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Stralsund OB-Vize bezeichnet Aldi als „nicht mehr zeitgemäß“
Vorpommern Stralsund OB-Vize bezeichnet Aldi als „nicht mehr zeitgemäß“
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16:13 26.08.2018
Der Aldi-Markt in Andershof hat seine besten Tage in der Tat hinter sich.
Der Aldi-Markt in Andershof hat seine besten Tage in der Tat hinter sich. Quelle: Benjamin Fischer
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Stralsund

Wörtlich bezeichnete der Stellvertreter des Oberbürgermeisters Albrecht den Discounter in Andershof als „nicht mehr zeitgemäßen Aldi mit unterdurchschnittlicher Verkaufsfläche“. Der Einzelhandelskomplex sei dennoch der einzige, mit dem die Versorgung des südlichen Stadtgebietes abgesichert werde. 

Der Grund der für eine Stadtverwaltung ungewohnt deutlichen Kritik an einem seit Jahren ansässigen Supermarkt dürfte indes ganz woanders zu suchen sein. In der Vorlage, über die heute der Bauausschuss der Bürgerschaft erstmals beraten soll, wirbt Albrecht um die Zustimmung der Stadtvertreter zur Ansiedlung eines weiteren Lebensmittelmarktes in Andershof - in unmittelbarer Nähe des Real- wie des Aldi-Marktes. Hinter dem Projekt steckt der Immobilienentwickler Fred Muhsal, dem beste Verbindungen zu Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) attestiert werden. Muhsal hat in Stralsund bereits mehrere große Bauprojekte verwirklicht, und ihm gehört seit gut zwei Jahren eine knapp 1,4 Hektar große Fläche in Andershof, die dort zwischen der Greifswalder Chaussee und dem Straßenbauamt gelegen ist. Darauf sollen der Beschlussvorlage zufolge ein neuer Kindergarten für Eltern, die im Schichtdienst arbeiten, sowie der Nahversorger entstehen. 

Mit dem neuen Supermarkt in fast unmittelbarer Nachbarschaft zu Aldi und Real solle, so schreibt Albrecht in der Vorlage, „die Netzlücke“ im südlichen Stadtgebiet geschlossen und „durch die Ansiedlung eines zeitgemäßen Nahversorgers“ eine „fußläufig zu erreichende Versorgung mit Waren des kurzfristigen und mittelfristigen Bedarfs“ erreicht werden. 

Der nächstgelegene Markt befindet sich in der Tat erst am Werftkreisel in Richtung in Altstadt - 4,5 Kilometer von Aldi und Real entfernt. Der Onlinekartendienst Googlemaps berechnet für diese Strecke zu Fuß eine Zeit von 57 Minuten. Der neue Supermarkt wäre laut Googlemaps immer noch 3,5 Kilometer oder 42 Gehminuten von dem Netto am Werftkreisel entfernt. Die von Albrecht festgestellte Versorgungslücke würde demnach allenfalls ansatzweise geschlossen werden. 

Dies bemängelt auch Jürgen Suhr, Grünen-Fraktionschef in der Bürgerschaft: „Es ist fragwürdig, warum man in einer Entfernung von nicht einmal einem Kilometer Luftlinie einen weiteren Einzelhandelsschwerpunkt schaffen will. Offensichtlich scheinen die Interessen des Investors eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen.“ 

Als zusätzliche Begründung für die Ansiedlung eines weiteren Lebensmittelmarktes nennt die Stadtverwaltung eine entsprechende Empfehlung im neuen regionalen Einzelhandelskonzept, dessen Aufstellung zugleich eine Bedingung für eine mögliche Erweiterung des Strelaparks ist. Das Papier liegt nach Angaben der Stadtverwaltung bisher aber lediglich in einem unveröffentlichten Entwurf vor. Auf Anfrage der OZ konnte das Rathaus auch gestern keine abschließende Fassung liefern. Selbst den Mitgliedern der Bürgerschaft ist das Konzept bisher nicht vorgestellt worden. Suhr spricht von Unverständnis darüber, „dass die Verwaltung zur Begründung eines weiteren Nahversorgers ein Konzept heranzieht, das noch nicht einmal beschlossen wurde“. 

Aus gesetzlichen Gründen ist eine Bebauung des Geländes an der Greifswalder Chaussee bislang ohnehin nicht möglich, weil dem Vorhaben das Landeswaldgesetz entgegensteht, wonach das zuständige Forstamt Schuenhagen die inzwischen auf dem Areal hochgewachsenen Bäume und Sträucher wegen ihrer Nähe zum Sundufer als Küstenschutzwald einstuft. Vize-OB Albrecht zufolge sei beim Forstamt aber ein Antrag gestellt worden, der darauf ziele, den Wald zugunsten einer Bebauung abholzen zu dürfen. 

Dem Vernehmen nach sieht das Forstamt in dieser Angelegenheit durchaus Möglichkeiten, für den Bau eines Kindergartens aufgrund des großen Platzmangels in Stralsund der Fällung einiger Bäume zuzustimmen. Es soll dem Forstamt aber schwerfallen, angesichts der Nähe zu Aldi und Real ein vergleichbares übergeordnetes öffentliches Interesse für den Bau eines neuen Supermarktes erkennen zu können.

Benjamin Fischer