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Stralsund Millionen-Spekulation um alten Stralsunder Militärhafen
Vorpommern Stralsund Millionen-Spekulation um alten Stralsunder Militärhafen
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07:43 20.04.2019
Eines der letzten (noch) unbebauten Filetstücke mit Sundblick: Der ehemalige Militärhafen an der Schwedenschanze. Die alten Buhnen sind bereits im Frühjahr aus dem Hafenbecken entfernt worden. Quelle: Jörg Mattern
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Stralsund

Wirbel um mögliche Immobilienspekulationen mit einem früheren kommunalen Grundstück in Toplage: Wie aus einem Verkaufsexposé der renommierten Maklerfirma Engel&Völkers hervorgeht, soll der alte Stralsunder Militärhafen an der Schwedenschanze für 7,5 Millionen Euro verkauft werden, noch ehe Baustart für die vier Häuser mit einigen Eigentums- und vielen Ferienwohnungen ist. Einer der Inhaber der Fläche ist der Immobilienentwickler Fred Muhsal. Er hatte der städtischen Liegenschaftsentwicklungsgesellschaft LEG das 16 300 Quadratmeter große Gelände im Jahr 2014 über seine Ostsee-Stralsund-Appartement GmbH abgekauft. Nach OZ-Informationen soll der Kaufpreis damals 615 000 Euro betragen haben.

Muhsal ist einer der größten privatwirtschaftlichen Immobilienentwickler in Mecklenburg-Vorpommern. Das jüngste Großprojekt, das er in Stralsund vollendet hat, ist die Bebauung des Geländes der ehemaligen Bereitschaftspolizei im Stadtteil Andershof mit insgesamt 260 Wohnungen. Ihm gehört dort auch ein Nachbargrundstück, auf dem unter anderem ein Discounter entstehen soll, was das zuständige Forstamt gern verhindern will, um Flora und Fauna an dieser Stelle zu schützen. Zuletzt wurden in Verbindung mit Muhsal Befangenheitsvorwürfe gegen Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) laut. Der Grund dafür war, dass Muhsal und Badrows Ehefrau gemeinsam einen Pflegedienst in Andershof gegründet hatten und somit geschäftlich voneinander abhängig sind.

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100 Liegeplätze für Segelboote geplant

Die Zukunftspläne für den ehemaligen Militärhafen sind ambitioniert. Aktuellen Entwürfen zufolge, die Muhsal im Jahr 2015 in einer frühen Fassung im Bauausschuss der Bürgerschaft erstmals öffentlich vorstellte, sollen auch 100 Liegeplätze für Segelboote entstehen. Bestandteil des Hafens sollen ein Wellnessbereich, ein Kiosk, ein Hafenbüro und Sanitärräume sein. Hinzu kommen 80 Ferienapartments und 33 luxuriöse Eigentumswohnungen auf einer Gesamtwohnfläche von knapp 10 000 Quadratmetern. Insgesamt könnte der mögliche neue Eigentümer des Grundstücks vier Gebäude bauen, in denen neben den Wohn- und Gewerbeeinheiten auch mehrere Parkdecks untergebracht werden könnten. Eine Baugenehmigung sei bereits inklusive, heißt es gleich auf der ersten Seite des Exposés.

Deckblatt des Exposés, mit dem die Fläche an der Schwedenschanze nun offenbar erneut verkauft werden soll. Quelle: Benjamin Fischer

Ob außer den Erschließungsarbeiten, die anteilig von der Stadtverwaltung bezahlt werden, auch der geplante Strand und die Steganlage für den Yachthafen im Preis inbegriffen sind, bleibt in dem Exposé offen. Konkrete Angaben fehlen darin, dennoch ist auf den Abbildungen in den Unterlagen erkennbar, dass die Stege zum Teil schwimmend konstruiert sind, sodass preisintensive Rammarbeiten im Wasser in diesem Fall günstiger ausfallen dürften. 50 Prozent der Liegeplätze sollen zudem öffentliche Wasserwanderrastplätze sein, wofür ein Investor Fördermittel von der Landesregierung bekommen würde. Der Aufwand dürfte sich zusätzlich in Grenzen halten, da die Ufereinfassung an der Hafenkante samt Spundwänden von der Stadt vor zehn Jahren für rund 1,2 Millionen Euro grundlegend saniert worden ist.

Das Projekt wurde schon 2015 angeboten

Die Verkaufsunterlagen sollen potenziellen Investoren oder Bauträgern, die ein Projekt in dieser Größenordnung übernehmen könnten, in den vergangenen Monaten gezielt zugeschickt worden sein. Eine freie Vermarktung im Internet findet noch nicht statt. Dort war der geplante Komplex bereits im Jahr 2015 in einer Anzeige eines Leipziger Immobilienmaklers auf dem Portal Immowelt.de aufgetaucht – damals zum Preis von sieben Millionen Euro glatt, obwohl ein veränderter Bebauungsplan, der die Schaffung von Wohngebäuden auf dem Areal erst zulässt, zu dieser Zeit noch gar nicht rechtskräftig war. Dies ist seit November 2018 der Fall, womit der Wert des gesamten Grundstückes sprunghaft gestiegen ist. Muhsal beteuerte 2015 noch, mit der Anzeige auf Immowelt.de nichts zu tun zu haben und eine Unterlassungserklärung gegen den Makler erwirken zu wollen, um die damaligen Verkaufsbemühungen zu stoppen.

Verbindungen führen nach Leipzig

Weitere Spuren im Zusammenhang mit dem Projekt führen auch heute noch nach Leipzig. Durchleuchtet man im Handelsregister die Gesellschafter- und Geschäftsverhältnisse hinter der Ostsee-Stralsund-Appartement GmbH, als deren Geschäftsführer Muhsal auftritt, lässt sich ein Netzwerk erkennen, das von verschiedenen Tourismus-, Beherbergungs- und Immobilienfirmen bis zu den Stralsunder Möbelwerken reicht. Die Hälfte der Anteile an der Ostsee-Stralsund-Appartement GmbH hält Muhsal über ein weiteres Unternehmen. Die anderen 50 Prozent der Anteile gehören indes einer Bodden Bauhaus GmbH (BBG), die trotz des extrem nach Vorpommern klingenden Namens ihren Sitz in Leipzig hat. Einer der drei Gesellschafter der BBG ist der Leipziger Steuerberater und Rechtsanwalt Jens Schellknecht. Der Mann unterhält mehrere Unternehmen mit Sitz in Leipzig, in Stralsund, auf der Insel Rügen oder er ist zumindest daran beteiligt. Die im Handelsregister eingetragene Branche, in der die BBG geführt wird, lautet: „Kauf und Verkauf von eigenen Wohngrundstücken, Wohngebäuden und Wohnungen.“

Verzweigtes Firmengeflecht

Schellknecht hatte bereits vor zehn Jahren ein gutes Händchen mit einem lukrativen städtischen Grundstück: 2008 sicherte er sich das ehemalige Ordnungsamt in der Seestraße für gut eine Million Euro, um darin gemeinsam mit weiteren Partnern das Hotel Hafenresidenz Wirklichkeit werden zu lassen.

Als Geschäftsführer der BBG fällt in den Dokumenten ein Andreas Barwanietz auf. Er lebt in Markkleeberg am südlichen Stadtrand von Leipzig und wird – zumindest auf dem Papier – auch als einer der Geschäftsführer der Stralsunder Möbelwerke geführt. Die Möbelwerke waren 2012 in die Insolvenz gerutscht und von einer Schweizer Investorengruppe um Schellknecht wieder in den normalen Geschäftsbetrieb zurückgeholt worden.

Viele Fragen, wenig Antworten

Wer Fragen zu den Vorgängen um den alten Militärhafen stellt, stößt auf recht verschlossene Gemüter. Muhsal lässt eine Anfrage dazu gänzlich unbeantwortet. René Mazur vom Rostocker Büro des Immobilienmaklers Engel&Völkers, er wird in dem Exposé als Kontakt für Interessenten genannt, teilt zunächst nur schmallippig mit, dass es keinen Verkaufsauftrag gebe und nie einen gegeben habe. Auf den Einwand, wie dann das Exposé mit dem Logo und den Kontaktdaten von Engel&Völkers zustande komme, reagiert er genervt und sagt: Wir würden „diesen Austausch jetzt auch nicht weiter vertiefen wollen. Ich gehe davon aus, dass der Vorgang damit für uns abgeschlossen ist.“

Lediglich die Leiterin der Pressestelle der Stadtverwaltung Stralsund, Anne Pilgrim, gibt sich offener. Sie sagt, dass „der von der Bürgerschaft beschlossene Erschließungsvertrag einen Wechsel des Vorhabenträgers nicht grundsätzlich ausschließt“, aber die Zustimmung der Stadt erfordere. Pilgrim: „Die Zustimmung kann verweigert werden, wenn Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die vertraglich vereinbarte fristgemäße Durchführung des Vorhabens gefährdet ist.“ Dies ist bisher nicht absehbar. „Es ist keine Angelegenheit der Stadt, auf die Vermarktung privater Grundstücke Einfluss zu nehmen“, sagt Pilgrim. Fakt sei aber, dass eine Baugenehmigung für das Projekt Schwedenschanze bisher definitiv nicht vorliege – auch wenn Engel&Völkers diese bewirbt.

Aus Dokumenten der Bürgerschaft zu dem Verkauf der Fläche an die Firma von Muhsal und Schellknecht geht hervor, dass die Liegenschaftsentwicklungsgesellschaft der Stadt keine Rücktrittsklausel in den Vertrag eingefügt hat. Andernfalls könnte sie beziehungsweise die Stadtverwaltung das Grundstück unter Umständen zurückverlangen, wenn nachweisbar ist, dass das Land plötzlich zur Grundstücksspekulation eingesetzt werden sollte.

Benjamin Fischer