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Stralsund Stralsunder berichten, wie sie den Mauerfall erlebt haben
Vorpommern Stralsund Stralsunder berichten, wie sie den Mauerfall erlebt haben
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10:01 09.11.2019
Historische Nacht: In der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 haben sich zahlreiche Menschen vor und auf der Berliner Mauer versammelt und zusammen gefeiert. Quelle: Peter Kneffel/dpa
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Stralsund

Es gibt wenige Ereignisse, bei denen auch Jahrzehnte danach noch so gut wie jeder weiß, wo er gewesen ist, als er davon erfahren hat. Der Mauerfall am 9. November 1989 zählt auf jeden Fall dazu. Dass sich die Geschehnisse so überschlagen würden, damit hatte niemand gerechnet. Selbst für den Verkünder der Maueröffnung, den SED-Sekretär für Informationswesen Günter Schabowski, kam das, was er da auf der Pressekonferenz vor 30 Jahren zu verlesen hatte, überraschend. Seinem zögerlichen Tonfall nach – „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich“ – war er sich der Tragweite seiner Worte und ihres historischen Wertes nicht bewusst.

Die OZ hat sich unter Stralsundern und Menschen mit starkem Stralsund-Bezug umgehört und wollte wissen: Wo waren Sie, als die Mauer fiel? Hier sind die Antworten:

Dirk Löschner, Intendant im Theater Vorpommern

Dirk Löschner Quelle: Vincent Leifer

„Ich war damals 22 Jahre alt, Schauspielstudent und wohnte in Friedrichshain, Ost-Berlin. Am Abend des 9. November besuchte ich mit meiner damaligen Freundin die Premiere des Defa-Films ‚Coming out‘ im Kino International. Dieser Film von Heiner Carow war eine Novität in der DDR. Da ich nicht sehr weit vom Kino wohnte, gingen wir anschließend zu mir nach Hause und ließen den Abend ausklingen – ohne den Fernseher anzuschalten. Als mich mein Bruder Sascha am nächsten Morgen anrief (immerhin hatte ich ein Telefon), sagte er, er käme gerade vom Kudamm! Da fragte ich ihn, ob er nüchtern sei. Erst danach wurde ich auf die ungeheuren Ereignisse der Nacht aufmerksam und wir machten uns auf zu unserem ersten Erkundungstrip nach West-Berlin. Den Mauerfall selbst habe ich also schlicht verschlafen. Dafür werde ich die ungeheure Euphorie der nächsten Tage und die Herzlichkeit der Menschen in West-Berlin, aber auch die deutliche Überforderung aller mit der neuen Situation nie vergessen. Heute betrachte ich es als Geschenk des Schicksals, dass ich die Tage nach dem 9. November 1989 in Berlin erleben durfte.“

Petra Maier, Rektorin der Stralsunder Hochschule

„1989 habe ich gerade meine Berufsausbildung mit Abitur im Schwermaschinenbau  Heinrich Rau‘ als Maschinenbauerin in Wildau bei Berlin begonnen und lebte noch bei meinen Eltern – also direkt südlich vom Geschehen auf der Ostseite. Ich habe mit meiner Familie gebannt die Fernsehbilder verfolgt. Es war unglaublich, was da passierte! Am nächsten Tag wollte ich sofort nach der Berufsschule mit meinen Freunden aus dem Ort darüber sprechen. In der Euphorie der Geschehnisse haben wir dann zu dritt gleich die S-Bahn zum Grenzübergang Berlin-Friedrichstraße genommen. Dort angekommen fügten wir uns in den Menschenstrom, der in Richtung Mauer floss. Dort waren hunderte Leute, die jubelten, sangen oder sich mit Werkzeug an der Mauer zu schaffen machten. Ich lieh mir eins davon und begann ebenfalls zwei, drei Stückchen herauszubrechen. Diese Mauerstücke liegen heute als kleiner Schatz bei mir im Büro am Campus.“

Petra Maier, Rektorin der Stralsunder Hochschule, zeigt ein paar Stückchen, die sie aus der Berliner Mauer gehämmert hat. Quelle: Kai Lachmann

Stefan Kerth (SPD), Landrat von Vorpommern-Rügen

„Zu dem Zeitpunkt war ich 16 Jahre alt. In Rathenow machte ich gerade meine Ausbildung zum Augenoptiker. In der Betriebskantine hatte ich schon Diskussionen mitbekommen und mich daran auch beteiligt. Als die Mauer dann auf war, bin ich mit einem Kumpel auf dem Motorrad in den Westen. Ich erinnere mich noch an die Trabi-Staus, durch die wir uns geschlängelt haben. Als wir in Lübeck ankamen, war das für uns eine Reizüberflutung, ein emotionaler Overkill. Einfach unfassbar.“

Vorpommern-Rügens Landrat Stefan Kerth (SPD), hier bei einer Veranstaltung im Mai 2019 zum zehnten Geburtstag der Gemeinde Sundhagen Quelle: Almut Jaekel

Christoph Lehnert, Pastor in St. Marien Stralsund

Pastor Christoph Lehnert. Quelle: Christian Rödel

„Damals war ich Vikar in Stralsund und habe die Friedensgebete mitgestaltet, die wir hier ab September ’89 abhielten. Bis zu 5000 Menschen kamen in die Kirche. Manchmal war sie so voll, dass die Besucher nach dem ersten Gebet hinausgegangen sind und dann die Leute, die draußen warteten, hineinkamen. Dann beteten wir ein zweites Mal. Wir haben eine große Pauke aufgestellt und jede Minute einmal geschlagen. Das war symbolisch, jeder Schlag stand für einen Menschen, der in den Westen gegangen war. Die Leute haben verstanden, dass nicht alle wegrennen können. Mit unserem Nachbarn haben wir uns damals ein Telefon geteilt. Mein Bruder war in Berlin und hat uns angerufen. Er sagte, die Mauer sei auf. Ich habe ihn gefragt, ob er uns veräppeln will. Aber dann kamen bald die Bilder, wie die Menschen über die Grenzen sind. Ich spürte eine große innere Freude. Nach Berlin bin ich aber nicht gleich danach gefahren. Die Glitzerwelt des Westens kannte ich schon aus dem Fernsehen, da ich in der Nähe von Berlin aufgewachsen bin. Im Dezember fuhr ich das erste Mal rüber. Neben dem Kurfürstendamm und der Kantstraße habe ich in Berlin auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche besucht. Der alte Turm – zermartert und zerhackt, daneben das neu gebaute Kirchenschiff. Das hat mich tief beeindruckt.“

Alexander Badrow (CDU), Oberbürgermeister in Stralsund

„Damals bin ich gerade 16 Jahre alt geworden. Am Abend des 9. November kam ich mit dem Moped von meiner Freundin nach Hause. Ich wohnte damals in Lugau im Erzgebirge. Ich merkte gleich, dass irgendwas Aufregendes passiert sein musste, denn die gesamte Familie hatte sich im Wohnzimmer versammelt. Gebannt schauten wir alle auf den Fernseher und konnten kaum glauben, was wir da sahen. Obwohl noch ein Teenager, war mir schnell klar, dass sich mein Leben rundum ändern würde und dass ich die damit verbundenen Möglichkeiten auf jeden Fall nutzen wollte.“

Alexander Badrow im Alter von 16 Jahren. Quelle: privat

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin und Stralsunder Wahlkreisabgeordnete

Angela Merkel hat 2009 in einemGastbeitrag für die Frankfurter Rundschau ihre persönliche Geschichte vom 9. November 1989 erzählt. Wir zitieren einen Auszug davon: „Ich selbst habe diesen Abend in Berlin miterlebt. Ich sah Schabowskis Pressekonferenz im Fernsehen und rief sofort meine Mutter an, um sie an eine alte Verabredung zu erinnern: Wenn uns die Mauer nicht mehr am Reisen hindern würde, würden wir, so sagten wir immer in meiner Familie, im Kempinski Austern essen gehen. Wir rechneten allerdings beide nicht damit, dass sich die Grenze noch am selben Abend öffnen würde. Also ging ich wie jeden Donnerstagabend in die Sauna. Als ich zurückkam, hörte ich, der Grenzübergang Bornholmer Straße sei offen. Ich bin sofort hingelaufen und habe wie tausend andere Menschen den Grenzübergang nach Westen überquert. Ich empfand – wie alle anderen – eine unglaubliche Freude. Der Empfang in West-Berlin war sehr, sehr herzlich. In einer wildfremden Wohnung haben wir mit einer Dose Bier auf die Maueröffnung angestoßen. Dann bin ich wieder nach Hause nach Ost-Berlin gegangen.“

Angela Merkel hat 2010 die Ausstellung „Friedliche Revolution 1989/90“ in Berlin besucht und vor einem großen Bild, das die Feier zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 zeigt, eine Rede gehalten. Quelle: Hannibal/dpa

Nadja Uhl, in Stralsund geborene Schauspielerin

Schauspielerin Nadja Uhl. Quelle: dpa

Die 47-Jährige war zuletzt im Fernseh-Dreiteiler„Preis der Freiheit“ im ZDF zu sehen. Im Zuge dessen wurde sie oft nach ihrer eigenen Mauerfall-Geschichte befragt. Damals lebte sie in einem Dorf nahe Berlin. Am Abend des 9. Novembers habe sie geschlafen. Im Südkurier führt sie weiter aus: „Ich wollte am Morgen zur Schule fahren und habe das alte Röhrenradio meines Opas angeschaltet, das immer eine Weile brauchte, bis der Ton kam. Ich saß auf der Toilette, als durch die Küche der Spruch des Rias-2-Moderators hallte: ,Die Champagner-Korken knallen auf der Mauer.’ Was ich dann gefühlt habe, ist nicht mit Worten zu beschreiben. Ich habe mich fast wie ein kleines Tier meinen regulären Abläufen gewidmet und bin in die Schule gegangen, wir waren aber nur zu dritt im Klassenraum. In der ersten Pause bin ich dann sofort nach West-Berlin gefahren. In diesem Moment öffnete sich für mich die Welt.“

Und wo waren Sie?

Haben Sie auch eine interessante Geschichte aus der Zeit des Mauerfalls zu erzählen?Wissen Sie noch, wo Sie am 9. November 1989 und in der Zeit danach waren? Können Sie sich noch daran erinnern, wie sie zum ersten Mal in den Westen gefahren sind? Oder in den Osten? Wie haben Sie sich damals gefühlt? Haben Sie womöglich auch Fotos gemacht? Falls ja, dann schreiben Sie uns oder rufen Sie an. Die OZ möchte gerne weitere persönliche Storys vom 9. November veröffentlichen. Sie erreichen die Redaktion per E-Mail an stralsund@ostsee-zeitung.de, telefonisch: 03831/206 759 und via Facebook: www.facebook.com/oz.stralsund.

Conny Eisfeld, Co-Gründerin vom Stralsunder „Fischuppen“

„Ich bin ein Kind der DDR, aufgewachsen mit Pittiplatsch, den Defa-Märchen und Ampelmännchen, aber ich bin keine Zeitzeugin. Keine Ahnung, da muss ich erst mal Mutti fragen.

Conny Eisfeld vom Stralsunder Fischuppen. Quelle: privat

1989 wohnten wir in einer der typischen Plattenbausiedlungen, meine Brüder trugen zu feierlichen Anlässen Pionier-Halstücher und in den Ferien fuhren wir zu den Großeltern in den Harz. An der

Wand klebte eine riesige Foto-Tapete, der Lada stand auf dem Betonparkplatz vor der Tür und die Innenhöfe brummten mit Kinderstimmen und flatternder Wäsche, kunterbunt. Ausreiseanträge und Fluchtgedanken wurden hinter Dederon-Gardinen beflüstert, die Westpakete brachten Kaffee und Schokolade, manchmal Jeans oder Feinstrumpfhosen. Susi und Frank sind weg, sind nicht mehr aus Ungarn wiedergekommen, hieß es hinter vorgehaltener Hand, aber nicht so oft, wie man meinen könnte.

Auf einmal durfte man seine Meinung offen aussprechen, auf einmal durfte man reisen, musste Preise vergleichen und sich für bestimmte Berufe nicht länger von westlichen Verwandten lossagen. Stattdessen klingelte man einfach an ihrer Tür, traf sich an der Mauer, umarmte sich, zum ersten Mal nach vierzig Jahren. Freundschaft und die verlorene Zeit.

Zeuge der Emotionen wurde ich erst viel später, und das ungläubige Gefühl der Freiheit auf den Gesichtern der Grenzübergänger von damals zu sehen, macht mein Herz heute manchmal ganz groß. Als die Aktuelle Kamera über die Grenzöffnung und den Mauerfall berichtet, mit Bildern, die noch keiner von uns so richtig glauben kann, liege ich mit Mumps im Bett. Das ist Mamas Antwort auf meine Frage, wo ich heute vor 30 Jahren war.“

Conny Eisfeld liegt im Alter von drei Jahren mit Mumps im Bett. Quelle: privat

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