei die Diskussion, wie sie in Greifswald geführt wurde. „Aber Ernst Moritz Arndt ist nicht Greifswald, sondern unsere Region. Auch andere Persönlichkeiten wie Goethe oder Luther könnten betroffen sein – und dann müsste man die Geschichte praktisch nullen.“

Streit um Name der Uni: Arndt-Debatte spaltete die Greifswalder Stadtgesellschaft

In keiner anderen Stadt wurde jüngst so intensiv debattiert und gestritten über Ernst Moritz Arndt wie in Greifswald. Grund: Die Universität wollte sich vom Namenspatron trennen. Die Gründe dafür waren vielfältig: Arndts Texte seien rassistisch und judenfeindlich, hieß es. Zudem wetterte Arndt mit drastischen Worten gegen Franzosen.

Zahlreiche Bürger indes lehnten die Ablegung des Namens ab. Sie argumentierten, Arndt habe sich für die Pressefreiheit sowie für die Abschaffung der Leibeigenschaft eingesetzt. Er sei ein bedeutender Historiker und Schriftsteller gewesen. Eine Pro-Arndt-Bürgerinitiative gründete sich. Die Stadtgesellschaft spaltete sich mehr und mehr. Letztlich stimmte der Senat der Uni für einen Kompromiss: Die Uni legt den Namen ab, wer will, kann ihn aber weiter benutzen.

Die Bürgerinitiative gibt es noch immer, ihre Sprecherin Grit Wuschek ist sogar in die Greifswalder Bürgerschaft gewählt worden. Im Stadtparlament fand im Mai ein Antrag von CDU, Kompetenz für Vorpommern und weiteren eine Mehrheit, dass sich die Verwaltung auf die Suche nach einem Standort für ein Arndt-Denkmal machen soll. Dieses Ansinnen ist ebenfalls umstritten, da zum einen weiterhin um die Deutung und Bedeutung Arndts gerungen wird, zum anderen Arndt schon im Rubenowdenkmal vor dem Unihauptgebäude verewigt ist. Zudem gibt es in der Stadt in der Arndtstraße auch eine Arndtschule. „Für die Bedeutung Arndts in der Literatur ist das ausreichend“, befand das frühere Bürgerschaftsmitglied Ulrich Rose (Alternative Liste) seinerzeit.

Die Farben der Stele: Schwarz, Rot und Gelb

„Beinahe wäre es aufgrund der Greifswalder Hochschuldebatte gelungen, das Erinnern an Ernst Moritz Arndt auszulöschen“, sagt Klaus-Michael Erben. Und weiter: „Dieses Ansinnen ist erfreulicherweise gescheitert. Für uns heißt, sich Ernst Moritz Arndt zu vergewissern, ihn mit seiner ganzen Streitbarkeit als den anzuerkennen, dem es mit einer beachtlichen Zahl von Einlassungen um einen modernen Begriff von Heimat und Leben in Deutschland außerhalb der Enge des Feudalsystems ging.“ Der Fährpunkt in Glewitz sei daher perfekt für die neue Stele. Der Ort stimmt nahezu mit dem Fährpunkt überein, den Arndt nutzte, um von seiner Heimatinsel aus in das pommersche Land und dann in die Weite Europas aufzubrechen. „Um sich dem Neuen und Fremden zuzuwenden“, sagt Erben. So wird er dort nun plakativ stehen – als Denk- und wohl auch als Mahnmal. In den Farben Schwarz, Rot und Gelb.

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Kay Steinke