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Stralsund Kramerhof: Ein ganzes Dorf feiert Geschichte
Vorpommern Stralsund Kramerhof: Ein ganzes Dorf feiert Geschichte
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06:00 04.09.2018
Kramerhofer Einwohner aller Generationen feierten am Sonnabend das 700. Jubiläum ihres Dorfes. Quelle: Christiann Rödel
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Stralsund

Geschichte seit dem Jahr 1318: Das Dorf Kramerhof hat am Samstag sein 700-jähriges Bestehen gefeiert. An einer Buffet-Tafel, die von den Bewohnern reich geschmückt und gedeckt wurde, kamen die Menschen des Ortes zusammen, um zu feiern. Im Zentrum: Eine Chroniktafel von der ältesten Bewohnerin des Ortes, Lilly Stolzenburg. Die 83-Jährige ist 1945 als Flüchtige in Kramerhof gelandet und sprach mit der OZ über ihre Erlebnisse und die letzten 73 Jahre in dem Dorf.

„Wir sind die letzten Flüchtlinge, die 1945 in dem Ort gelandet sind und heute noch hier leben“, sagt Lilly Stolzenburg, während sie die vielen Aufzeichnungen, die sie über die Jahre gesammelt hat, auf dem Tisch ausbreitet. Als Zehnjährige flieht sie gemeinsam mit ihrer Familie aus dem ehemaligen Hammermühle (heute Kepice) in Hinterpommern nach Stolpmünde (heute Ustka). „Wir haben mit Glück das letzte Boot bekommen. Die Russen hatten den Ort schon umstellt.“

30 Flüchtlinge in einem Haus

Mit dem überbesetzten Dampfer „Martha Geiss“ geht es über die Ostsee und Umwege in die Gemeinde Kramerhof. Der Gutsbesitzer Willhöft nimmt etwa 30 Flüchtlinge aus Schlesien, Ostpreußens und dem Sudetenland auf, bringt sie in der einen Hälfte seines Wohnhauses unter. „Es gab nur eine Toilette und wenig Platz für uns alle“, sagt Stolzenburg. Kurze Zeit später steht die Rote Armee vor der Tür: Gutsbesitzer Willhöft wird aus dem Haus gezerrt, in den Keller gebracht und erschossen. „Die Verwesung setzte ein. Es stank bestialisch“, erinnert sich die heute 83-Jährige. Auf Aufforderung der russischen Armee beerdigen die Flüchtlingsfrauen den Mann zehn Tage später am Wallnussbaum hinter seinem Haus.

Der Ort befindet sich fortan in einem ständigen Wandel. Viele versuchen, zurück in die Heimat im heutigen Polen zu gelangen. Menschen, die aus Kramerhof geflüchtet sind, kommen zurück und finden ihre Häuser in einem furchtbaren Zustand wieder. „Die Soldaten haben in die Ecken geschissen“, erinnert sich Lilly Stolzenburg. Während dieser Zeit herrschte eine große Fluktuation. „Die Leute kamen, die Leute gingen.“ Unter russischer Besatzung werden Ackerflächen und das Vieh der Gemeinde an 23 Jungbauern verlost. „Jeder hat eine Parzelle mit Haus, Hof, Garten und Acker bekommen.“

Zeuge der Zeit (Gedicht von Lilly Stolzenburg zu 700 Jahre Kramerhof)Die Rotbuche vor dem alten Haus, sieht noch genau wie früher aus. Wie alt sie ist, kann keiner sagen, wir können sie ja nicht befragen.Vieles hat sie bestimmt geseh´n und alles war nicht immer schön. An ihr vorbei gingen viele Gäste, zu Speis´ , zu Trank und frohem Feste.Sie kann erzählen von den Tagen, was jedes Jahr sich zugetragen. Die alte Buche, wenn sie könnt reden, über dies und das und über jeden. Auch zu den letzten Kriegestagen, könnt sie bestimmt was sagen. Vergewaltigung, Plünderung, Hunger und Not, sie weiß genau vom Erschießungstod. Der Gutspächter Willhöft mit ruhigem Schritt, an ihr vorbei, die Angst ging mit. An einem Maitag 1945, beim Morgenrot, erlitt er durch Abschuss den grausigen Tod. Die alte Buche kann viel berichten, von Menschen und Geschichten. So soll dieser Baum noch lange steh´n, leuchtend Rot, schön anzuseh´n. Viele Geheimnisse wird er in sich tragen, noch von Zeiten vor vielen Jahren. So fragen alle warum, warum, bleibt die Buche nur so stumm?

Kramerhof und der Zahn der Zeit

Die Gemeinde wächst. Die russischen Besatzer ordnen an, eine Scheune abzureißen. Die Rohstoffe werden in den Bau sechs neuer Häuser investiert. 1952 lernt die 17-Jährige Lilly ihren Mann kennen. Günter Stolzenburg ist ebenfalls ein Flüchtling, aus Stettin. Sie bleiben in Kramerhof. Er wird Landwirt, Lilly arbeitet als landwirtschaftliche Buchhalterin in der LPG. „Bis zur Wende. Danach bin ich in den Ruhestand gegangen.“ Heute sind die Eheleute die letzten Zeitzeugen, die als Geflüchtete in Kramerhof leben. Mit der Zeit verändert sich auch das Leben in der Gemeinde. „Das Gemeinschaftsgefühl in Kramerhof war in der Armut deutlich größer, als im Wohlstand“, sagt Lilly Stolzenburg. Damit meint sie zum einen die Nachkriegs- und zum anderen die DDR-Zeit.

Acht Wochen hat sich die 83-Jährige auf das Gemeindefest vorbereitet. Durch ihr jahrelanges Interesse an der Geschichte des Ortes hat sie über Familien, Archive und Chroniken eine Gedenktafel vorbereitet. Darunter Fotos von alten Häusern, vom Gutsherrn Willhöft, von der Wendezeit und heute. Ein Fundstück ist eine Chronik, die ab 1901 von Lehrern der nahen Schule geführt wurde. „Die Leute fragen immer, woher ich alles so weiß. Dabei habe ich so ziemlich alles durchforstet, was es an historischen Belegen zu der Gemeinde gegeben hat“, sagt Stolzenburg.

Historie von KramerhofDas Dorf gehörte ursprünglich zu Kedingshagen, das urkundlich erstmals 1318 erwähnt wurde und lange Zeit in Stralsunder Besitz war. Im 15. Jahrhundert wurde der Ort in Groß Kedingshagen und Klein Kedingshagen unterteilt. Das Gut Kramerhof wurde vom Stralsunder Everd Drulleshagen der Kramer-Compagnie von Stralsund geschenkt und fortan immer verpachtet. Der Erlös des Gutes kam bis 1945 einer Armenstiftung zugute. Der letzte Pächter war Robert Willhöft.

Eine Feier mit allen Nachbarn

Die Gemeindefeier war nicht öffentlich. „Mir war wichtig, dass wir die Gemeinde stärken.“ Organisiert haben die Veranstaltung nämlich die Bewohner des Dorfes in Eigenverantwortung. „Alles wurde intern geregelt und von den Dorfbewohnern finanziert“, sagt Stolzenburg. Neben der Chroniktafel hat sie auch für den Gaumenschmaus gesorgt: „Ich habe meinen Heringssalat, gekochte Eier und selbstgemachte Marmelade vorbereitet“, sagt sie und lacht. Für die nächsten 700 Jahre wünscht sie der Gemeinde vor allem eines: ein friedliches und gesundes Miteinander.

Sechs neue schmucke Häuser für junge Familien sind im Dorfkern in der jüngsten Vergangenheit hoch gezogen worden, doch auch die alte Gebäudesubstanz von Kramerhof wurde mit viel Herzblut saniert – etwa von Gabi Dallmann und Lebensgefährte Jörg Tangermann. Beide wohnen in der rechten Gutshaushälfte und auf dem dazugehörigen 2500 Quadratmeter großen Grundstück. „Wir leben seit 2016 im Gutshaus. Es gibt natürlich immer viel zu tun, aber wir lieben das Leben hier einfach“, meinte Jörg Tangermann. Und an kalten Abenden sitzt das Paar gern vor dem heimeligen Kamin.

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