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Stralsund Neues Gedenkbuch über jüdisches Leben in Stralsund
Vorpommern Stralsund

Neues Gedenkbuch über jüdisches Leben in Stralsund

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10:55 02.01.2022
Uta Tornow und Friederike Fechner präsentieren die Dokumentation über jüdisches Leben in Stralsund, die jetzt online abrufbar ist.
Uta Tornow und Friederike Fechner präsentieren die Dokumentation über jüdisches Leben in Stralsund, die jetzt online abrufbar ist. Quelle: Reinhard Amler
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Stralsund

Ende 2021 ging das „Gedenkbuch für die durch den Naziterror entrechteten, verfolgten, deportierten und ermordeten Juden“ online gegangen. Was sich auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen sperrig anhört, ist ein wahrer Schatz für die Hansestadt Stralsund. Denn bei diesem Gedenkbuch handelt es sich um ein Nachschlagewerk, wie es wahrscheinlich kaum ein weiteres dieser Art in der Region gibt.

Das neue Gedenkbuch enthält nicht nur die alphabetisch geordneten Namen aller über 300 seit 1856 in Stralsund registrierten Juden, sondern auch viele Details aus deren Leben. Dazu zählen biografische Daten, Fotos, Briefe, auch Geschichten aus Familienalben und später geführte Interviews. Außerdem wurden erhalten gebliebene Zeitzeugenberichte zugeordnet

Recherche-Weg führte bis in die USA

„Wir haben alles zusammengetragen, was für uns an Dokumenten aufzufinden war“, erklärt Friederike Fechner. Die 60-jährige Cellistin ist in Stralsund keine Unbekannte, denn sie hat sich bereits einen Namen gemacht, als sie die Geschichte um die jüdische Lederwarenhandlung der Gebrüder Blach angestoßen und vorangetrieben hat. Für das Gedenkbuch hat sie nun gemeinsam mit Uta Tornow in allen zugänglichen Archiven recherchiert. Angefangen beim Stralsunder Stadtarchiv, über Standesämter bis hin zu noch vorhandenen Deportationslisten oder Statistiken über den Holocaust. Verbindungen gab es auch zur Shoah-Foundation in Amerika und zum Dokumentationszentrum Yad Vashem in Jerusalem sowie zum Holocaust-Museum Washington“.

Zwei Jahre an Dokumentation gearbeitet

In nur zwei Jahren haben die beiden Stralsunder Frauen die nun vorliegende Dokumentation erarbeitet. Beide gehören der „Initiative zur Erinnerung an jüdisches Leben in Stralsund“ an, die 2019 gegründet wurde. Deren Ziel ist es, Wirkungsstätten jüdischer Menschen in Stralsund wieder öffentlich sichtbar zu machen.

Stadtführerin wollte selbst mehr über jüdisches Leben erfahren

Wenn Uta Tornow berichtet, merkt man, dass es eine wahre Sisyphusarbeit gewesen sein muss, alles zusammenzutragen und anschließend zu ordnen. „Corona und der Lockdown waren in diesem Fall aber mal hilfreich“, fügt sie schmunzelnd hinzu. Seit 2014 ist Uta Tornow als Stadtführerin in Stralsund tätig. „Immer wenn ich meine Gäste an die jüdische Gedenkstele im St. Johanniskloster führe, werde ich nach Details gefragt“, sagt sie. „Dabei merkte ich, dass ich oft bei Allgemeinplätzen stehen blieb.“ Das befriedigte sie nicht. Und so erwuchs daraus auch ein Stück Motivation, mehr über das jüdische Leben in Stralsund zu erfahren.

Enge Verbindung zur Warenhausgeschichte

Denn Stralsund hatte zeitweise ein sehr reges jüdisches Leben. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seien viele Juden hierher gezogen, weiß die Frau zu berichten. In diese Zeit fällt auch die Gründung der ersten Einzelhandelsgeschäfte von Georg und Hugo Wertheim sowie Leonhard und Flora Tietz. Markante Daten sind dabei natürlich der 5. Dezember 1903, als das Wertheim-Kaufhaus in der Ossenreyerstraße 8 bis 10 eröffnet wurde. Das Haus mit seiner prachtvollen Fassade ist ja heute noch erhalten. Gut ein Jahr zuvor, am 11. Oktober 1902, hatte bereits Leonhard Tietz ebenfalls ein Kaufhaus in der Ossenreyerstraße 19 eröffnet, in dem heute ebenfalls noch Handel betrieben wird.

Im Gedenkbuch gibt es viele Links auch auf andere Seiten. So gelangt man sofort auch auf den Internet-Auftritt des 2011 in Stralsund gegründeten Förderverein „Historische Warenhäuser“, wo man dann weiter in die jüdische Warenhausgeschichte einsteigen kann. In einem Kapitel im jetzt erschienenen Gedenkbuch wird auch darüber berichtet, wie die Nazis 1933 begannen, massive Propaganda gegen die Warenhaus-Inhaber zu führen, was diese letztlich zur Aufgabe zwang.

Bis zur Pogromnacht besaß Stralsund eine Synagoge

Stralsund besaß auch eine jüdische Synagoge. Sie war 1787 in der Langen Straße 69 eingeweiht worden. Wie viele andere in Deutschland brannte sie in der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 nieder. Im vorliegenden Gedenkbuch sind deshalb auch Auszüge aus Briefen enthalten, in denen sich ein Gemeindemitglied aus jener Zeit, der Überlebende des Holocaust, Kurt Zimmerspitz an diesen grausamen Morgen des 10. November 1938 erinnert.

Um diese Zeitzeugenaussagen hat sich der Stralsunder Eberhard Schiel gekümmert, der bereits mehrere Bücher über das jüdische Leben in der Stadt geschrieben hat.

Kanzlerin Merkel stiftete Erinnerungstafel

Die Überbleibsel der zerstörten Synagoge wurden 1951 beseitigt. Ein Jahr später entstand an dieser Stelle ein Wohnhaus, an dem aber nichts mehr an die Synagoge erinnerte. Erst 2009, zum Gedenken an die Pogromnacht wurde dort eine Tafel angebracht, gestiftet von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zur Wahrheit gehört auch, dass diese Tafel kurz vor ihrer Einweihung gestohlen und im Strelasund versenkt wurde. Sie wurde zwar später durch Taucher geborgen, war aber inzwischen durch ein Duplikat ersetzt worden.

Das Beispiel zeigt, dass das jetzt erschienene Gedenkbuch bis in die heutige Zeit voller historischer Details steckt. Und es soll fortgeschrieben werden, wie Uta Tornow und Friederike Fechner berichten. Das Wertvollste an der Dokumentation ist aber wohl die alphabetische Auflistung der über 300 Jüdinnen und Juden, die nachweislich seit 1856 in Stralsund gelebt haben. Diese Jahreszahl wurde gewählt, weil ältere Menschen mit den Auswirkungen des Antisemitismus nicht mehr stark in Berührung gekommen sind, erklärt Uta Tornow. Alle Namen in dieser Liste kann man anklicken, um Einsicht in die gesammelten Dokumente und Fotos zu den Personen zu erhalten.

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Gedenkbuch soll Geschichtsunterricht lebendiger machen

Die beiden Stralsunderinnen hoffen, dass ihr Buch möglichst vielfältig genutzt wird. Nicht nur von geschichtsinteressierten Bürgerinnen und Bürgern, sondern vor allem auch in den Schulen. Denn mit dem Gedenkbuch könne sehr lebendiger Geschichtsunterricht gestaltet werden, sind beide Frauen überzeugt. Sie sind auch weiter interessiert an Informationen, mit denen die Dokumentation vervollständigt werden kann. Geplant ist auch eine Übersetzung ins Englische. Das alles spricht für hohe Professionalität, die sich nicht zuletzt auch im Webdesign des Buches, gestaltet durch die Stralsunder Firma Orcas widerspiegelt.

Zum Gedenkbuch kommt man über diesen Link: https://gedenkbuch-stralsund.de

Von Reinhard Amler