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Stralsund Rettungsanker, wenn es zu Hause nur Stress gibt
Vorpommern Stralsund Rettungsanker, wenn es zu Hause nur Stress gibt
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12:36 30.06.2019
Die Erzieherinnen Monique Marona (l.) und Silke Ihlau (r.) mit Gina, Florian und Josy in der IB-Wohngruppe in Stralsund. Diese Betreuungseinrichtung gibt es seit April 1994. Quelle: Ines Sommer
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Stralsund

Teller klappern, Messer, Gabeln und Löffel werden aus dem Schubfach gerissen. Ja, Lukas ist fix, er hat heute Tischdienst und will den schnell hinter sich bringen, denn er freut sich schon aufs Essen. „Heute gibt es Bratwurst mit Kartoffeln und Mischgemüse“, hat er in der Küche längst ausgekundschaftet.

Lukas ist einer der elf, die zurzeit in der Kinder- und Jugendwohngruppe des IB in der Naumann-Straße leben. Die Jüngste ist sieben, die Ältesten sind 17 Jahre alt. „Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen hier. Da wurden die Probleme in der Pubertät so groß, dass die Eltern nicht mehr bis zu den Kindern vordrangen. Bei anderen sorgten die schulischen Probleme für Ärger, und manche gingen auch von selbst auf das Jugendamt zu und sagten, dass sie aus ihrer Familie rauswollen“, erklärt Silke Dürkop und ergänzt, dass die Jugendhilfe-Einrichtung 14 Plätze hat.

IB-Wohngruppe: Erzieherin Silke Dürkop (47). Quelle: Ines Sommer

Die Heilerzieherin, die einst im Tscherkassow-Heim an gleicher Stelle ihre Ausbildung zum Heilerzieher machte, war viele Jahre in Rheinland-Pfalz in der Jugendhilfe tätig, kehrte aber nach Stralsund zurück und arbeitet seit kurzem in der IB-Einrichtung. „Für die fünf Mädchen und sechs Jungen, die wir betreuen, geht es darum, ein Stück Normalität zu schaffen. Da ist ein vernünftiger Tagesablauf der erste Schritt.“ Und für alle bestehe Schulpflicht, „was nicht heißt, dass alle schulfreudig sind.“

Die sechs Erzieher, darunter ein Mann, legen sehr viel Wert auf Selbstständigkeit. Deshalb gibt es Küchen-, Dielen- und Baddienst, Wohnzimmerreinigung oder Einkaufsdienst. Es geht aber nicht nur um Aufgaben. So lernen die Siebenjährigen recht schnell, allein mit dem Bus bis zur Sarnow-Schule zu fahren. „Erst haben wir sie begleitet, alle Stationen erklärt, Schilder gezeigt. Und irgendwann wollten sie auch beweisen, dass sie es alleine können“, sagt Silke Ihlau und betont, dass die Kinder damit oft selbstständiger unterwegs sind als jene, die von Mutti mit dem Auto zur Schule kutschiert werden. Die 53-Jährige arbeitet seit 2015 in der Wohngruppe – und das mit viel Herz, wie man schnell merkt. „Das Tolle an diesem Beruf ist, dass jeder Tag anders ist, es wird nie langweilig.“

IB-Wohngruppe: Silke Ihlau macht der 11-jährigen Josy einen Zopf. Quelle: Ines Sommer

Und schon wird sie zu Josy gerufen. Die Elfjährige, die ein eigenes Zimmer hat, möchte gern einen Zopf geflochten haben. Und dabei muss sie der Betreuerin gleich mal über die aus ihrer Sicht ungerechte Arbeitsteilung beim anstehenden Küchendienst berichten. Gleich nebenan haben sich zwei Mädchen eingerichtet. Die achtjährige Gina zeigt uns den schicken Puppenwagen, will dann aber gleich wieder los. „Draußen warten die anderen, wir wollen noch ein bisschen spielen“, drängelt sie. Ja, die Hausaufgaben hat sie fertig, versichert sie.

In der Küche sitzt Florian: Er ist der Chefkoch des heutigen Gruppenkochens. „Mir macht das Kochen Spaß, ich bin zurzeit in der Produktionsschule im Gastro-Bereich tätig, wollte eigentlich auch Koch werden.“ Aber das hat noch nicht geklappt. Nun will der 16-Jährige an der Volkshochschule die 10. Klasse nachholen, die Berufsreife hat er in der Tasche. Und dann wird er ja vielleicht doch lieber Erzieher.

Monique Marona und ihre Kollegin Anne-Marie Richert kontrollieren derweil die Schulmappen, lassen sich Hausaufgaben zeigen, über mit den Lütten das Lesen und müssen das Duschen knallhart durchorganisieren. Denn von zwei Bädern ist wegen einer Havarie nur eins nutzbar. Die Wartezeit darf man sich gern auch im Wohnzimmer vertreiben.

IB-Wohngruppe: Gina (8) zeigt den schönen Puppenwagen. Quelle: Ines Sommer

Der Duft der frisch gebratenen Wurst verbreitet sich schnell, alle kriegen Hunger. Und so finden sie sich an der großen Tafel ein. „Das gemeinsame Abendbrot ist für alle Pflicht. Wir sitzen gemeinsam, reden über den Tag und sprechen kommende Dinge ab“, erklärt Silke Dürkop. Es gibt Gruppengespräche, aber auch „Solorunden“. „Wer Regeln nicht einhält, muss Konsequenzen spüren. Aber wir arbeiten hier nicht mit Punktesystem, sondern mit Verstärkerplänen. Das heißt, wir finden gemeinsam die Stärken jedes Bewohners heraus und wollen die fördern. Dabei arbeiten wir nicht nur mit dem Jugendamt, sondern auch mit den Eltern ganz eng zusammen“, erklärt Silke Dürkop einige pädagogische Grundpfeiler.

Die 17-jährige Tina ist im Moment die Älteste der Wohngruppe, sie bereitet sich schon auf den Umzug ins betreute Jugendwohnen vor. Die Stralsunderin will später Altenpflegerin werden.

Wer wie Deniz in der unteren Etage wohnt, hat es auch schon fast auf eigene Füße geschafft. „Das nennt sich hier Verselbstständigung. Daniel und ich wohnen hier alleine, haben eine eigene Küche, in der wir uns selbst verpflegen. Wir bekommen 42 Euro die Woche und müssen auch selbst einkaufen. Also, mir gefällt das“, sagt der 16-Jährige aus Köln, der zurzeit auf dem Vegan-Trip ist. Er würde gern Verkäufer werden und später mal seinen eigenen Laden aufmachen, unbedingt in einer Großstadt. „Aber ich könnte mir auch vorstellen, Erzieher zu werden.“

Dieser Wunsch verbindet ihn auch mit seinem Freund Daniel. Der 16-Jährige hat die Zusage für die Ausbildung in Greifswald in der Tasche. Auffallend, wie viele der jungen Leute hier Erzieher werden wollen. Eine größere Anerkennung kann es für das Team wohl nicht geben...

Hilfen zur Erziehung mit vielfältigen Angeboten

Seit 25 Jahren ist der Internationale Bund (IB) in Stralsund und Umgebung im Bereich Hilfen zur Erziehung (HZE) tätig, Startschuss fiel am 1. April 1994 mit der Kinder- und Jugendwohngruppe in der Naumann-Straße, dort, wo sich zuvor das Kinderheim befand. Heute zählt die Einrcihtung 14 Plätze für Kinder von 6 bis 18 Jahren. Sechs Mitarbeiter sorgen für eine 24-Stundenbetreuung.

Angefangen hatte 1994 alles mit mehreren Wohngruppen in der Gentzkowstraße und in der Alten Richtenberger. Der Kinder- und Jugendnotdienst kam 1996 dazu –mit drei Plätzen in der Kita Kinderland, die später abgerissen wurde. Mit einem Hof- und Sommerfest soll das Jubiläum im August mit Anwohnern und Partnern gefeiert werden.

Zum HZE-Angebot des Vereins gehört neben der Wohngruppe auch der 1996 gegründete Kinder- und Jugendnotdienst, der nun zu einem Jugendnotdienst formiert wird. Sechs Mitarbeiter stehen hier zur Verfügung. „Wir wollen auf acht Erzieher aufstocken“, sagt Ines Littmann-Hinze, die den gesamten HZE-Bereich seit 20 Jahren leistet. Doch auch hier sei der Fachkräftemangel akut spürbar.

Eine Mutter-Kind-Gruppe und das betreute Jugendwohnen (drei Mitarbeiter) finden sich ebenfalls im IB-Komplex in der Friedrich-Naumann-Straße.

Die ambulanten Hilfen runden das HZE-Angebot seit 19 Jahren ab. Drei Sozialpädagogen betreuen 25 Fälle mit unterschiedlicher Stundenzahl. „Wir helfen bei erzieherischen, organisatorischen und finanziellen Problemen. Das heißt, wir gehen in die Häuslichkeit, begleiten die Familien über einen langen Zeitraum. Der Bedarf wächst. In den Familien anzusetzen, ist der richtige Weg, damit später keine stationäre Betreuung draus wird“, findet Ines Littmann-Hinze.

23 Mitarbeiter – vom Sozialpädagogen über den Erzieher bis hin zum Hausmeister oder dem Verwaltungfachmann – zählt der HZE-Bereich beim Internationalen Bund. Der 25. Geburtstag soll übrigens im August mit einem Hof- und Sommerfest mit Anwohnern und Partnern groß gefeiert werden.

Der 16-jährige Florian ist heute Küchenchef: Es gibt Bratwurst mit Mischgemüse, und die Kartoffeln dazu schält er wie ein Profi. Quelle: Ines Sommer

Ines Sommer

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