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Stralsund Malermeister zu Stralsunder Bauruine: „Dieser Schandfleck ist peinlich!“
Vorpommern Stralsund

Malermeister zu Stralsunder Bauruine: „Dieser Schandfleck ist peinlich!“

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07:00 14.08.2021
Am liebsten würde Egon Waldow (81) selbst den Pinsel schwingen – und so die Bauruine vom Neuen Markt aufhübschen. Doch so einfach geht das natürlich nicht.
Am liebsten würde Egon Waldow (81) selbst den Pinsel schwingen – und so die Bauruine vom Neuen Markt aufhübschen. Doch so einfach geht das natürlich nicht. Quelle: Kay Steinke
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Stralsund

Fassaden-Maler und Diplom-Designer Egon Waldow hat den Schandflecken der Hansestadt den Kampf angesagt. Der 81-jährige Stralsunder findet besonders ein Objekt am Neuen Markt beschämend. „Die Nummer 11 ist ein echter Schandfleck“, sagt Waldow. „Seit Jahren steht das Gebäude leer. Die Scheiben sind eingeschlagen, es verwahrlost immer mehr. Ich finde es peinlich, dass die vielen Urlauber diese Ruine sehen müssen. Es muss endlich etwas passieren.“

Am liebsten würde Egon Waldow den Schandfleck am Neuen Markt selbst aufhübschen. Doch so einfach geht das natürlich nicht. Quelle: Kay Steinke

Aus Sicht von Waldow hätte sich Stralsund nach der Wende sonst enorm entwickelt. Viele Häuser wurden aufgebaut, die Straßenzüge wirken dank neuer Farben viel freundlicher.

Doch das leicht rötliche Haus, das zuletzt ein Steakhouse beherbergte, trübt das Bild in der Welterbe-Kulisse. „Es gibt noch andere kaputte Häuser. Aber keines davon sieht so katastrophal aus wie das Haus gegenüber der Milchbar“, so der Rentner, der ein echter Fachmann auf dem Gebiet Farben und Fassaden ist.

In jungen Jahren hat er selbst an der Sanierung zahlreicher Gebäude mitgewirkt. „Ich habe damals mit meinen Kollegen sämtliche Hausfassaden in Stralsund gestrichen: das Hotel Baltic am Frankendamm, den HO-Laden in der Ossenreyerstraße, den Goldenen Löwen auf dem Alten Markt oder die Brasserie am Neuen Markt“, erinnert er sich – und spricht so auch seine Expertise an.

Pastellfarben damals wie heute in Mode

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Damals in der DDR-Zeit hätte er bei der PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) als Farb- und Oberflächengestalter gearbeitet. Mit bis zu 120 Arbeitern wären sie auch in den Gebäuden unterwegs gewesen. Bis 1980 blieb er bei der Genossenschaft, bestand 1969 seine Meisterprüfung, studierte von 1974 bis 1978 extern an der Fachschule Heiligendamm mit dem Abschluss Ingenieur für Farb- und Oberflächengestaltung. „Nach der Wende wurde mir der Titel eines Diplom-Designers zuerkannt“, sagt er heute stolz. „Während meiner Ingenieursarbeit unterbreitete ich Farbvorschläge für verschiedene Stralsunder Gebäude“, berichtet Waldow weiter. Damals sei viel mit Pastellfarben gearbeitet worden. Diese seien auch heute wieder in Mode.

Was früher im Gebäude war

So schön sah das Haus noch im Jahr 1938 aus. Quelle: Stadtarchiv Stralsund

Um den Schandfleck „Neuer Markt 11“ zu beseitigen, würde er auf seine alten Tage sogar selbst tätig werden. „Dafür würde ich den Pinsel in die Hand nehmen“, sagt er. Und wenn nicht er, hätte er noch einen Sohn, der in die Bresche springen könnte. Dieser ist selbst Maler und betreibt eine Firma in Löbnitz.

„Wenn man so viel an einer Stadt gemacht hat, liegt sie einem am Herzen“, erklärt er – während er sich innerlich über den „gefährlichen Zustand“ des Hauses am Markt aufregt. „Damals war es eine Stehbierhalle“, sagt er. „Auch wir haben uns da früher mal ein Getränk gegönnt.“

So viele Bauruinen gibt es in der Altstadt

Das Haus am Neuen Markt 11 zählt aktuell zu den wenigen Schandflecken, die man noch in der Welterbe-Altstadt entdecken kann. Dies belegen auch Zahlen, die zuletzt 2020 auf einer Sitzung der Stralsunder Bürgerschaft präsentiert wurden. Demnach befinden sich in der Altstadt kaum noch sogenannte Bauruinen. Nach der letzten Erhebung (Monitoring 2018) waren es lediglich 29 Gebäude, was 2,2 Prozent des gesamten Gebäudebestands der Altstadt entspricht. Die Tendenz seitdem ist sinkend. Nur wenige von den erfassten Gebäuden sind in einem verwahrlosten Zustand, wie es derzeit noch auf das Haus am Neuen Markt 11 zutrifft.

Insgesamt hätte laut Amt für Planung und Bau die Zahl der „Sorgenkinder“ seit 1990 im ganzen Stadtgebiet rapide abgenommen. Problematische Objekte außerhalb der Altstadt waren zuletzt unter anderem die ehemalige Unionsbrauerei in der Kleinen Parower Straße (Knieper Nord), die Kaufhalle „Für Dich“ (Knieper West) oder die Lokschuppen (Tribseervorstadt).

Was die Stadt gegen Bauruinen tun kann

Für Eigentümer solcher problematischen Grundstücke entstehen neben den üblichen öffentlich-rechtlichen Abgaben oft Kosten für die Verkehrssicherung. Es drohen Bußgelder und Ordnungsverfügungen. Die Durchsetzung von Sanierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen auf dem Rechtsweg seitens der Kommune gegenüber den Eigentümern ist jedoch im Wesentlichen auf Maßnahmen der Gefahrenabwehr, auf Erhaltung denkmalgeschützter Anlagen und Beseitigung erheblicher städtebaulicher Missstände beschränkt.

Deshalb sucht die Hansestadt vorzugsweise zunächst das Gespräch mit den Eigentümern, um konstruktiv nach Möglichkeiten zur Beseitigung der Missstände zu suchen. Gemäß dieser Strategie führt die Hansestadt eine „Missstandsliste“ für die Altstadt.

Gute Nachrichten für die Bauruine am Neuen Markt

Zur Bauruine am Neuen Markt gibt es aus dem Stralsunder Rathaushaus auch gute Nachrichten: „Das Bauvorhaben hat sich gut entwickelt. Ein mit der Stadt und den Denkmalschutzbehörden vorab abgestimmter Bauantrag befindet sich derzeit im Genehmigungsverfahren“, heißt es. Damit könnte der einstigen „Bierquelle“ also bald neues Leben eingehaucht werden. Ob das Gebäude dann auch wieder einen gastronomischen Betrieb beherbergen wird, ist jedoch noch unklar.

Was früher im Neuen Markt 11 war

Bereits im 18. Jahrhundert wurde das Haus im Kataster als Bude im St. Marienviertel geführt, Nr. C 114, ab 1869 bekam es die heutige Nummer 11. Damals wechselten die Besitzer häufig. Mehrere Branntweinbrenner waren darunter.

Ab 1831 ist eine Ausschankkonzession nachweisbar. Erster war der Buchdruckergehilfe und Schankwirt Johann Michael Demuth, der die Tochter seines Vorbesitzers, des Buchdruckergesellen Bettig, geheiratet hatte.

Ab 1906 war Rudolf Brügmann der Inhaber. Später übernahm dessen Sohn Herbert. Bekannt war das Lokal damals als Brügmanns Schankwirtschaft. Außerdem gab es damals einen Friseur im Haus.

Nach dem Krieg wurde es weiterhin als Gastwirtschaft genutzt. Nach der Wende war es für einige Jahre ein griechisches Lokal, ab 2002 war es dann ein Grill- und Steakhouse. Danach war es mehrere Jahre geschlossen. Seit 2013 hat es den neuen Besitzer, der die Immobilie jetzt weiterentwickeln will.

Eigenes Elternhaus wurde von Bomben zerstört

Waldow hofft, dass der aktuelle Eigentümer Wort hält – und auch Taten sichtbar werden. Denn mit seinen 81 Jahren ist Waldow nicht mehr der Jüngste. Gern würde er jedoch die Nachwende-Blüte seiner neuen Heimatstadt vollendet wissen.

Seine enge Verbundenheit mit Stralsund begründet sich nicht nur beruflich. Er wurde hier als Flüchtlingskind aufgenommen, fand hier eine neue Heimat. Als er drei Jahre alt war, wurde sein eigenes Elternhaus in Stettin von Bomben zerstört. Er überlebte die Angriffe als jüngstes von sieben Kindern. Mit einem Treck kam er 1945 nach Stralsund, lebte erst auf einem Bauernhof bei Pütte. Für Lebensmittel musste er damals sogar betteln gehen. Damals wusste noch niemand, dass aus dem jungen Waldow mal ein echter Experte für Hausfassaden werden wird – der nun für den Glanz seiner neuen Heimat kämpft.

Von Kay Steinke