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Stralsund Fest hinter Gittern: So wird Weihnachten im Stralsunder Gefängnis gefeiert
Vorpommern Stralsund

JVA Stralsund: So wird Weihnachten im Gefängnis gefeiert

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10:12 22.12.2019
Seit mehr als zehn Jahren spielen Bläser von Rügen und aus Stralsund einmal in der Adventszeit in den Innenhöfen der JVA. Die Häftlinge hören hinter den vergitterten Fenstern zu. Quelle: Stefan Sauer
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Stralsund

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ – ausgerechnet dieses Stück stimmt der Bläserchor an. Im Gefängnis. Ist das nicht etwas makaber? „Nein“, winkt Frank Thomas ab. Er leitet die Rügener und Stralsunder Musiker an. „In dem Lied geht es darum, dass man sich vorbereitet auf die Ankunft des Herren, ins Nachdenken kommt.“ Und tatsächlich sortiert sich das Kirchenlied nahtlos ein in den Reigen klassischer Weihnachtstitel, wie „O Tannenbaum“, „Oh du Fröhliche“ oder auch „Jingle Bells“.

Die zwölf Musiker stehen im Innenhof der Stralsunder Justizvollzugsanstalt (JVA) und versuchen, den Regen, der die Notenblätter wellt, so gut es geht zu ignorieren. „Immerhin friert es nicht“, sagt Baritonspielerin Martina Wendland. „Einmal sind uns hier zwischendurch die Ventile der Instrumente eingefroren.“

Bläser aus Stralsund und von Rügen spielen in der Stralsunder JVA. Hinter den vergitterten Fenstern hören Häftlinge zu. Quelle: Stefan Sauer

Gefangene rufen Liedwünsche durch die Gitterfenster

Seit mehr als zehn Jahren kommen die Bläser in der Vorweihnachtszeit ins Gefängnis und spielen dort, wo die Häftlinge sonst ihre Stunden an der frischen Luft verbringen. Das Adventskonzert ist eine willkommene Abwechslung im Alltag der rund 170 Gefangenen. Einige von ihnen stehen hinter den vergitterten Fenstern der Zellen und Flure, lauschen den bekannten Melodien, klatschen, rufen Liedwünsche in den Hof.

Weihnachten gilt als Fest der Familie und der Gemütlichkeit mit Präsenten und Leckereien. Wie läuft diese Zeit im Gefängnis ab, wo die Häftlinge nicht nur auf ihre Freiheit, sondern auch auf vieles mehr verzichten müssen?

„Wir versuchen, die Weihnachtszeit anders zu gestalten als das übliche Jahr“, sagt Anstaltssprecherin Michaela Hahn. „Unsere Aufgaben und Abläufe funktionieren zwar so wie an anderen Tagen, aber wenn zum Beispiel Nikolaus ist, dann zieht das auch an uns nicht vorbei.“ So wurden am 6. Dezember die Küchen auf den Etagen zu Weihnachtsbäckereien. Während des Aufschlusses, also der Zeit, in der die Zellentüren offen sind, haben die Häftlinge gebacken. Plätzchenduft zog durchs Gebäude und sorgte für eine besondere Atmosphäre in den grauen Gängen.

Schokoweihnachtsmann ist ein mögliches Drogenversteck

Außerdem hatten einige Häftlinge einen Schuh vor die Zellentür gestellt und am nächsten Morgen darin einen kleinen Schokoweihnachtsmann am Stiel gefunden. Größere Weihnachtsmänner sind hingegen verboten, weil sie innen hohl sind. Vollzugsleiter Kay Gau: „Wir haben hier auch schwierige Personen, die ein gewisses Bedürfnis danach haben, ihre Drogensucht zu befriedigen. Dafür brauchen sie Versteckmöglichkeiten.“ Hahn ergänzt: „Wir machen Sicherheitskontrollen in den Hafträumen. Den Weihnachtsmann könnten wir nur durchsuchen, wenn wir ihn kaputtmachen. Das wollen wir den Häftlingen nicht zumuten.“

Mehr als 1000 Personen sitzen in MV hinter Gittern

1040 Personen verbringen Weihnachten in diesem Jahr in den vier Haftanstalten in Mecklenburg-Vorpommern. In Stralsund sind es 170 Gefangene. In Neustrelitz (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) sind derzeit 190 Personen in Haft. Dort befindet sich die einzige Strafvollzugseinrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene in MV. In der JVA Bützow (Landkreis Rostock) sind es 370. Wer zu einer langen Haftstrafe verurteilt wird, kommt dorthin. In der JVA Waldeck nahe Rostock gibt es neben den 284 Haftplätzen auch 100 im offenen Vollzug sowie 50 Haftplätze in der sozialtherapeutischen Abteilung, wo die Personen in Einzelzellen untergebracht sind. In Haft sind dort zurzeit 310 Männer.

Strafgefangene bleiben in der Stralsunder JVA im Schnitt zwischen acht und zwölf Monaten. Rechnet man alle Haftarten wie Untersuchungshaft und das Absitzen einer Geldstrafe hinzu, beträgt die durchschnittliche Verweildauer weniger als sechs Monate. Stralsund ist eine sogenannte Kurzstrafenanstalt. Die Höchststrafdauer beträgt drei Jahre.

Wie sieht es sonst mit Geschenken aus? Eine christliche Organisation namens Schwarzes Kreuz kümmert sich darum. Für die Gefangenen gibt es kleine Päckchen, die in der JVA ähnlich wie Gepäck in einem Flughafen durchleuchtet werden. Inhalt: Kaffee, Süßigkeiten, Kleinigkeiten. Angehörige hingegen dürfen keine Geschenke mitbringen. „Gegenstände dürfen beim Besuch nicht übergeben werden“, sagt Sprecherin Hahn. „Man ist selbst das Geschenk.“

Keine volle Besetzung zum Fest

Besuchszeiten werden an Heiligabend und den Feiertagen nicht gewährt. „Wir haben Schichtdienst und wollen unseren Mitarbeitern Weihnachten mit ihren Familien gönnen“, erklärt Hahn. „An den Feiertagen sind die Leute vor Ort, die da sein müssen, aber nicht so eine volle Besetzung wie an Wochentagen.“

Anstaltssprecherin Michaela Hahn und Vollzugsleiter Kay Gau. Quelle: Kai Lachmann

Im Übrigen sei man bei Besuchszeiten sehr großzügig, schätzt Vollzugsleiter Gau ein. „Es gibt wohl kaum etwas Traurigeres, als Weihnachten im Gefängnis verbringen zu müssen. Wir versuchen, das so gut es geht abzufedern. Wenn der Gefangene im Haushalt lebende Kinder hat, kann er pro Monat viermal eine Stunde Besuch empfangen. Das erweitern wir individuell.“

Vier Gefangene kamen vorzeitig frei

In seltenen Fällen ist Besuch gar nicht mehr nötig, denn manch ein Inhaftierter kommt vorzeitig frei – Stichwort Weihnachtsamnestie. „Unter bestimmten Voraussetzungen werden Strafreste erlassen“, erklärt Michaela Hahn. „Wenn der Erlassungstag zwischen November und den 6. Januar fällt, der Mensch mindestens seit Mai in Haft ist, es keine weiteren Verfahren gegen ihn gibt und er eine gesicherte Perspektive hat, sprich bei Angehörigen unterkommt, kann er schon am 21. November entlassen werden.“ In diesem Jahr waren es vier Insassen.

Für die Häftlinge gibt es in der Vorweihnachtszeit noch einige weitere Besonderheiten: Die Sportbeamten veranstalten mit ihnen drei Turniere: Volleyball, Tischtennis und Fußball. Danach wird einmal der Grill angeworfen – Bratwurst und Kinderpunsch erinnern an Weihnachtsmarkt. Glühwein gibt es nicht – im Knast herrscht striktes Alkoholverbot.

Die Andacht ist auch im Gefängnis gut besucht

Zudem hält Seelsorgerin Ute Bauer-Ohm eine Andacht in der Mehrzweckhalle. „Sie wird von fast allen Gefangenen besucht“, sagt Kay Gau. „Egal, ob sie konfessionell gebunden sind oder nicht.“ Das ist im Gefängnis wohl nicht anders als in Freiheit. Die Andacht wird musikalisch von einer Musikgruppe aus dem Maßregelvollzug der forensischen Psychiatrie Stralsund begleitet. Danach gibt es Kaffee und Gebäck.

Gefängnisseelsorgerin Ute Bauer-Ohm arbeitet zur Hälfte in der JVA Stralsund und hält dort in der Weihnachtszeit eine Andacht. Die andere Hälfte ist sie in der Stralsunder Forensik tätig. Quelle: Stefan Sauer

Und was kommt Heiligabend auf den Tisch? „Klassischerweise Bockwurst mit Kartoffelsalat“, sagt Sprecherin Hahn. „Das ist ja hier in der Region so üblich.“ An den Feiertagen stehen dann Entenkeule mit Rotkohl und Klößen sowie Gulasch auf dem Speiseplan. An den Weihnachtstagen werden auch die Aufschlusszeiten – normalerweise sind es etwa fünf Stunden täglich – etwas gelockert, damit die Häftlinge miteinander etwas mehr Zeit verbringen können und die Einsamkeit vielleicht etwas weniger spüren.

Entfremdung mit der Gesellschaft entgegenwirken

Posaunenchor, Weihnachtsturnier, Plätzchen backen, besinnliche Andacht – warum macht die JVA das alles? „Es ist unsere gesetzliche Aufgabe, die Gefangenen zu resozialisieren, dass sie später keine Straftaten mehr begehen“, erklärt Vollzugsleiter Gau. „Dieses Ziel können wir nur erreichen, wenn wir die Menschen, mit denen wir arbeiten, auch wie Menschen behandeln. Wir versuchen, das Leben in Haft den Verhältnissen draußen so gut es geht anzugleichen, um der Entfremdung entgegenzuwirken.“

Hahn ergänzt: „Die Erwartung der Gesellschaft ist, dass Bestrafung so hart und die Zeit im Gefängnis so karg wie möglich sein sollte. Von wegen ,Wasser und Brot – dann wird alles gut‘. Deshalb sind Leute oft überrascht, wie liberal oder normal es dann hier bei uns zugeht.“ Kay Gau bringt es auf den Punkt: „Die kriminologische Forschung zeigt, dass der rein strafende Ansatz nicht funktioniert. Wenn man alles aufs Einsperren reduziert, dann kommen die Leute gefährlicher raus, als sie reingekommen sind.“

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Von Kai Lachmann

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