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11:40 31.12.2014
Tritt nach sieben Jahren zum zweiten Mal an: CDU-Kandidat und Amtsinhaber Alexander Badrow. Er gilt im Rathaus als jungdynamischer Machertyp. Quelle: Stefan Sauer
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Stralsund

Mit der Entscheidung der Linken, Rügens Ex-Landrätin Kerstin Kassner als Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl in Stralsund aufzustellen, dürfte der Wahlkampf deutlich an Spannung gewinnen. Am 26. April wird in der Hansestadt ein neuer Rathauschef gewählt, bereits im Januar startet die erste Wahlkampfphase. Die CDU stellt Amtsinhaber Alexander Badrow auf.

Der Wahlkampf wird sich nun im Endeffekt auf ein Duell zwischen ihm und Kassner zuspitzen, während die Kandidaten von SPD und Grünen nicht vollkommen in die Bedeutungslosigkeit rutschen werden, aber den bisherigen Wahlergebnissen zufolge kaum Chancen haben, in die Stichwahl zu gelangen. Für sie wird der Wahlkampf eine kleine Show ihrer politischen Standpunkte bleiben.

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Auch die Alternative für Deutschland (AfD) will einen eigenen Kandidaten aufbieten. Damit hat sich am Ende in Stralsund eine demokratische Tugend behauptet, derzufolge jede Partei einen eigenen Kandidaten stellt. Für die Wahlbeteiligung ist dies mehr als vorteilhaft.

Ursprünglich hatten Linke, SPD und Grüne abgemacht, sich auf einen parteiübergreifenden Kandidaten zu einigen. Motto: Hauptsache ein gemeinsamer Kandidat, der dem CDU-OB mit den gesammelten Stimmen der Anhänger aller drei Parteien im linken Lager möglichst gefährlich werden kann. Für die Vermittlung politischer Inhalte, die die Parteien voneinander unterscheiden, blieb angesichts dieser Taktik kein Raum. Es ginge allein darum, Badrow zu stürzen. Wähler interessieren solche Spielchen aber allenfalls am Rande. Für sie ist das Setzen des Kreuzchens Ausdruck einer politischen Haltung und eine Antwort darauf, ob sie mit dem Programm dieser oder jener Partei zufrieden sind.

Die Parteien werden ohnehin immer schwieriger unterscheidbar, sodass solche Ein-Kandidatfür-uns-alle-Pläne zugleich einen Raubbau an der politischen Kultur bedeuten, was angesichts einer Wahlbeteiligung von nur 37 Prozent bei der vergangenen Kommunalwahl in Stralsund im Mai dieses Jahres unverantwortlich ist. Ganz abgesehen von den damals einhelligen Bekundungen, dass gegen die Politikverdrossenheit dringend etwas getan werden müsse.

Die Grünen scherten als erste wieder aus dem Dreierbündnis aus und stellten mit ihrer Landeschefin Claudia Müller eine eigene OB-Kandidatin auf. Kurz darauf schlug die SPD den Rechtsanwalt Peter van Slooten als Kandidaten vor, der nun noch zugleich für die Linke antreten sollte. Die erst kürzlich abgelöste Linken-Kreischefin Marianne Linke stellte sich einer gemeinsamen Pressemitteilung mit der Stralsunder SPD-Bundestagsabgeordneten Sonja Steffen demonstrativ hinter van Slooten. Die Genossen schäumten. Zwar ist Die Linke als Partei auf Grund von Ungereimtheiten während eines Listenparteitages nicht mehr selbst in der Bürgerschaft vertreten. Dort bildet stattdessen notgedrungen die Wählergemeinschaft Linke offene Liste (LoL) eine politisch ähnliche Fraktion. Aber deshalb auf einen eigenen OB-Kandidaten verzichten, mochte die Linkspartei dann doch nicht. Zumal es bei der OB-Wahl im Jahr 2008 Linkspolitiker Karsten Neumann war, der Badrow in die Stichwahl zwang und dabei selbst auf immerhin 42 Prozent kam. Grüne und SPD können von solchen Ergebnissen nur träumen. Insofern hätte den Linken das geplante Dreierbündnis mit einem SPD-Frontmann am meisten geschadet.

Dennoch wäre es nicht aussichtslos gewesen, wenn die SPD sich beispielsweise nicht für den relativ uncharismatischen van Slooten, sondern für einen anderen Kandidaten entschieden hätte. Einen, der über die Parteigrenzen hinaus deutlich mehr Anerkennung hat. Nicht wenige in Stralsund würden an dieser Stelle auf Sonja Steffen tippen. Aber sie bleibt als Abgeordnete in Berlin. Diese Diskussion gab es gar nicht erst. Am Ende tauchte Kerstin Kassner am Horizont auf. Ja, die „Rügen-Mutti“ hat einen gewissen Promibonus, der aber in Stralsund auch nicht überschätzt werden darf. An ihrem aktuellen Job als Bundestagsabgeordnete scheint sie wenig Interesse zu haben. Erst kürzlich ließ sie verlauten, dass „die Kommunalpolitik eine andere Welt ist. Sie ist viel konkreter, näher an den Leuten. Und ich habe gewusst, als ich nach Berlin ging, dass die direkten Möglichkeiten, etwas zu beeinflussen, sehr gering sind. Erst recht als Opposition.“

Bleibt abzuwarten, ob Kassner im OB-Wahlkampf ein Programm entwickelt, das über diesen Berlin-Frust hinausgeht. Zumal Badrow in den vergangenen sieben Jahren einen jungdynamischen, aber ebenso leidenschaftlichen Oberbürgermeister gegeben hat. Was ihm fehlt, ist ein geglücktes Großbauprojekt lastovkaischen Ausmaßes, wobei dies kein Nachteil sein muss. Badrow kontra Kassner — gute Aussichten für ein spannendes OB-Wahljahr 2015.

Die Kommunalpolitik ist eine andere Welt. Sie ist viel konkreter, näher an den Leuten. Und ich habe gewusst, als ich nach Berlin ging, dass die direkten Möglichkeiten, etwas zu beeinflussen, sehr gering sind. Erst recht als Opposition.“
Kerstin Kassner (Die Linke)
über ihre Arbeit im Bundestag



Benjamin Fischer

19.12.2014
19.12.2014