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Stralsund Stralsund: 86-Jähriger überrollt 15-Jährige auf Fußgängerüberweg – Grünphase zu kurz?
Vorpommern Stralsund

Stralsund: 86-Jähriger überrollt 15-Jährige auf Fußgängerüberweg – Grünphase zu kurz?

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12:01 14.08.2021
Kreuzung Greifswalder Chaussee: Hier hat sich der Unfall ereignet.
Kreuzung Greifswalder Chaussee: Hier hat sich der Unfall ereignet. Quelle: Kai Lachmann
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Stralsund

Ein 86-Jähriger hat mit seinem Fahrzeug in Stralsund eine 15 Jahre alte Fußgängerin erfasst und anschließend überrollt. Dabei wurde sie schwer verletzt. Die Jugendliche kam ins Krankenhaus. Auch der Mann wurde vorsichtshalber eingeliefert, blieb aber ersten Erkenntnissen nach unverletzt. Schaden am Fahrzeug: 500 Euro.

Der Unfall ereignete sich am Donnerstag gegen 18 Uhr auf der Kreuzung Greifswalder Chaussee vor dem Wohnmobilstellplatz. Nach Angaben der Polizei wartete der Autofahrer mit seinem Nissan vor der Ampel im Boddenweg. Als er Grün bekam, bog er nach rechts ab. Die Fußgängerin nutzte zu diesem Zeitpunkt den Überweg aus Richtung Andershofer Dorfstraße. Der Autofahrer übersah das Mädchen. Die Jugendliche fiel demnach auf die Motorhaube und anschließend auf den Boden, wo sie der Wagen überfuhr.

Bei Grün schafft man es nicht auf die andere Seite

Anwohnern aus Andershof gilt die Kreuzung schon länger als Risiko. „Wenn ich die Greifswalder Chaussee bei Grün überqueren möchte, habe ich sofort wieder Rot“, sagt eine Frau, die schon mehrere Jahrzehnte in Andershof Dorf lebt. Es sei fast nicht möglich, als Fußgänger die andere Straßenseite während der Grünphase zu erreichen. Ein anderer Anwohner, der seit vielen Jahren aus dem Wohngebiet über die Kreuzung zu seinem Garten geht, bestätigt: „Da muss man sich schon sehr beeilen.“ Brenzlige Situationen habe er noch nicht erlebt.

Die OZ hat den Test gemacht: Wer bei der Fußgängerampel auf den Knopf drückt, muss bis zu einer Minute warten. Grün wird tatsächlich nur sieben Sekunden angezeigt. Die kürzeste Grünphase in Stralsund? Ein erwachsener Mann im normalen Schritttempo ist erst bei Rot drüben. Bis die Autos wieder fahren, dauert es weitere sieben Sekunden. Ist das nicht zu kurz?

Die Greifswalder Chaussee ist eine viel befahrene Einfallstraße. Fußgänger, die auf die andere Seite wollen, haben sieben Sekunden Grün. Quelle: Kai Lachmann

„Richtlinie für Lichtsignalanlagen“ wird eingehalten

Nein, heißt es seitens der Stadt. „Die Steuerung von Ampeln ist in der Richtlinie für Lichtsignalanlagen und dem Handbuch zur Bemessung von Verkehrsanlagen geregelt“, teilt Rathaussprecher Peter Koslik mit. „Es ist ein Trugschluss, dass immer so lange Grün sein muss, bis man drüben ist. Beim Fußgängerverkehr beträgt die Mindestgrünzeit fünf Sekunden. Das heißt, dass der Fußgänger in der Zeit mindestens die Hälfte der Fahrbahn überqueren können muss.“

Das ist bei der Greifswalder Chaussee der Fall – zumindest im normalen Tempo. Aber: „Hier wohnen viele alte Leute, die nicht mehr so schnell sind und Gehhilfen benötigen“, meint die Anwohnerin. Sie überlege nun, eine Unterschriftensammlung für mehr Verkehrssicherheit für Fußgänger zu starten. 

Sollten Senioren noch Auto fahren?

Auffällig ist zudem das hohe Alter des Autofahrers. Verkehrsunfälle, bei denen ein Fehlverhalten von Senioren die Ursache ist, sind keine Seltenheit. Zuletzt fuhr am Donnerstag eine 74-Jährige auf dem Heinrich-Heine-Ring in Stralsund auf einen Wagen auf, der dadurch gegen ein weiteres Fahrzeug geschoben wurde – zwei Verletzte. Im Mai stieß ein 84-Jähriger beim Einfahren auf die Bundesstraße 96 mit einem Wohnmobil zusammen. Der Mann befuhr die Straße entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung. Verletzt wurde niemand.

Beim Blick in die in den vergangenen Monaten veröffentlichten Berichte der Polizeiinspektion Stralsund lässt sich aber keine auffällige Häufung feststellen. Doch nach Unfällen, an denen Senioren oder gar Hochbetagte beteiligt sind, kommt die Diskussion schnell darauf, ob sie noch Auto fahren oder zumindest eine Art Tauglichkeitsprüfung ablegen sollten.

ADAC sagt Nein zur Testpflicht

Der ADAC lehnt verpflichtende Tests ab. „Altersbedingte Leistungseinbußen wie abnehmende Sehkraft oder das Nachlassen von Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit sind meist unaufhaltsam, können jedoch größtenteils durch eine geeignete Sehhilfe, lebenslange Erfahrung und Besonnenheit kompensiert werden. Ältere Verkehrsteilnehmer sind deutlich regelkonformer unterwegs, fallen nur selten durch Alkohol am Steuer oder unangepasste Geschwindigkeit auf“, heißt es in einem Positionspapier zu dem Thema. Der Automobilclub empfiehlt älteren Autofahrern aber, das Fahrverhalten durch Experten beobachten zu lassen, und hat in dem Bereich eigene Angebote.

In der Schweiz hingegen galt es ab 70, alle zwei Jahre die eigene Fahrtauglichkeit medizinisch prüfen zu lassen. Viele Senioren empfanden dies als Schikane oder gar Diskriminierung. Das Parlament hat daraufhin im vergangenen Jahr die Altersgrenze auf 75 angehoben.

Sperrungen

Die halbseitige Sperrung der Greifswalder Chaussee auf Höhe der Störtebeker Braumanufaktur wird ab dem 23. August aufgehoben. Danach wird die Straße im Bereich der Einmündung Bahnweg halbseitig gesperrt. Eine Baustellenampel regelt den Verkehr. Gleichzeitig ist der Bahnweg an dieser Stelle voll gesperrt, sodass hier keine Ein- und Ausfahrt möglich ist. Fußgänger können die Baustelle jederzeit passieren.

Grund: In der Greifswalder Chaussee wird eine Mittelinsel errichtet. Dazu kommt die Umgestaltung der Einmündung Bahnweg im Zusammenhang mit dem Ausbau der Radverkehrsverbindung zwischen Greifswalder Chaussee und Tribseer Damm als innerstädtische „Radroute“. Für diese laufen derzeit auch die Bauarbeiten im Bahnweg zwischen Bahnhofstraße und der Straße Am Paschenberg.

Von Kai Lachmann