Kapitän von OZ fliegt durchs nächste Stralsunder Jahrzehnt
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Kapitän von OZ fliegt durchs nächste Stralsunder Jahrzehnt

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07:22 31.12.2019
Stralsund immer im Blick: Der Kapitän von der OZ mit Co-Pilot Jack Daniels steuern fröhlich durch die Zukunft.
Stralsund immer im Blick: Der Kapitän von der OZ mit Co-Pilot Jack Daniels steuern fröhlich durch die Zukunft. Quelle: Air Hamburg, Hansestadt Stralsund, Repro: OZ/Jeanette Paschen
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Stralsund

Sehr geehrte Passagiere, hier spricht der Zauberer.. äh.. ihr Kapitän von der OZ. Mein Co-Pilot Jack Daniels und ich begrüßen Sie fröhlichst auf dem Schlangenlinien-... nee... auf dem Langstreckenflug HST-2020 quer durch das neue Jahrzehnt. Bitte machen Sie es sich bequem und stellen Sie das Rauchen ein – und halten Sie das Vorhaben dieses Mal gefälligst auch durch!

Wir beginnen nun mit unserem OZ+-Service und werden Ihnen die kommenden zehn Etappen etwas näher vorstellen. Sie wissen sicherlich, dass wir uns mit unserem Welterbegepäck nur in gemächlichem Tempo fortbewegen können. Aber das hält uns auch von allzu steilen Höhenflügen ab. Noch ein Schluck aus dem Wahrheitstrunk und jetzt ab dafür:

Irrer Flug durchs Stralsunder Jahrzehnt

2020 fliegen wir zwar nicht weniger, aber wir schämen uns mehr. An Bord unterhalten wir uns in betretenem Tonfall über dieses komische CO2 und den ganzen Klimakram, mit dem uns unsere Kinder in den Ohren liegen. Das lernen die neuerdings im Fach Nachhaltige Ökologie, das an Stralsunder Schulen nach den Sommerferien eingeführt wird. Damit die Schüler nicht mehr demonstrieren, wird es ausschließlich freitags unterrichtet. Darauf erhebe ich mein – wiederverwendbares – Glas.

2021 ist eine Top-Destination. Ganz was Feines. Hicks! Nachdem Forscher zuerst das Bernsteinzimmer, den Heiligen Gral und dann auch noch den Stein der Weisen entdecken, findet Stralsund auch seine lang gesuchte Stadtmarke: Die Bundeskanzlerin hat hier ja ihren Wahlkreis und sie dankt in jenem Jahr ab. Da sie die Hansestadt rund um den Globus würdig vertreten und sogar auf dem Dach des Ozeaneums fleißig Pinguine gefüttert hat, soll Stralsund zur „Angela-Merkel-Stadt“ werden. Das ruft verstaubte Erinnerungen an die Benamung Karl-Marx-Stadt hervor (oder wie die Eingeborenen seinerzeit sagten: Gorl-Mox-Stott), weshalb sich letztlich die erfrischenden Anglizismen Angie Town und City of Merkel durchsetzen. Zur Begrüßung werden hier künftig keine Hände mehr geschüttelt, sondern Rauten gezeigt. AfD-Fans zeigen lieber den Vogel.

In der City of Merkel begrüßt man sich künftig nicht mehr mit Handschlag, sondern mit der klassischen Raute. Quelle: dpa

2022 steht im Zeichen der Oberbürgermeisterwahl. Alexander Badrow (CDU) bekommt einfach nicht genug (so wie ich, prost!). Er gewinnt mal wieder und drückt im Anschluss ein Gesetz durch, wonach die Wahl des Stadtoberhauptes nur noch im Zwei-Jahrzehnte-Rhythmus stattfinden soll. „In den vergangenen 40 Jahren waren fast alle Oberbürgermeister mindestens 18 Jahre im Amt. Wahlen sind also gar nicht so oft nötig“, überzeugt Badrow die ihm zujubelnde Bürgerschaft. „Und wissen Sie überhaupt, wie viel so eine Wahl kostet? Das Geld könnten wir an anderer Stelle viel sinnvoller einsetzen.“

2023 weiht Badrow ein goldenes Denkmal von sich selbst ein.

Autokorso mit den Öffis

Bundestrainer Julian Nagelsmann freut sich über den Gewinn der EM im eigenen Land. Quelle: dpa

2024 übertragen wir an Bord die Fußball-Europameisterschaft. Sie findet zwar in Deutschland, aber ohne Spieler des Bundesligisten Red Bull Stralsund statt. Das Interesse ist hier deshalb eher „norddeutsch“: Den Sieg des Teams von Bundestrainer Nagelsmann feiert man am Sund mit einem impulsiven „Hm, joa, schon nicht schlecht.“ Aufgrund der Thunberger Notstandsgesetze findet der Autokorso mit öffentlichen Verkehrsmitteln statt.

2025 müssen Sie mal aus dem Fenster schauen: Die Erweiterung des Strelaparks ist von oben gut zu erkennen. Sie führt auch zu einem Boom in der Innenstadt, und zwar für An- und Verkäufsläden. Second-Hand-Geschäfte und Nagelstudios ziehen nach, Mäc Geiz, Tedi, Kik und Rudis Resterampe buhlen um die freien Flächen.

2026 zwingt uns der lang befürchtete wirtschaftliche Abschwung in den Sinkflug. Tesla beerdigt seine Pläne, am Sund eine zweite deutsche Gigafabrik in zwölf Wochen aus dem Boden zu stampfen und hier die neue Generation des ollen Cybertrucks zu bauen. Auch aus dem geplanten unterirdischen Bahnhof „Stralsund 31“ und dem Großflughafen „Sir Alexander Badrow“ wird nichts. Mein Co-Pilot Jack Daniels wird dann sicher Trost spenden.

Der Nachfolger des in die Jahre gekommenen Cybertrucks von Tesla sollte am Sund gebaut werden. Doch die Wirtschaftskrise macht den Plan zunichte. Quelle: dpa

2027 reißen wir die Kiste schnell wieder hoch: Die neue Seidenstraße wird durch Stralsund führen. Der wirtschaftliche Aufschwung kommt rasant. Der Strelapark wird nochmals erweitert. Luxusmarken wie Gucci, Rolex und Nokia (stellt jetzt Thermomix-Bedien-Roboter her) entdecken das Potenzial der überbezahlten Stralsunder Bevölkerung. In dem dimensionensprengenden Komplex, mit dem die Gemeinde Kramerhof überbaut wird, eröffnen McDonalds’s, Mediamarkt und Famila sogar zweite und dritte Filialen. „Ich wüsste auch sonst nicht, wohin mit meinem ganzen Geld“, sagt Otto Moralverbraucher, während er einen Doppelstock-Einkaufswagen per App durch die Gänge manövriert.

Menschen braucht kein Mensch mehr

2028 setzen wir zum Landeanflug an und unsere 3-D-Brillen auf. Denn in diesem Jahr wird das neue virtuelle Landratsamt eingeweiht. Anstatt in langweiligen Büros, wird in hippen digitalen Räumen gearbeitet. Also Computer arbeiten da. Menschen nicht. Die braucht kein Mensch mehr. Beim Online-Voting zur neuen Landrätin setzt sich Amazons Alexa gegen Apples Kandidatin Siri durch.

Künstliche Polit-Intelligenz: „Alexa, in welchem Bereich sollen wir die Steuern erhöhen?“ Ab 2028 wird auf diese Weise in Vorpommern-Rügen regiert. Quelle: dpa

2029 trudeln wir geschmeidig wieder in der Hansestadt ein und kommen pünktlich zur Eröffnung des dringend benötigten Wellness-Bades auf der Hafeninsel an. Drohende Amtsmüdigkeit lässt Oberbürgermeister Badrow im dortigen Massagesalon wegkneten. Und auch Ihr Kabinenpersonal freut sich, dass wir es in Stralsund nun noch lockerer angehen lassen können. Von daher hoffe ich, dass Sie uns auch in den kommenden zehn Jahren treu bleiben werden. Ein Hoch auf uns, Ihr Kapitän von der OZ.

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Von Kai Lachmann