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Stralsund Zeitzeugin Bärbel Beyer-Cohn berichtet
Vorpommern Stralsund Zeitzeugin Bärbel Beyer-Cohn berichtet
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09:00 09.11.2018
Bärbel Beyer-Cohn, Jahrgang 1936, vor der Stele im Johanniskloster zum Gedenken an die ermordeten Juden in der Zeit des Nationalsozialismus Quelle: Miriam Weber
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Stralsund

Wenn Bärbel Beyer-Cohn beginnt zu erzählen, hängt man an ihren Lippen. Die 82-Jährige erzählt mit fester Stimme und viel trockenem Humor von ihren Erinnerungen an ein bewegtes Leben. Doch das bedeutet nicht, dass die gebürtige Stralsunderin in der Vergangenheit lebt. Mitten im Hier und Jetzt bezieht sie zu aktuellen Entwicklungen Stellung, die sie „mit Sorge betrachtet und die mich wütend machen“. Antisemitismus habe es immer gegeben, doch derzeit sei er wieder am Erstarken. Deshalb sei es ihr wichtig gewesen, an den Veranstaltungen der Reihe „Stralsund erinnert“, mit denen die Stadt den Opfern der Pogromnacht vor 80 Jahren gedenkt, teilzunehmen. „Auch wegen meines familiären Hintergrundes.“

Abgetaucht

Wer einmal in das Leben Bärbel Beyer-Cohns eingetaucht ist, kann nicht umhin, immer wieder den Kopf zu schütteln angesichts der Schicksalsschläge, der glücklichen Zufälle und des unbedingten Lebenswillens dieser beeindruckenden Frau. Als Tochter der beiden Stralsunder Heinrich David Cohn und seiner Frau Lucie wurde sie 1936 mitten in die Zeit des Nationalsozialismus hineingeboren. Sowohl der Name Cohn als auch der Geburtsname der Mutter, Genzen, waren in Stralsund bekannt. Heinrich Cohn gehörte zu einer jüdischen Familie, die seit vielen Jahren erfolgreich ein Modehaus führte. Lucie Genzen war die Tochter des Begründers des SPD-Ortsverbandes in Stralsund. „Aber auch wenn mein Vater Jude war, wurde ich 1942 in Berlin evangelisch getauft“, sagt Bärbel Beyer-Cohn. Dort lebte sie zu diesem Zeitpunkt mit den Eltern. Denn wie auch viele andere jüdische Kaufmannsfamilien mussten auch die Cohns ihre Geschäfte aufgeben. Um einer Einschulung in eine sogenannte Mischlingsklasse zu entgehen, schickte die weitsichtige Lucie Cohn ihre Tochter Bärbel zurück nach Stralsund. „Dort lebte ich halb legal, halb illegal. Wenn Razzien drohten, und meine Großmutter war gut vernetzt, brachte sie mich zu Bauern nach Brandshagen. Dort lebte ich dann im Keller versteckt, bis die Luft wieder rein war.“ Auch der Vater war in Berlin untergetaucht und überlebte.

Zurück in der Hansestadt

Zum Ende des Krieges kehrte die Familie zunächst in die Hansestadt zurück und dort besuchte Bärbel Beyer-Cohn die Schule, bis die Familie 1950 in den westlichen Teil Berlins zog. „Ich habe viele schöne Erinnerungen an die Zeit in Stralsund“, blickt sie zurück. „Noch heute bekomme ich Herzklopfen, wenn ich aus der Ferne die drei Kirchtürme sehe, es ist die Heimatstadt meiner Eltern.“

Anfang der 70er-Jahre besuchte Bärbel Beyer-Cohn erstmals wieder Stralsund. „Da habe ich im Museum die Gründungsurkunde des Ortsverbandes der SPD mit der Unterschrift meines Großvaters gesehen, ein tolles Gefühl.“ Sich politisch und sozial zu engagieren, liegt also in ihren Genen. „Seitdem ich mich bei der Sozialistischen Jugend Deutschlands engagierte, war ich immer politisch aktiv und habe meinen Mund aufgemacht.“ Bis heute.

Der Familie ein Gesicht geben

Bei einem ihrer Besuche in Stralsund entwickelte sich ein Kontakt zu Schülern des Hansa-Gymnasiums. Das Ergebnis war ein gemeinsames Buch, „Die Keibel-Cohns. Zur Geschichte der Juden in Stralsund“, das 1998 beim Kinder- und Jugendbuchverlag Mückenschwein erschienen ist. „Das Buch habe ich damals meinen Cousins Bert und Hans geschickt, die den Holocaust im Gegensatz zu ihren Eltern überlebt hatten.“ Sie erinnert sich daran, dass Hans Cohn nach der Lektüre zu ihr sagte: „Danke, dass du unserer Familie wieder ein Gesicht gegeben hast.“

Um 11 Uhr wird heute zum Gedenken der Opfer der Reichspogromnacht vor 80 Jahren an die Gedenkstele im Johanniskloster eingeladen.

Um 15 Uhr veranstalten die Kirchgemeinden Stralsunds auf dem Jüdischen Friedhof in der Greifswalder Chaussee eine Andacht.

Ein gemeinsamer Rundgang führt um 17 Uhr vom Pfarramt der Katholischen Kirche „Heilige Dreifaltigkeit“ in der Frankenstraße entlang der Stolpersteine durch die Altstadt bis zum Johanniskloster.

In der Reihe „Stralsund erinnert“ wird um 20 Uhr zur deutschen Erstaufführung des Konzerts „Lony’s Briefe“ in die Klinikumskirche, Rostocker Chaussee, eingeladen.

Zu der Autorenlesung „Braune Schatten überm Sund – Jüdisches Leben in Stralsund“ mit Eberhard Schiel wird am 10. November um 16 Uhr in das Stralsund Museum eingeladen. Der Eintritt ist frei.

Ebenfalls im Rahmen der Reihe zeigt am 15. November der Filmclub Blendwerk den Streifen „Hannas schlafende Hunde“ um 20 Uhr im Gustav-Adolf-Saal der Kulturkirche St. Jakobi.

Bis zum 13. Dezember ist in der Kulturkirche St. Jakobi die Ausstellung „Die jüdischen Kaufmannsfamilien in Stralsund“ zu sehen. Gezeigt werden Orte jüdischer Geshichte sowie Biografien prägender Kaufmannsfamilien wie Tietz, Wertheim, Blach und Cohn.

Miriam Weber

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