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Stralsund Politiker in sozialen Medien: Ich, ich, ich!
Vorpommern Stralsund Politiker in sozialen Medien: Ich, ich, ich!
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19:34 10.04.2019
Philipp Amthor hält eine Rede in der Aula der Universität Greifswald und dokumentiert das mit diesem Bild gerne in den sozialen Medien. Quelle: Facebook/privat
Stralsund

Auch von eher langweiligen Terminen mit Landes- oder Bundespolitikern gibt’s immer Fotos. Während die politische Kultur sich durchkämpft, blüht die Selfie- und Selbstvermarktungskultur im Politischen – auch in Vorpommern.

Folgende Situation vor einigen Tagen auf Hiddensee: Stefan Bruhn, der Sprecher von Landesfinanzminister Mathias Brodkorb (SPD), begrüßt im Henni-Lehmann-Haus ungefähr 40 Rentner und kündigt an, was der Finanzminister gleich vortragen wird: Wie macht man als Rentner eine Steuererklärung. Es ist ein Wohlfühltermin für Brodkorb. Das Publikum ist durchweg älter als 60 Jahre. Soziale Medien gehören in dieser Altersgruppe eher zur Ausnahme.

Hat jemand ein Problem mit einem Foto?

Bruhn fragt pflichtbewusst in die Runde: „Wir machen gleich auch ein Foto für die sozialen Medien. Darauf könnten Sie zu erkennen sein. Hat damit irgendjemand ein Problem?“ Niemand meldet sich. Eine Referentin aus dem Stab des Ministers schießt mit ihrem Tablet das Bild und keine 20 Minuten später steht bei Facebook:

„Volles Haus auf Hiddensee ;) Finanzminister Mathias Brodkorb informiert heute die Vitter Bürgerinnen und Bürger über die Möglichkeit der vereinfachten Steuererklärung für Rentnerinnen und Rentner. Mecklenburg-Vorpommern pilotiert hier derzeit bundesweit mit diesem Projekt, das den Service- und Dienstleistungsgedanken unserer Finanzverwaltung noch mehr unterstreicht.“

In einer wohlwollend verfassten Pressemitteilung des Ministeriums hätte dies nicht besser formuliert sein können. Der Nachteil solcher Jubel-Mitteilungen ist aus Sicht der Verfasser aber, dass sie von den Redaktionen nicht genauso veröffentlicht, sondern hinterfragt und kritisch eingeordnet werden. Auf Facebook, Twitter und Instagram haben Politiker dagegen stets freie Fahrt, auch wenn sie, so wie im Fall des Finanzministers, ihre Zielgruppe nicht immer einwandfrei erreichen.

„Ich hasse Selfies eigentlich“

„Für mich ist das ein persönliches Projekt“, sagt Claudia Müller. Die 37-jährige Bundestagsabgeordnete der Grünen ist quantitativ am eifrigsten, was diese Form der Kommunikation angeht. Mehr als 7000 Tweets zählt ihr Twitter-Account. Eine professionelle Politiker-Seite bei Facebook, auf der sich Frauen meistens im Kostüm und Männer mit Krawatte zeigen, und auf der man die Inhalte verfolgen kann, ohne die Person liken, also positiv bewerten, zu müssen, habe sie bisher nicht angelegt. Ohnehin kämen die sozialen von der Reichweite her nicht an die klassischen Medien heran, sagt sie. Man dürfe das nicht überschätzen.

Auf vielen ihrer Social-Media-Fotos zeigt sie sich oft selbst. Claudia Müller im Europa-Parlament oder beim parlamentarischen Abend zum Schutz der Bienen in Berlin. Müller: „Ich zeige lieber, wo ich gerade bin. Ich hasse Selfies eigentlich.“ Aha. Erreicht man mit Facebook ohnehin nicht nur die Menschen, die einem sowieso gewogen sind, Frau Müller? „Ja, natürlich folgen einem vor allem die Leute, die in der gleichen Blase leben wie man selbst. Aber auch denen will man zeigen, dass man sich bewegt und für bestimmte politische Ziele einsetzt.“

Finger immer am Ehering

Vorpommern-Staatssekretär Patrick Dahlemann (SPD) twitterte am Montag gleich vier Fotos von einem Termin in der Grundschule Kranichblick in Samtens auf der Insel Rügen. Auf allen vier Bildern war er selbst zu sehen – umgeben von Kindern oder in einer Gesprächsrunde. Ähnlich wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf Fotos gern die Hände zur Raute formt, umfasst Dahlemann in solchen Momenten mit den Fingern der linken Hand gern seinen Ehering an der rechten.

Angesprochen auf seinen beachtlichen Selfie-Anteil, sagt auch er dann prompt: „Wer sich meine Fotos ansieht, wird feststellen, dass ich darauf keine Rolle spiele.“ Und selbst wenn, „habe ich noch keinen Menschen erlebt, der sich über einen fleißigen Politiker beschwert“.

„Es muss persönlich sein“

Schon seit Jahren fasst Dahlemann regelmäßig die Ergebnisse der Sitzungen des Kreistages in Vorpommern-Greifswald aus SPD-Perspektive in einem Podcast zusammen, der nach jeder Sitzung über Facebook abrufbar ist. „Wir wollen damit kommunalpolitische Zusammenhänge möglichst einfach erklären“, sagt er. Andere Fraktionen ahmen das inzwischen nach. Allerdings sei es wichtig, dass man seinen Account selbst mit Inhalten fülle und dazu keine Mitarbeiter einsetze. „Es muss persönlich sein.“

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) ließ nach ihrer Amtsübernahme im Sommer 2017 dagegen rasch eine Referentenstelle für soziale Medien in der Staatskanzlei ausschreiben. Die Kollegin solle sich allerdings nur um die Inhalte kümmern, die die Staatskanzlei täglich ins Netz pustet und nicht um Schwesigs Facebook-Auftritt als Politikerin. Heißt es zumindest.

„Die Planierraupe aus Ueckermünde

Philipp Amthor, „der jüngste CDU-Bundestagsabgeordnete der Welt“ (Zitat TV-Satiriker Jan Böhmermann), sieht in Facebook und Co. vor allem ein Mittel, um politische Inhalte in die Welt jüngerer Wähler zu transportieren. „Die Privatperson Philipp Amthor bräuchte überhaupt keine sozialen Netzwerke.“ Und Amthor lässt den Hass im Netz, den Politiker in den meisten Fällen nur akzeptieren müssen, weil sie Politiker sind, lächelnd abperlen. „Auf sachliche Kritik reagiere ich gerne, oberflächliche Beschimpfungen sagen indes meistens mehr über den Kritiker aus als über den Kritisierten.“

Reichlich Spott hatte Amthor anfangs sogar von Böhmermann zu ertragen: „Wie konnte er dieses Gesicht nur über die Schulzeit retten?“ Dann vermöbelte Amthor im Bundestag die AfD („Hören Sie mal zu, dann können Sie noch was lernen“), was ihm bundesweit Respekt einbrachte. Böhmermann revidierte seine Haltung und lud Amthor Ende März in seine Show ein, wo der 26-Jährige für einen Politiker einen recht vorteilhaften Auftritt hinlegte, selbst wenn Böhmermann ihn als „Planierraupe aus Ueckermünde“ bezeichnete, die andere einfach nicht zu Wort kommen lasse, was durchaus positiv gemeint gewesen sein soll.

„Nie wieder CDU“ auf Youtube

Der Transport politischer Inhalte verläuft allerdings nicht immer zum Vorteil der CDU. „Das ist für mich ein Anlass zur Sorge“, sagt Amthor, wenn er darüber spricht, was seine Partei „in der sehr verschärften Debatte um Artikel 13“ im Netz auszuhalten habe. Der Slogan „Nie wieder CDU“ ist dort besonders auf Plattformen wie Youtube omnipräsent.

Dabei seien die viel kritisierten Uploadfilter, die soziale Netzwerke verwenden könnten, um Inhalte nur dann hochzuladen, wenn sie dem neuen reformierten EU-Urhebergesetz entsprechen, auch von der Union nicht gewollt. Die Filter seien im Gesetz nicht vorgesehen und höchstens Sache der sozialen Netzwerke selbst, betont Amthor. „Die Union will das Problem mit einem pauschalen Lizenzierungssystem lösen, so dass gar keine Uploadfilter nötig wären.“

Das gehe in der sehr zugespitzten Debatte leider unter, „in der sich viele andere jetzt einen schlanken Fuß machen. Auch die Mehrheit der Sozialdemokraten hat im Europäischen Parlament für die Reform des Urheberrechtes gestimmt“.

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Benjamin Fischer

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