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Stralsund Mit dem Jet-Ski übers Mittelmeer: Wie Goldschmied Ben Maati nach Stralsund kam
Vorpommern Stralsund Mit dem Jet-Ski übers Mittelmeer: Wie Goldschmied Ben Maati nach Stralsund kam
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10:00 03.12.2019
Der Goldschmied Isaac Ben Maati aus Mauretanien arbeitet seit drei Jahren in der Werkstatt der Stralsunder Juweliersfamilie Stabenow. Quelle: Christian Rödel
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Stralsund

Silberne Muscheln, goldene Anker und Nachbildungen des legendären Hiddenseeschmucks: Kaum einer liebt das Herstellten der maritimen, norddeutschen Motive mehr als Isaac Ben Maati. Für den 31-jährigen Goldschmied aus Mauretanien war am Sonnabend ein großer Tag.

Zusammen mit Susanne Struck, Rainer Stabenow und dem alten Meister Claus Stabenow durfte er seine Kreationen in der Galerie der Goldschmiede präsentieren. Davon hatte er vor rund fünf Jahren noch nicht Mal träumen können. Damals floh er auf einem Jet-Ski über das Mittelmeer – und wäre bei der Überfahrt von Marokko nach Spanien fast gestorben.

Traumberuf seit er 14 Jahre alt ist klar

„Vor mir Wasser, hinter mir Wasser, ich selbst am Ende meiner Kräfte“, erinnert sich Isaac Ben Maati. Der 31-Jährige hatte Glück. Er wurde von der spanische Marine aufgegriffen und an Land gebracht. Er hatte es nach Europa geschafft. „Mein Traum war es, als Goldschmied zu arbeiten“, sagt Ben Maati heute. „Schon als 14-Jähriger ging ich in die Lehre.“

Die drei Brüder Moritz Fridolin (16, v.l.), Emil Jonathan (13) und Oskar Konrad (10) Kellotat spielten mit ihrer Band „Hatshot“ zur Ausstellungseröffnung im Juweliergeschäft  Stabenow und gaben der Vernissage eine bravouröse musikalische Umrahmung. Quelle: Christian Rödel

Doch der Schritt in die Selbstständigkeit in Marokko, dem Land in dem er aufgewachsen ist, gelang nicht. Er schlug sich nach Deutschland durch – und landete 2015 in Stralsund. „Hier bin ich glücklich“, sagt er. „Ich kann hier arbeiten und habe viele Freunde. Stralsund ist meine neue Heimat.“ Nebenbei verbessert er sein Deutsch und spielt Fußball. So ballert er als Stürmer die SG Reinkenhagen II regelmäßig zum Sieg – und ist derzeit der Torschützenkönig seiner Liga.

Er lebt noch immer im Flüchtlingsheim

Doch trotz der Erfolge ist das Leben für Ben Matti in Deutschland nicht leicht. Obwohl er seit drei Jahren für die Stralsunder Goldschmiede arbeitet, hat er noch immer keine eigene Wohnung – und lebt im Flüchtlingsheim auf dem Dänholm. Jeder neue Monat in Deutschland könnte derzeit auch sein letzter sein. Dem Flüchtling aus Mauretanien droht die Abschiebung.

Ausstellung läuft bis zum 24. Dezember

Der jährliche Reigen der Veranstaltungen in der „Galerie im Wintergarten“ der Goldschmiede C. Stabenow wird traditionell mit einer Schmuckausstellung beendet. Gezeigt werden die schönsten Unikate, die Goldschmiedemeister Claus Stabenow und sein Team mit Rainer Stabenow, Susanne Struck und Isaac Ben Maati über das letzte Jahr geschmiedet haben. Jeder Goldschmied des 1874 gegründeten Unternehmens zeigt dabei seine eigene Handschrift. Die Werke sind bis zum 24. Dezember während der Öffnungszeiten in der Badenstraße 1 zu sehen: montags bis freitags, 10 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 18 Uhr.

Zum Vergleich: 2018 wurden laut laenderdaten.info bundesweit 33 Asylanträge von Flüchtlingen aus Mauretanien gestellt, davon wurden 21 abgelehnt. Die Erfolgsquote für eine Aufnahme liegt also bei lediglich 30 Prozent. Auch Ben Maatis Antrag wurde abgelehnt. „Das ist Stress und Angst“, sagt er. „Weil ich nicht weiß, ob die Polizei kommt.“ Doch er hat Freunde die ihm helfen – und seine Duldung wird derzeit immer monatlich verlängert.

Generationswechsel in der Goldschmiede

Auch die Stralsunder Familie Stabenow unterstützt Ben Maati. Und auch das Unternehmen profitiert von seinen Fähigkeiten, gute Goldschmiede sind in der Region rar. „Früher haben bei uns in der Werkstatt täglich bis zu zehn Goldschmiede gearbeitet“, erklärt Claus Stabenow. „Heute interessieren sich junge Leute für andere Berufe. Wir haben Ben Maati getestet. Man konnte bei seinem Praktikum 2016 gleich sehen, dass er mit unseren Werkzeugen und dem Material gut vertraut ist.“

Vier unterschiedliche künstlerische Handschriften in der individuellen Gestaltung von unikaten  Schmuckstücken präsentieren die Goldschmiede Rainer Stabenow (v.l.) , Isaac Ben Maati, Susanne Susanne Struck und Claus Stabenow im Juweliergeschäft „Stabenow“ noch bis zum 23. Dezember. Quelle: Christian Rödel

Nun kann der fast 80-jährige Meister den Generationswechsel einleiten. Denn Sohn Oliver Stabenow, der das Unternehmen als Geschäftsführer leitet, hat das Handwerk nicht mehr erlernt. Neue Werkstattleiterin ist Susanne Struck. Die 47-Jährige wird zusammen mit Ben Maati die Hauptarbeit der Schmuckgestaltung übernehmen. Die Brüder Claus und Rainer Stabenow ziehen sich langsam aus dem Alltagsgeschäft zurück. Sie wollen sich mehr auf freie Arbeiten konzentrieren. So wie die Schmuckstücke, die auch sie zum Anfang der Adventszeit in der Galerie im Wintergarten ausstellten.

Team wächst weiter

Um die Vitrinen aller Goldschmiede bildeten sich auf der Vernissage Menschentrauben. „Ich habe versucht, den Hiddenseer Goldschmuck gestalterisch in die Jetztzeit zu übersetzen“, sagt Werkstattleiterin Struck, die seit drei Jahren wieder in Stralsund lebt. Ben Matti hat für die Ausstellung auch moderne Schmuckstücke kreiert mit Blumen, Perlen und Steinen wie Aquamarin.

„Ich freue mich, dass Familie Stabenow mich als Goldschmiede-Lehrling ausbilden wird, insbesondere deshalb, weil diese handwerkliche Lehre nur noch sehr selten in Stralsund angeboten wird“, Marit Miller (18, angehende Goldschmiedin). Quelle: Christian Rödel

Das junge Team soll bald noch ergänzt werden. Ab Spätsommer 2020 will die 19-jährige Marit Miller bei Stabenows eine Goldschmiedeausbildung beginnen. Das gab es lange nicht. „Während eines Praktikums habe ich Feuer gefangen. Ich freue mich schon auf diese kreative Arbeit“. Mit Miller wird dann nach fast zwei Jahrzehnten Ausbildungspause auch wieder ein Azubi im Haus mitarbeiten.

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Von Kay Steinke und Christian Rödel

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