Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Stralsund Seniorin in Negaster Heim empört über hohe Investitionskosten
Vorpommern Stralsund Seniorin in Negaster Heim empört über hohe Investitionskosten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:10 07.08.2019
Die 93-jährige Ingeborg Schneider kann nicht verstehen, dass sie für ihren Heimplatz in Negast pro Monat über 400 Euro als Investitionsbetrag zahlen soll. Quelle: Ines Sommer
Anzeige
Negast

Das ist einfach nur entwürdigend: Nach 36 Arbeitsjahren bleiben Ingeborg Schneider 126,98 Euro Taschengeld im Monat. „Rente und Pflegegeld werden für den Heimplatz im Haus Emmaus überwiesen. Doch das Allerschlimmste ist: Mein ganzes Erspartes, was ich fürs Alter beiseite gelegt habe, ist für die Investitionszulage drauf gegangen“, sagt die 93-Jährige und kämpft mit den Tränen. „Ich leide wie ein Hund.“

Im Altenhilfezentrum Emmaus in Negast leben rund 80 Bewohner. Quelle: Ines Sommer

Mit knapp 20 000 Euro ist die Seniorin, die zuletzt in Grimmen wohnte, vor dreieinhalb Jahren ins Negaster Heim gezogen. 17 500 Euro sind schon weg, weil jeden Monat 413 Euro für anfallende Investitionen fällig sind. „Stellen Sie sich mal vor, was da im Jahr allein von den rund 80 Bewohnern in Negast zusammenkommt. Das sind 330 000 Euro...“

Anzeige

2000 Euro sollen für die Beerdigung auf dem Konto bleiben

Da rund 2000 Euro auf dem Konto stehen bleiben sollen für die Beerdigung, hat Ingeborg Schneider jetzt keinen Spielraum mehr. „Nach einem Leben mit Kriegserfahrung, dem Großziehen zweier Kinder und arbeitsreichen Jahren mit 48-Stunden-Wochen bin ich jetzt auf die Almosen des Staates angewiesen“, berichtet sie mit zittriger Stimme von ihrem Gang zum Sozialamt. Nach vielem Hin und Her bekommt sie nach zehnmonatigem Kampf nun endlich Unterstützung. 391 Euro, die an den Heimträger überwiesen werden.

Das zahlt Ingeborg Schneider pro Monat

Ausgaben: 1256,95 Euro betragen die Pflegekosten, dazu kommen 50,80 Euro Ausbildungsvergütung, 331,58 Euro Unterkunft, 271,04 Euro Verpflegung und 413,41 Euro Investitionskosten. Macht 2323,78 Euro pro Monat.

Wer zahlt was: 770 plus noch einmal 40,98 Euro zahlt die Pflegekasse (Im Fall von Frau Schneider die DAK Hamburg). 391,54 Euro gewährt jetzt der Landkreis als Zuschuss. 1121,26 Euro gehen vom Konto der Heimbewohnerin ab. Die monatliche Altersrente von Ingeborg Schneider, die sie von der Rentenkasse überwiesen bekommt, beträgt 1248,24 Euro. Bleibt ein Rest von 126,98 Euro – das Taschengeld.

Sie habe sich umgehört, nicht alle Heime nehmen so eine Pauschale, obwohl es rein rechtlich möglich ist. „Ich bin ja auch nicht dagegen, dass man da einen Obolus zahlt, aber doch nicht 400 Euro im Monat pro Kopf.“ Ingeborg Schneider hat von Leuten in Eigentumswohnungen gehört, dass die 100 Euro zahlen... „Da drängt sich ja nun die Frage auf, was mit diesem vielen Geld passiert. Ich habe im Diakoniewerk Kloster Dobbertin nachgefragt. Klar, habe ich eine Antwort. Ein Zettel nur mit Zahlen, die kein Mensch versteht. Offensichtlich will man uns absichtlich für dumm verkaufen“, schimpft die Neu-Negasterin.

13,59 Euro werden pro Tag für Investitionen bezahlt

Die OZ fragte nach bei Lutz-Christian Schröder, Prokurist des Diakoniewerks Kloster Dobbertin gGmbH: „Der aktuelle Investitionsbetrag beläuft sich auf 13,59 Euro pro Tag. Dieser Betrag refinanziert Anschaffungs- und Herstellungsaufwendungen für die Einrichtung und technisches Gerät sowie deren Instandhaltung.“ Die Grundlage für die Berechnung des Betrages sei im Landespflegegesetz definiert. Letztmalig sei dieser Betrag 2008 mit dem damaligen Ministerium für Gesundheit und Soziales verhandelt worden.

Im Altenhilfezentrum Emmaus in Negast leben rund 80 Bewohner. Quelle: Ines Sommer

„In den vergangenen vier Jahren wurden in der Einrichtung in Negast Instandhaltungen in Höhe von 315 000 Euro umgesetzt, das entspricht in etwa den kalkulatorischen Grundlagen und der bestehenden Vereinbarung“, so der Prokurist. 330 000 Euro nimmt der Träger von Negaster Bewohnern pro Jahr ein. Das sind in vier Jahren 1,32 Millionen. Investiert wurden aber nur 315000 Euro. Was passierte mit dem Rest, wollten wir von Lutz-Christian Schröder wissen: „Die restlichen Mittel befinden sich in der Instandhaltungsrücklage und werden bei Bedarf dafür eingesetzt.“

Mit anderen Worten: Das Geld wird angespart. „Aber es kann doch nicht sein, dass wir die Investitionen ganz alleine tragen müssen“, versteht Ingeborg Schneider die Welt nicht mehr. „Nach einem Unfall kurz vor dem 90. Geburtstag habe ich mich dazu entschlossen, ins Heim zu gehen. Ich wollte mir einen schönen Lebensabend machen“, schüttelt sie verzweifelt mit dem Kopf.

Eigentlich wollte die Rentnerin in Grimmen bleiben

Eigentlich wollte sie in Grimmen bleiben, doch in keinem der Häuser war ein Einzelzimmer frei. So landete die Frau, die 1986 aus dem Berufsleben ausstieg, in Negast. Große Ansprüche habe sie nicht mehr, komme auch mit dem Taschengeld aus. „Obwohl ja schon viel Geld drauf geht, wenn man mit dem Taxi zu den Fachärzten nach Stralsund fahren muss. Man muss eben rechnen.“

Trotz aller Verzweiflung gehört Ingeborg Schneider zu den Bewohnern, die Probleme ansprechen. Da ging es schon um die bessere Versorgung mit frischen Obst und Gemüse oder mehr Abwechslung auf dem Speisenplan. Sie erzählt uns auch, dass die Schwestern im Heim ihr Bestes geben.

„Altern in Würde sieht anders aus“

„Ich bin erste Vorsitzende des Patientenbeirates. Und deshalb habe ich neulich beim Besuch der Sozialministerin in unserem Haus die Gelegenheit genutzt und auf die in meinen Augen ungerechte Investitionsabgabe aufmerksam gemacht. Man wollte sich darum kümmern...“

Aber die ehemalige Büro-Angestellte, die viele Jahre in Pforzheim lebte, hatte schon damit gerechnet, dass sie nichts mehr von „den da oben“ hört. „Im Namen vieler Heimbewohner möchte ich auf diesen unhaltbaren Zustand aufmerksam machen. Altern in Würde sieht anders aus“, sagt Ingeborg Schneider forsch, als wolle sie sich selbst Mut machen – zum Weiterkämpfen.

Mehr zum Thema:

Rostocker Rentnerpaar enttäuscht über Rentenerhöhung: „Wir leben bescheiden und sparsam!“

Von Rente bis Kindergeld – was sich zum 1. Juli alles ändert

Freude über Rentenplus nicht immer ungetrübt

Von Ines Sommer

Anzeige