Können Babys depressiv werden? Wie Helios Stralsund Kindern bis 6 Jahren helfen will
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Vorpommern Stralsund

Können Babys depressiv werden? Wie Helios Stralsund Kindern bis 6 Jahren helfen will

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07:01 17.08.2021
Monika S. mit ihrer Tochter im Gespräch mit der leitenden Oberärztin Susanne Schmidt
Monika S. mit ihrer Tochter im Gespräch mit der leitenden Oberärztin Susanne Schmidt Quelle: Kay Steinke
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Stralsund

Das Helios Hanseklinikum Stralsund hat am Montag am Standort Krankenhaus West die neue Familientagesklinik „Frühe Kindheit“ in Betrieb genommen. Die Ausrichtung des psychiatrischen Angebotes ist in Vorpommern bisher einzigartig: Ein Team bestehend aus fünf Ärzten, Therapeuten und Krankenpflegern der Jugendpsychiatrie und Psychotherapie will sich am „Haus Löwenherz“ speziell den jüngsten Kindern im Alter von null bis sechs Jahren widmen.

Dafür sollen die Beeinträchtigungen von Eltern-Kind-Beziehungen spielerisch unter die Lupe genommen und behandelt werden – damit das Leid für die Familien später nicht noch schlimmer wird.

Vier Plätze gibt es in der neuen Klinik

Mit dem neuen Angebot sagen die Ärzte also dem psychischen Leid schon deutlich vor dem Jugendalter den Kampf an. Für die innovative Behandlungsmethode wurden vier Plätze an der Stralsunder Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie geschaffen. Damit können nun insgesamt 29 Therapie-Plätze angeboten werden. Die meisten davon richten sich jedoch weiterhin an Kinder ab dem 6. bis zum 18. Lebensjahr.

Das Team der neuen Tagesklinik: Anja Busch-Tredup (stellv. Pflegedirektorin Krankenhaus West), Dr. Susanne Schmidt (Leitende Oberärztin), Anna Stockinger (Psychologischer Dienst), Michael Singer (Pfleger), Claudia Böttchen (Pflegerin) und Chefarzt Dr. med Martin Herberhold. Quelle: Kay Steinke

Die Plätze sind äußerst begehrt. Schon für die bestehende ambulante Behandlung gab es lange Wartelisten. Unter den Ersten, die das neue Angebot wahrnehmen können, ist die junge Mutter Monika S. (Name von der Redaktion geändert). In einem der speziell eingerichteten Räume spielte die 18-Jährige am Montag mit ihrer Tochter – und sprach dabei mit der leitenden Oberärztin Dr. Susanne Schmidt über ihre Mutter-Tochter-Beziehung. „Ich wollte das selbst, hatte mich darauf beworben“, sagt die junge Mutter. „Nicht wegen meines Kindes. Dem geht es gut. Sondern wegen mir.“ Monika S. nutze bereits das ambulante Angebot. Sie hofft nun darauf, dass sie über die begleitende Therapie für ihre Tochter weiterhin eine gute Mutter sein kann.

Eltern-Kinder-Interaktion in der Videoanalyse

„Wir arbeiten mit unseren Kindern auf Augenhöhe“, sagt Dr. Susanne Schmidt über das neue familientherapeutische Unterstützungsangebot. „Die neuen Räume sind so gestaltet, dass wir mit Eltern und Kindern in alltäglichen Situationen ins Gespräch kommen. Beim Spielen oder auch beim Füttern“, so die Oberärztin. Die Handlungen des Kindes, aber auch die Mimik der Eltern werden dabei teilweise per Kamera aufgezeichnet – und im Nachhinein ausgewertet.

„Wir versuchen, darüber zu sprechen, was die Kinder den Eltern über Handlungssprache mitteilen wollen. Damit ihr Weinen oder auch ihre teils heftigen Emotionen, wie starkes Beißen oder das Tottreten kleiner Tiere, verstanden werden können. Wir sind hier sozusagen die Gastgeber, die Familien dabei helfen, ihren gemeinsamen Weg wiederzufinden“, so die Ärztin.

An wen sich Eltern bei Unterstützungsbedarf wenden können

Im Kreis Vorpommern-Rügen ist das Angebot bisher einzigartig. Ein ähnliches Therapiekonzept der „Frühen Kindheit“ gibt es in MV bislang nur in Schwerin.

Das Hanseklinikum arbeitet eng mit dem Netzwerk „Frühe Hilfen“ zusammen. Sie koordinieren Hilfsangebote für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft bis zum dritten Lebensjahr. Neben alltagspraktischer Unterstützung wollen die Mitarbeiter der „Frühen Hilfen“ einen Beitrag zur Förderung der Beziehungs- und Erziehungskompetenz von (werdenden) Müttern und Vätern leisten.

Bei Unterstützungsbedarf können sich Eltern an ihren Kinderarzt oder auch vertrauensvoll an die Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie wenden unter der Telefonnummer (03831) 45-2655.

Bis dahin kann es jedoch ein weiter Weg sein. „Je länger man wartet, desto schlimmer kann es werden. Wir lenken den Fokus daher bewusst auf die jüngsten Patienten, weil man in diesem Alter in sehr kurzer Zeit sehr viel bewirken kann“, erklärt Prof. Martin Herberhold, Chefarzt der Stralsunder Kinder- und Jugendpsychiatrie. Laut einer Studie würden bei fünf bis 20 Prozent der Kinder temporäre Irritationen auftreten. „Bei den meisten lösen sich die Irritationen von allein auf“, sagt Herberhold. Doch bei rund sechs Prozent davon sei die Konsultation eines Arztes durchaus sinnvoll. „Die Psyche eines jungen Menschen ist unglaublich. Wir sehen hier eine Riesenchance für frühzeitige Hilfe“, so Herberhold.

Hilfe für Schreikinder und bei Bindungsproblemen

Wenn jemand das Angebot nutzen will – egal ob der Impuls von Mutter, Vater oder Kindergärtnerin kommt –, sind die Sorgen oft schon groß. „Wir gucken dann, dass aus diesen Sorgen kein Leid wird“, sagt Herberhold. Beispiele seien unter anderem Schreikinder, Kinder mit Behinderungen, Bindungsprobleme nach Trauma oder auch psychische Leiden der Eltern.

„Unser Ziel ist es, Interaktions- und Regulationsstörungen frühestmöglich zu behandeln. Dieser präventive Ansatz macht unsere Arbeit in der Familientherapie aus. Wir vermitteln Eltern Verständnis für die Bedürfnisse und Befindlichkeiten ihres Kindes und ermöglichen ihnen damit, eine engere Bindung aufzubauen“, sagt er. Dies alles passiere ohne Bewertung – bei höchster Wertschätzung.

Mit der Tagesklinik erfüllen sich Herberhold und Schmidt einen langgehegten Wunsch. Die Behandlung findet in Intervallen statt, sogenannte dreiwöchige „Therapiebooster“. Diese bieten im Vergleich zur einmaligen Therapie den Vorteil, dass Veränderungen schneller in das familiäre Alltagsleben und in den Sozialraum der Familien integriert werden können. Die Therapeuten können den Behandlungserfolg überprüfen und gegebenenfalls die Fortsetzung der Therapie anpassen. Zum Einsatz kommen unter anderem Einzel- und Familiengespräche, Ergotherapie, Spieltherapie – und eben auch die videogestützte Eltern-Kind-Interaktionstherapie.

Hilflosigkeit und Stress können die „Seele auffressen“

Oberärztin Schmidt macht darauf aufmerksam, dass schicksalhafte Irritationen bereits rund um die Geburt entstehen können. „Bei einem Fall hatte das Kind eine körperliche Missbildung. Durch eine Verbindung zwischen Luft und Speiseröhre verschluckte sich der Säugling beim ersten Stillen.“ Das Kind sei operiert worden. Doch zwischen Kind und Mutter blieb eine Angst, die die Fürsorge belastete. „Die Mutter wusste das und bat uns um Begleitung“, sagt Schmidt. Hätten sie dies nicht so schnell behandelt, hätte die Situation zu Hilflosigkeit und Stress für Mutter und Kind geführt. „So etwas kann die Seele auffressen“, sagt Schmidt.

Eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung kann nicht nur zu Stress, sondern auch zu einer Depression bei den jüngsten Kindern führen, bestätigt Susanne Schmidt. „Wenn Kinder keine Resonanz bekommen und die Beziehung zur primären Bezugsperson gestört ist, reagieren sie mit Stress“, ergänzt Herberhold. „Die Kinder wollen, dass alles wieder in Ordnung ist und bemühen sich mit ihren Mitteln um Aufmerksamkeit“, sagt er.

Sei die primäre Bezugsperson nicht in der Lage, einen insgesamt positiven Interaktionsstil mit dem Kind zu etablieren, könne sich dies langfristig nachteilig auf die Entwicklung auswirken. „Das Kind wird dann entweder laut und nervig – oder es resigniert“, sagt Herberhold. „Die bedürftigsten Kinder sind daher oft die, die nur noch apathisch im Bett liegen. Jeder Kinderarzt weiß, dass die Kinder, die keinen Ton mehr von sich geben, besonders gefährdet sind.“ Dennoch sei es in dem enorm frühen Lebensalter schwer, psychische Irritationen zu erkennen.

Von Kay Steinke