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Stralsund „Verlorene Heimat“ – Zeitzeugen berichten
Vorpommern Stralsund „Verlorene Heimat“ – Zeitzeugen berichten
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10:02 29.12.2018
Der Stralsunder Buchautor Eberhard Schiel bei einem Fototermin auf den Weißen Brücken der Hansestadt. Quelle: Marlies Walther
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Stralsund

Eigentlich wollte er nicht mehr schreiben. Doch als er von der Aktion „Stralsund erinnert“ zum Gedenken an die Pogromnacht vor 80 Jahren erfuhr, bekam Eberhard Schiel (76) ein „schlechtes Gewissen“, wie er sagt. „Ich dachte, das ist doch dein Thema. Warum schweigst Du angesichts neuer antisemitischer Tendenzen in Deutschland?“ So der Ausgangspunkt für sein zehntes Buch, das unter dem Titel „Verlorene Heimat“ im Verlagshaus Kruse erschienen ist.

Schiel hat zwei jüdische Schicksale gewählt, die „auf den ersten Blick harmlos erscheinen mögen“, wie er meint. Doch wie ist das, wenn man seine Heimat verlassen muss? Welche Gedanken gehen Menschen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Angst und Not durch den Kopf? Das habe ihn sehr beschäftigt.

Besonders berührend: In dem Text „Der Baron mit dem Judenstern“ kommt ein Zeitzeuge zu Wort. Der gebürtige Stralsunder Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witt (1926-2004). Dessen Erinnerungen bildeten auch eine der Grundlagen für den Film „Rosenstraße“ von Margarethe von Trotta. Schiel hat den sogenannten „Halbjuden“ 1999 bei einer Lesung kennengelernt. Der Baron lud ihn wenig später nach Berlin ein. Der Autor besuchte den Baron über mehrere Jahre immer wieder. Eberhard Schiel erlebte einen lebendigen Erzähler und „formvollendeten Gastgeber“. Das aus den Gesprächen entstandene Manuskript wurde von dem Adligen noch zu Lebzeiten autorisiert.

Die Bekanntschaft mit Oskar Löwenstein habe ihm geholfen, „interne Dinge über führende Nazis des Dritten Reiches besser zu verstehen“, da sein Gesprächspartner „mit dem Polizeipräsidenten und SA-Führer Wolf Graf Heinrich von Helldorff, verwandt war. Der Baron habe ihm erzählt, wo die Macht seines Onkels zum Schutz der Familie Löwenstein de Witt aufhörte und die Allmacht der SS begann.

Hans-Oskar Baron Löwenstein de Witt, der nach seiner Kindheit von Stralsund nach Berlin gezogen war, beschreibt seine Erlebnisse detailreich und bildhaft. Der Leser erfährt, was er fühlte, als ganze Straßenzüge für Juden gesperrt, ihnen der Zutritt zu Parks, Schwimmbädern, in den Zoo, ins Kino oder in Konzerthäuser versagt wurde. „Das geistig-kulturelle Leben wurde uns völlig abgeschnitten. Auf Dauer hielt man das nicht aus. Man wäre ja wahnsinnig geworden, total verblödet, ohne Kultur, ohne Zeitungen, ohne Radio, ohne Telefon, sodass wir uns manchmal todesmutig den Judenstern abrissen, um doch ab und zu auf leisen Sohlen, im Dämmerlicht der Großstadt das Kino oder die Oper zu besuchen.“

An anderer Stelle heißt es: „Wenn man nun das Wagnis einging, mit dem Judenstern auf die Straße zu gehen, dann drehten sich die Leute verlegen um oder schauten weg. Andere sahen durch uns hindurch, so als wären wir aus Glas. Das fand ich furchtbar. Dieser deutsche Untertanengeist. Diese Charakterlosigkeit. Und, was wohl am schlimmsten war, diese Gleichgültigkeit.“

Während die bewegenden Worte des Barons durch Authentizität bestechen, ist eine weitere Geschichte frei erfunden, wie Schiel betont. Dennoch hätte sie sich damals genau so abspielen können. In „Amerika wir kommen“ geht es um den Weg der Kaufmannsfamilie Silbermann, die in der Triester Straße ein Geschäft betreibt und 1939 auswandert. Angelehnt sind die dramatischen Ereignisse an das Schicksal der Stralsunder Familie Zimmerspitz. „Gerade über die Auswanderung Stralsunder Juden wissen wir aus Dokumenten fast nichts“, erklärt Eberhard Schiel. In einer Akte der damaligen Stadtverwaltung stehe nur der Vermerk „Abgemeldet am...“ Schiel vermutet, dass „die Betroffenen“ andere Sorgen hatten, als den Zurückgebliebenen ihre Überfahrt nach Amerika zu beschreiben. So habe er einschlägige Literatur durchforstet.

In seinem Schaffen nimmt das Buch „Verlorene Heimat" für den Autor eine besondere Rolle ein, weil es, „wie ich glaube, in einer Zeit erschienen ist, da uns Zeitzeugen dieses dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte aus biologischen Gründen kaum noch zur Verfügung stehen, da der daraus folgenden Verfälschung und Verdrängung, dem Vergessen und der Gleichgültigkeit Einhalt geboten werden muss.“

„Verlorene Heimat“ ist bei Hugendubel und im Verlag Kruse erhältlich. ISBN: 978-3-95872-063-3. Eine Lesung ist am 14. Februar, 16 Uhr, in der Stadtbibliothek geplant.

Marlies Walther

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