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Stralsund Stralsunder Denkmal Bellevue-Brauerei verrottet weiter
Vorpommern Stralsund Stralsunder Denkmal Bellevue-Brauerei verrottet weiter
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20:27 30.08.2019
Die alte Bellevue-Brauerei Stralsund: Ihr Zustand ist bedauernswert, ändern wird sich daran bis auf Weiteres nichts. Quelle: Christian Rödel
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Stralsund

Wo einst in der Prohner Straße Bier in rauen Mengen gebraut wurde, fallen heute die Ziegel vom Dach: Das zumindest haben Anwohner den Grünen berichtet. In der Stralsunder Bürgerschaft stellte die Partei deshalb am Donnerstagabend eine Anfrage zum Zustand der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude der früheren Bellevue-Brauerei und zum weiteren Vorgehen. Ergebnis: Die Verwaltung hat die Angelegenheit im Blick, passieren wird aber wohl erst mal nichts. Die alte Brauerei wird also vorerst weiter verrotten.

Jürgen Suhr, Fraktionsvorsitzender der Grünen, befürchtete deshalb, die private Eigentümerin könnte die Gebäude soweit verfallen lassen, bis der Denkmalstatus erlischt. Die Konsequenz daraus: Abriss, Neubau. Ein realistisches Szenario? Kirstin Gessert, Leiterin der Planung und Denkmalpflege im städtischen Bauamt: „Der Denkmalstatus kann nur aufgehoben werden, wenn die Eigentümerin ein Gutachten vorlegt, was nachweist, dass es ihr wirtschaftlich nicht zumutbar ist, das Denkmal zu erhalten und in eine angemessene Nutzung zu bringen.“ Aber soweit sei die Situation noch nicht. „Das Denkmal präsentiert sich nicht in einem einsturz- oder abrissgefährdeten Zustand, das nahelegt anzunehmen, der Status sei gefährdet.“

Friederike Fechner, Bürgerschaftsmitglied der Grünen, legte trotzdem nach: „Ich habe das Gebäude selbst in Augenschein genommen und war erschüttert über den Zustand.“ Gessert: „Er ist zwar beklagenswert, aber es lässt nach unserer Auffassung nicht erkennen, dass von diesem Gebäude eine Gefährdung ausgehen würde.“

Stadt setzt Deadline

Trotzdem wurde die Eigentümerin aufgefordert, endlich etwas zu unternehmen. Wie Gessert berichtete, gab es bereits 2016 einen Termin mit ihr, Planern und städtischen Behördenvertretern. Vereinbart wurde, „dass eine denkmalpflegerische Zielstellung zu erarbeiten sei, die Sicherungsmaßnahmen beinhalten müsse“. Passiert ist nichts. Zudem hat die Verwaltung seitdem mehrfach versucht, Kontakt zur Eigentümerin aufzunehmen – bislang ohne Erfolg.

Aus diesem Grund ist kürzlich ein Schreiben mit der Aufforderung an die Eigentümerin geschickt worden, endlich die versprochene denkmalpflegerische Zielstellung vorzulegen. Dafür wurde ihr eine Frist bis zum 13. September eingeräumt. Um Druck aufzubauen, hat die Stadt laut Gessert eine Ordnungsverfügung angedroht. Dadurch hat die Stadt mehr Möglichkeiten, Anordnungen umzusetzen und Kosten zu erheben.

1910 floss das Bier in Strömen

Vor etwas mehr als 100 Jahren brauten in Stralsund gleich drei Betriebe Bier. Neben dem auch heute noch sehr vitalen Unternehmen in der Greifswalder Chaussee produzierten die Union-Brauerei in der Rostocker Chaussee und eben auch die Bellevue-Brauerei in der Prohner Straße Gerstensaft. Laut einer Abhandlung des Stralsunder Stadtarchivars Andreas Neumerkel reichen ihre Anfänge zurück in die 1860er Jahre. Damals wurde ausschließlich bayrisches Bier gebraut und verkauft. Die Geschäfte liefen gut. 1875 errichteten die Betreiber, die Gebrüder Lorenz, ein Lager und einen Eiskeller, 1896 kam ein neues Kesselhaus dazu. Um 1900 wurde der fünfgeschossige Speicher errichtet. 1906 erfolgte die Bildung einer Aktiengesellschaft. Das Unternehmen hieß fortan Hansa-Brauerei AG“. 1914 stand die Änderung zur GmbH an. Der Name seitdem: „Bellevue-Brauerei zu Stralsund“. Aber, so schreibt Neumerkel, „leider überlebte die Brauerei die schwere Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg nicht“. In der Folge mieteten sich verschiedene Firmen in die Gebäude ein. Seit 1996 standen sie weitestgehend leer. Spätere Planungen, das Gelände komplett zu einem Wohnpark umzugestalten, wurden nicht umgesetzt. In einem Gebäude befindet sich heute eine altersgerechte Wohnanlage.

Fledermäuse im Keller

Die alten Brauereigebäude befinden sich nicht komplett in privater Hand. Ein Keller gehört der Stadt. Friederike Fechner, Bürgerschaftsmitglied der Grünen, berichtete, dass dieser angeblich voll Wasser stehen soll. Dies könne die Stadt zumindest nicht bestätigen. Eine letzte Inaugenscheinnahme erfolgte laut Gessert im April – von außen. „Wenn sich das bestätigen sollte, muss die Stadt als Eigentümer handeln“, sagte sie und berichtete davon, dass der Keller als Fledermausquartier genutzt wird. „Wir müssen außerdem zeitnah prüfen, ob der Bewuchs der Gewölbedecken deren Existenz bedroht und ob Reparaturmaßnahmen erforderlich sind.“

Klarheit schaffte Gessert in puncto Dachziegeln: „Verbliebene Dachbereiche des Denkmals sind mit Teerpappe eingedeckt. Da können keine Dachziegel herabfallen.“

„Denkmale so lange verfallen zu lassen, bis man sie mit Ausnahmegenehmigung abreißen darf, ist kein verantwortlicher Umgang mit diesem kulturellen Erbe“, sagt Jürgen Suhr von den Grünen. Die Stadtverwaltung hingegen betont, dass es im Fall der alten Brauerei soweit noch nicht sei.

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