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Stralsund Chefs der Stadtwerke-Energie: „Klimanotstand? Das passt in Stralsund nicht“
Vorpommern Stralsund Chefs der Stadtwerke-Energie: „Klimanotstand? Das passt in Stralsund nicht“
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10:13 06.11.2019
Geschäftsführer der Stadtwerke Stralsund Energie GmbH: Andreas Mayer (r.) und Ralf Bernhardt. Quelle: Kai Lachmann
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Stralsund

Andreas Mayer und Ralf Bernhardt leiten als Geschäftsführer die Energiesparte der Stralsunder Stadtwerke, die SWS Energie GmbH als Doppelspitze. Mayer (56) hat eine Lehre im Kernkraftwerk Lubmin gemacht, später studiert und ist seit 39 Jahren in der Energiebranche tätig. Nach der Wende hat er die Stadtwerke Stralsund mitaufgebaut und ist seit 2017 fürs Kaufmännische und den Vertrieb verantwortlich. Bernhardt (43), gebürtiger Stralsunder, ist seit Anfang des Jahres als technischer Leiter an Bord. Zuvor hat er bei einem Automobilzulieferer in Brandenburg an der Havel gearbeitet. Seine Bereiche sind der Netzservice sowie Strom- und Wärmeerzeugung.

In der Bürgerschaft wurde über das Ausrufen des Klimanotstandes debattiert. Beschlossen wurde das (noch) nicht. Was halten Sie davon?

Ralf Bernhardt: Das Thema passt hier oben nicht. Hier gibt es keine Großindustrie. Wir erzeugen 50 Prozent unserer Energie vorrangig in KWK-Anlagen (Kraft-Wärme-Kopplung – Anm. d. Red.) selbst. Ein Teil der Anlagen wird mit Biomethan betrieben, also CO2-neutral. Den Klimanotstand lokal in Stralsund auszurufen, das wäre an der Realität vorbei. Das Klima – und damit auch der Klimanotstand – ist eine internationale Sache. Die Umsetzung von Maßnahmen muss natürlich lokal erfolgen und daran beteiligen wir uns.

Andreas Mayer: In den Städten, die eine wirklich hohe Feinstaubbelastung haben, ist das sicherlich angebracht. Aber wir haben hier eines der saubersten Luftverhältnisse in Deutschland. Dass man aber an dem Thema arbeiten muss, ist keine Frage. Zum Beispiel muss das Stralsunder Klimaschutzkonzept weiterentwickelt werden. Daran werden auch wir uns beteiligen.

In Bezug auf den Klimanotstand würde den Stadtwerken laut Bürgerschaftsantrag eine wichtige Rolle zukommen. Gemeinsam mit dem Klimaschutzmanager solle ein Konzept vorgelegt werden, wie „ein schnellstmöglicher, vollumfänglicher Ausstieg der Stadtwerke aus Kohle und Kernenergie umgesetzt sowie eine Umstellung des gesamten Strom-Mixes auf erneuerbare Energien – auch ohne eine weitere Belastung der Verbraucher – vorgenommen werden kann“. Wie schätzen Sie das ein?

Bernhardt: Das klingt wie ein kopierter Textbaustein. Dieser ist auf uns nicht zutreffend, wir erzeugen Strom lokal weder aus Kernkraft noch aus Kohle. Letztendlich entscheidet der Verbraucher sich für einen Strommix.

Mayer: Wenn wir den Strom völlig erneuerbar erzeugen wollten – 50 Prozent erzeugen wir schon selbst durch KWK- und EEG-Anlagen (Erneuerbare Energien, Anm. d. Red.) – dann müssten wir weitere 50 Prozent Erzeugungskapazität aufbauen. Dies bedeutet Investitionen in Höhe von 20 bis 30 Millionen Euro. Dass das nicht ohne Folgen für den Verbraucher bliebe, kann man sich leicht vorstellen. Bei der Stromerzeugung entsteht Wärme, die verwertet werden muss, und dieser Bedarf an Wärme ist derzeit nicht vorhanden. Wenn wir also so viel investieren, würde sich das im Preis niederschlagen. Und wenn sich der Strompreis erhöht, ist es vorausschaubar, dass viele Kunden zu Anbietern wechseln, die zum Beispiel billigeren Atomstrom verkaufen. Das hätte zur Folge, dass hier die Ergebnisse zurückgehen und Aufwendungen nicht mehr gedeckt werden können. Das ist wie eine Abwärtsspirale. Damit ist niemandem gedient. Sicherlich muss es langfristig strategisches Ziel sein, dahin zu kommen, durch die Verkopplung der Energie- und Verkehrssektoren Synergien zu heben und die Energiewende zu gestalten. Aber das geht nur im Kontext mit der Politik.

Unternehmensgruppe

Die Stadtwerke Stralsundsind eine Unternehmensgruppe mit sechs Einzelgesellschaften und einer Muttergesellschaft. Neben der SWS Energie GmbH, für die Andreas Mayer und Ralf Bernhardt arbeiten, gibt es die Firmen SWS Seehafen, die Regionale Wasser- und Abwassergesellschaft (Rewa), die SWS Netze GmbH als Betreiberin der Strom- und Gasnetze in Stralsund und Barth, die SWS Telnetz GmbH mit eigener Glasfaserinfrastruktur sowie die SWS Natur GmbH. Sie kümmert sich um den Betrieb von Blockheizkraftwerken, einer Biogasanlage und ums Einspeisen von Biomethan ins Erdgasnetz.

Welchen Stellenwert hat das Thema Klimaschutz bei den Stadtwerken?

Bernhardt: Wir versuchen, dem Öko-Aspekt gerecht zu werden mit der eigenen Stromerzeugung – und das möglichst emissionsarm. Und wir versuchen, das Thema Fotovoltaik stärker in Stralsund auszubauen. Aber in einer Unesco-Welterbestadt ist das gar nicht so leicht.

Mayer: Wir arbeiten mit der Stadt auf Grundlage des Klimaschutzkonzepts zusammen und wir haben die Initiative mitergriffen, zusammen mit der Hochschule, der Stadt und dem Landkreis für die Wasserstoff-Modellregion, wo wir als eine von neun aus 138 Bewerbungen den Zuschlag bekommen haben. Bei diesem Thema wollen wir uns aktiv einbringen, weil wir auch sehen, dass die Wasserstoff-Brennstoffzellen-Technologie etwas ist, was dem Klima hilft und uns in Zukunft auch in der Energieversorgung voranbringen wird.

Wasserstoff als Antriebstechnik steht gerade nicht auf der Agenda der Autobauer. Die haben sich auf Elektroantriebe als Zukunftstechnik eingeschworen. Wie sieht es in diesem Bereich aus?

Bernhardt: Auch bei der Ladeinfrastruktur sind wir aktiv. Aktuell betreiben wir fünf Normalladesäulen mit zehn Ladepunkten und eine Schnellladesäule innerhalb der Stadt. Zudem werden wir bis zur nächsten Saison auf Rügen und in der Region Fischland/Darß/Zingst zwölf Normalladesäulen installieren.

Reichen sechs Ladesäulen in Stralsund?

Mayer: Die Zahlen der Ladevorgänge an unseren Säulen haben sich verdoppelt in den vergangenen Jahren. Sicherlich spielt sich das noch auf einem begrenzten Niveau ab, aber man sieht doch, dass ein Anstieg da ist. Ein Problem ist die zu geringe Förderung. Norwegen hat es vorgemacht. Dort wurden E-Autos am Anfang mit bis zu 50 Prozent gefördert.

Bernhardt: In Norwegen gibt es keinen Lobbyismus von Autoherstellern – weil sie keine haben. Man darf das Laden nicht mit dem heutigen Tanken vergleichen. Bei E-Autos erfolgen 75 Prozent aller Ladevorgänge zu Hause, was bei konventionellen Kraftstoffen ja nicht möglich ist. Außerdem gibt es bisher nur eine verschwindend geringe Anzahl von E-Autos in Stralsund.

Wie sieht es aus mit E-Bike-Ladestationen?

Mayer: Das sehen wir nicht als Geschäftsfeld. Wir haben schon mit der Stadt darüber gesprochen. Wer E-Bike fährt, lädt in der Regel zu Hause. Der Urlauber nimmt es mit ins Hotel oder auf den Campingplatz.

Bernhardt: Es gibt keine einheitliche Ladestruktur für E-Bikes. Jedes Fahrrad hat einen anderen Stecker, einen anderen Akku. Das ist anders als bei Autos, wo man sich zu einer leistungsabhängigen Vereinheitlichung durchgerungen hat.

Mayer: Die E-Bikestationen sind ja eigentlich Schließfächer mit einer Steckdose drin. Das schließe ich auf, lege den Akku rein mit dem Ladegerät, das ich ja auch dabeihaben muss, stecke das in die normale Steckdose, schließe ab und gehe los. Solche Stationen kosten bis zu 10 000 Euro. Das bekämen wir über den Stromverkauf nicht erlöst.

Wie sieht es aus mit Landstrom-Anschlüssen für Flusskreuzfahrtschiffe, die im Stralsunder Hafen liegen?

Bernhardt: Momentan ist der Strom an Bord billiger erzeugbar, als wir ihn an Land bereitstellen könnten. Durch Eigenerzeugung mittels Generatoren auf dem Schiff fallen keine Netzentgelte und Umlagen an. Landstrom ist aber mit Umlagen belegt, hinzu kommen Konzessionsabgabe, die Energie- und die Mehrwertsteuer. Deshalb geht es darum, eine gewisse Befreiung von Umlagen herzustellen, um den Strom wirtschaftlich sinnvoll für die Schiffe nutzbar zu machen, damit sie bereit sind, den Landstrom zu nehmen. Letztendlich müssen politische Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Mayer: Landstromanlagen sollen künftig mit 140 Millionen Euro gefördert werden. Vielleicht kommen in Stralsund über die Sanierung der Hafeninsel dafür auch noch Mittel rein. Wir hoffen, dass wir dann mit der Stadt die Infrastruktur aufbauen können und natürlich unseren Strom dort verkaufen.

Bernhardt: Wir können nicht ohne wirtschaftliche Prognose investieren.

Welche größeren Investitionen stehen denn schon fest?

Bernhardt: Die nächste Großinvestition ist die Erneuerung des Blockheizkraftwerkes in der Prohner Straße.

Mayer: Das wird sechs Millionen Euro kosten. Weitere fünf Millionen Euro wollen wir in verschiedenen Bereichen, wie Erneuerung der Fernwärmetrassen, Anschlüsse von Neuanlagen und die Erschließung der Schwedenschanze, investieren. Dazu kommen noch mal Investitionen unserer Tochter, der Gesellschaft für die Strom- und Gasnetze, mit 2,6 Millionen Euro.

Und wie harmonieren Sie als Doppelspitze?

Mayer: Wir teilen uns die Aufgaben auf und ergänzen uns gut. Und wir beide segeln gerne, bei der Mittwochsregatta, dort aber eher gegeneinander.

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Von Kai Lachmann

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