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Stralsund Schadensgutachter aus Vorpommern im Hochwassergebiet: „Schicksale zerreißen einem das Herz“
Vorpommern Stralsund

Gutachter aus der Nähe von Stralsund im Hochwassergebiet im Einsatz

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19:23 23.07.2021
Leider kein seltener Anblick in den Flutkatastrophengebieten: Eine Straße ist einfach weggebrochen. Die Aufnahme hat Gutachter Michael Masson-Wawer auf dem Weg nach Rheinbach gemacht.
Leider kein seltener Anblick in den Flutkatastrophengebieten: Eine Straße ist einfach weggebrochen. Die Aufnahme hat Gutachter Michael Masson-Wawer auf dem Weg nach Rheinbach gemacht. Quelle: Michael Masson-Wawer
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Rheinbach/Negast

Michael Masson-Wawer aus Negast (Landkreis Vorpommern-Rügen) hat trotz Ferien seiner Kinder alles stehen und liegen lassen, sich seinen Wohnwagen geschnappt und ist ins Katastrophengebiet nach Nordrhein-Westfalen gefahren. Auch er will den Flutopfern helfen, und auch er hat Gummistiefel an, aber sein Job ist es, die Schäden anzugucken, aufzunehmen und in einer Summe zu beziffern: Masson-Wawer ist Schadensgutachter.

Unterwegs im Auftrag großer Versicherungen

Verschiedene große Versicherungen, wie die Allianz oder die Mecklenburgische, haben den Mann aus Vorpommern beauftragt. Bei dem Ausmaß an Hochwasserschäden können sie es mit eigenen Leuten nicht schaffen. Michael Masson-Wawer ist Sachverständiger für Gebäude-Schäden. Seit 2013 ist er selbstständig, betreibt im Negaster See-Center eine eigene Firma. In der Nähe von Rheinbach hat er nun sein rollendes Büro dabei. Und das dient in den kurzen Nächten auch als Schlafplatz, denn an ein Hotelbett ist in der völlig kaputten Infrastruktur nicht zu denken.

Schnelle Vorschusszahlung für Flutopfer

Die Familien und ihre fleißigen Helfer haben den Keller von Schlamm und kaputten Möbeln befreit – so gut es eben ohne Wasser ging. Quelle: Michael Masson-Wawer

„Wir sind jetzt mit drei Gutachtern, davon zwei hier aus der Region, in Euskirchen und Bad Münstereifel im Einsatz. Am Sonntag kommt noch ein Stralsunder Kollege dazu“, sagt der Negaster und erklärt: „Unsere Aufgabe ist es, die Schäden am Gebäude, aber auch im Hausrat zu begutachten. Da geht es auch um Vorschuss-Zahlungen, um den Menschen erst mal bei dem Nötigsten zu helfen.“

Er weiß, dass Versicherungen in puncto Schadenszahlungen nicht immer den besten Ruf genießen. „Aber hier geht es jetzt wirklich um möglichst schnelle Hilfe, denn viele stehen vor dem Nichts.“ Hinzu kommt, dass die Einwohner weder Strom noch Gas haben, obendrein gibt es auch kein Wasser.

Möbel vom Strom mitgerissen

Im Ortsteil Kierspenich im Kreis Euskirchen räumt ein Mann nasse Möbel durch ein Fenster auf die Straße. Hier laufen die Aufräumarbeiten nach dem Unwetter und dem anschließenden Hochwasser auf Hochtouren. Quelle: Markus Klümper/dpa

Er habe Schicksale erlebt, die einem das Herz zerreißen können. „Manche Häuser sind komplett leer gewesen. Die Bewohner haben mir berichtet, dass das Wasser an der einen Seite die Fenster aufgedrückt hat und an der anderen Seite durch die Terrassentür wieder rausgespült wurde. Durch die Kraft des Wassers wurde alles, was sich an Möbeln, Bilderrahmen, Stühlen und anderen Gegenständen im Zimmer befand, mitgerissen. Das kann man sich nicht vorstellen. Die Familie erzählte mir, dass alle Fotos weg sind. Man konnte an der Wand nur sehen, wo sie mal hingen.“

Fotos und Briefe unwiederbringlich weg

Menschen räumen in Bad Münstereifel Schutt zur Seite. Quelle: Oliver Berg/dpa

Den Gutachtern ist klar, dass sie mit Unterstützung der Versicherungen nur versuchen, das Materielle zu ersetzen. Die persönlichen Dinge, Briefe, Fotoalben, besonders geliebte Gegenstände – das sei einfach unwiederbringlich verloren ...

„Man sieht das, was gerade noch das Heim der Leute ausmachte, draußen auf der Straße stehen, kaputt, verschlammt, wirklich wie im Krieg. Eine Szene ging mir besonders unter die Haut. Da stand ein sechsjähriger Junge, der hat aus dem Verschlammten am Straßenrand sein ferngesteuertes Auto wieder rausgeholt. Die Eltern haben ihm dann versucht zu erklären, dass er damit nicht mehr spielen kann. Ich habe selbst vier Kinder. Da stehen einem wirklich die Tränen in den Augen.“

Von Negast nach Euskirchen

Michael Masson-Wawer hat sein Sachverständigen-Büro 2013 gegründet. Das BSI Bauschadeninstitut zählt acht Mitarbeiter und hat seinen Sitz im Negaster See-Center. Dort gibt es auch ein Maklerbüro, das noch einmal sechs Leute beschäftigt.

Sein Einsatz führt den 48-jährigen Mann aus der Gemeinde Steinhagen, der sich auch in der Freien Wählergemeinschaft engagiert, nach Nordrhein-Westfalen. Speziell nehmen er und seine Kollegen Schäden in Euskirchen und Bad Münstereifel auf. 2000 waren es allein in den letzten Tagen.

Euskirchen ist eine Stadt im Rheinland und zugleich Kreisstadt des gleichnamigen Kreises im Südwesten von NRW. Sie zählt 58 500 Einwohner. Die Stadt Bad Münstereifel mit 18 500 Bewohnern gehört zu diesem Kreis. iso

Schlimmste Nachricht: Haus nicht mehr zu retten

Viel zu oft stehen Michael Masson-Wawer und seine Kollegen vor einer schweren Aufgabe: „Die Familie hat alles aus dem Haus rausgeräumt, der Schlamm ist weg. Sie stehen quasi in den Startlöchern, um neu anzufangen. Und dann kommen wir und müssen die schreckliche Nachricht überbringen, dass das Haus nicht mehr zu retten ist. Totalschaden durch Feuchtigkeit und Schadstoffe. Das ist ein schlimmer Moment, und das tut einem unendlich leid.“

Hilfsbereitschaft ist ergreifend

Das Einzige, was Hoffnung gebe, sei die große Welle der Hilfsbereitschaft, so der Negaster im Gespräch mit der OZ. „Teilweise sind bis zu 40 Helfende da gewesen, viele kannten die Einwohner gar nicht, haben sie mir erzählt. Die haben einfach mit angepackt, den Schlamm und die zerstörten Möbel aus den Häusern zu tragen. Man sieht den Müll, der ja eigentlich keiner ist, an jeder freien Ecke stehen. Mit allem, was fährt, wird das verschlammte Zeug abgefahren. Traktor, Bagger, Transporter.“ Der Zusammenhalt sei großartig, einfach ergreifend, so Masson-Wawer.

Schon 2000 Schäden in einer Agentur

Die Wasserlawine rollte einmal quer durch den Garten. Quelle: Michael Masson-Wawer

Der 48-Jährige, der von morgens um 7 bis abends 22 Uhr mit seinen Kollegen ebenso im Einsatz ist wie die Einwohner und Helfer, sagt auf die OZ-Frage nach der Höhe der Schäden: „Wir haben beim Hausrat Summen meistens um die 30 000, aber es gibt auch mal 100 000 Euro Schaden. An den Gebäuden haben wir Summen, die bis zum Totalschaden gehen. Allein hier in einer ortsansässigen Versicherungsagentur sind wir insgesamt bei 2000 Schadensfällen. Und das geht ja weiter. Ich denke, das wird sich über Monate hinziehen.“

Vom Wiederaufbau ganz zu schwiegen. Denn die Zerstörung sei gewaltig. Es wurden Brücken weggespült, komplette Straßen fehlen. An den Straßenrändern stehen noch immer Autos oder liegen völlig zerstört auf dem Dach, so wie wir aus dem Norden es aus den Medien kennen. Versicherungen äußerten, dass die Schäden im Süden und Westen auf einen zweistelligen Millardenbetrag geschätzt werden.

Tragisch: Manche nicht versichert

„Von den Versicherungsgesellschaften erfahren wir eine unglaubliche Rückendeckung, die weit über das hinausgeht, was ich erwartet hatte. Über alle Abteilungen hinweg, es geht darum, schnell den Menschen zu helfen.“ Besonders tragisch: Es sind nicht alle Haushalte gegen Elementarschäden wie Hochwasser versichert. „Da gibt es Familien, die wohnen viele Meter höher als der Fluss fließt, da hätte selbst ich nie im Leben gedacht, dass man von einem Hochwasser betroffen sein kann“, sagt der Gutachter.

Erfasst und koordiniert werden die Schäden, die Michael Masson-Wawer und Kollegen aufnehmen, von den Mitarbeiterinnen in Negast, dem Bauschadeninstitut, das insgesamt acht Beschäftigte hat. „Vielen Dank dafür, auch sie leisten im Moment Unglaubliches“, sagt der Chef rund 800 Kilometer entfernt am OZ-Telefon.

Wie nach einem Krieg: Ein Mann trägt Trümmer aus dem Haus. In Bad Münstereifel hat die über die Ufer getretene Erft gewaltige Schäden angerichtet. Quelle: Oliver Berg/dpa

Von Ines Sommer