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Stralsund Hochwasser an der Ostsee: Wie ein Schiff in Stralsund profitiert
Vorpommern Stralsund

Hochwasser an der Ostsee: Wie ein Schiff in Stralsund profitiert

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19:30 05.02.2020
MS Norjarl lädt im Stralsunder Südhafen Gips für Drammen in Norwegen Quelle: Peer Schmidt-Walther
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Stralsund

Täglich rollt ein 1200-Tonnen-Zug mit Gips vom Spreewald-Kraftwerk Jänschwalde bei Cottbus in den Nord- oder Südhafen. Pro Jahr eine Menge von rund 700 000 Tonnen, wie Sören Jurrat, Chef der SWS Seehafen Stralsund GmbH, vorrechnet. Der gelbe Stoff verschwindet diesmal im Laderaum des norwegischen Frachters „Norjarl“, der aufgrund des Hochwassers mehr transportieren kann als sonst. Seit 2000 ein europaweit begehrtes Nebenprodukt der Rauchgaswäsche für die Herstellung von Gipskartonplatten im Trockenbau.

Anruf von Torsten Müller: „Bis 15 Uhr wollen wir fertig sein“, informiert der Schiffsmakler von TM-Shipping, „der Seehafen setzt jetzt alle Verladetechnik ein, um das Schiff möglichst schnell abzufertigen“. Ziel ist in zweieinhalb Tagen das südnorwegische Drammen im Oslofjord, wo der brandenburgische Gips zu Fertigprodukten veredelt wird.

Kapitän Malvin Stabben kommt aus Norwegen

MS Norjarl-Kapitän Malvin Stabben auf der Brücke Quelle: Peer Schmidt-Walther

Kapitän Malvin Stabben befindet sich auf der Brücke des Frachters. Von hier oben hat man einen guten Blick über den Südhafen. Alle Flächen sind mit Baustoffen, Gips und Stahl voll ausgelastet. Der 51-Jährige unterbricht kurz seine Reisevorbereitungen, denn zu 16 Uhr hat sich der Lotse angesagt. Vor dem Auslaufen müsse der „Bürokram“ erledigt sein. Er befahre mit der „Norjarl“ – wie alle Schiffe der Arriva Shipping Reederei aus Haugesund – alle möglichen Häfen in Nord- und Ostsee. „Jetzt sind wir von Wismar gekommen“, sagt er in fließendem Englisch, „wo wir hochwertiges Holz aus Südnorwegen hingebracht haben, manchmal auch nach Rostock“. Auf dem Rückweg macht der Mehrzweckfrachter dann Station zum Gipsladen in Stralsund. „Holz verschiffen wir im Übrigen auch ins Waldland Schweden, obwohl das wie Eulen-nach Athen-Tragen klingt“. Ladung suche sich eben ihren Weg, das heißt, den günstigsten. Am günstigsten sei auch der Bau des Schiffes 2009 in China gewesen. „Das entspricht dem Trend heute überall: Alles muss preiswert sein“. Für mehr Geld könne man natürlich auch mehr Qualität erwarten. Das gelte auch für den „Einkauf“ von Seeleuten. In Deutschland werden, so ist bekannt, kaum noch deutsche Seeleute eingestellt, weil die „zu teuer“ seien.

An Bord werden viele Sprachen gesprochen

Er freue sich nach vier Wochen Fahrtzeit schon auf den gleich langen Urlaub, „dann kann ich an unserem von mir gebauten Ferienhaus am Wasser basteln und wieder richtig Norwegisch sprechen“, lächelt er, „hier geht das nicht, höchstens am Telefon“. Kein Wunder, denn seine zehnköpfige Crew besteht aus Polen, Litauern, Letten und einem russischen Kadetten aus der Weißmeerstadt Archangelsk.

Torsten Müller, der an Bord gekommen ist, freut sich, „dass wir die ‚Norjarl‘ voll beladen können“. Das habe man dem Hochwasser zu verdanken: „Infolge Starkwind ist der Sundpegel um über 90 Zentimeter gestiegen“. Mehr Zuladung heißt auch mehr Umsatz. So profitiert das Schiff vom Hochwasser.

Frachter kann 300 Tonnen Gips mehr laden

Erster Offizier Przemyslaw Marcinkowski aus Polen checkt mit geübtem Blick von Land aus am Steven laufend die Lademarken und meldet an seinen Kapitän über Funk: „Tiefgang: 6,30 Meter. 6300 Tonnen, mehr geht nicht“. „Das ist am Limit“, so Müller, „auch von der Schiffsgröße her. Das sind immerhin 300 Tonnen mehr als sonst.

10 000-Tonner waren in Stralsund mal angepeilt, aber das geben die Fahrwassertiefen von 6,50 Metern in der Ostansteuerung nicht mehr her. Ursprünglich waren es mal 7,50 Meter“. Für den Frankenhafen sei ein 8000er avisiert, der Holzschnitzel für skandinavische Kraftwerke laden soll. Dort sei übrigens ebenfalls alles belegt, auch durch eine große Barge, auf der Neubausektionen für die Kreuzfahrtschiff-„Global“-Klasse von den MV Werften Stralsund nach Rostock transportiert werden. „Das bringt gutes Liegegeld“, so Müller, der sich wieder seinen Papieren und dem Kapitän zuwendet.

Der Frachter in Zahlen

Das Motorschiff Norjarl wurde im Jahr 2009 auf der Werft Sainty Marine in China gebaut. Bruttoraumzahl (BRZ): 5335; Tragfähigkeit: 6400 tdw; Länge: 119,3 m; Breite: 16,5 m; Tiefgang: 6,30 m (max.); Hauptmaschine: MAN & BM 6L 32 von 3000 kW; Bugstrahlruder: 300 kW; Propeller: 3,6 m Durchmesser; Reederei: Arriva Shipping, Haugesund; Heimathafen: Haugesund, Norwegen; Flagge: Norwegen.

Bullernd springt die 4078-PS-Maschine gegen 16.30 Uhr an und lässt den Frachter erzittern. Die Ladeluken werden hydraulisch geschlossen, die Bagger schweigen. In vier Stunden schwimmt „Norjarl“ schon auf der offenen Ostsee vor Rügen.

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Von Peer Schmidt-Walther

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