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Stralsund Gastgewerbe: Wie Unternehmen in Stralsund ihre Beschäftigten halten
Vorpommern Stralsund

Stralsunder Hotelier: Wir setzen auf Festanstellung unserer Fachkräfte

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17:17 13.06.2021
„Ich habe hier schon einmal zur Probe für ein paar Wochen gearbeitet, bevor meine Entscheidung gefallen ist, in diesem netten Team meine dreijährige Ausbildung zur Restaurantfachfrau zu machen – bereut habe ich es nicht“, sagt Nadine Schuldt (21, Azubi in der Brasserie).
„Ich habe hier schon einmal zur Probe für ein paar Wochen gearbeitet, bevor meine Entscheidung gefallen ist, in diesem netten Team meine dreijährige Ausbildung zur Restaurantfachfrau zu machen – bereut habe ich es nicht“, sagt Nadine Schuldt (21, Azubi in der Brasserie). Quelle: Christian Rödel
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Stralsund

Für Thomas Münchow, Chef des Restaurants „Speicher 8“ am Stralsunder Hafen, verlief der Start in die Saison etwas verhalten. Für ihn hat das viel mit dem Hickhack des Öffnungsszenarios zu tun. „Zudem drückt die Testpflicht für den Besuch der Innenräume etwas auf die Spontanität potenzieller Gäste“, sagt er. Von seinem alten Team hat er bis auf zwei alle Mitarbeiter wieder an Bord. „Nur einer unsere Köche hat während des langen Lockdowns den Beruf gewechselt und arbeitet jetzt bei der Post“, sagt Münchow. Diese Personalie schmerzt den Restaurantinhaber besonders. „Köche sind auf dem Arbeitsmarkt derzeit einfach Mangelware“, sagt er.

Dehoga-Betriebe melden Personalmangel

Mit seinem Personalproblem steht Münchow offenbar nicht allein da. Nach einer aktuellen Branchenumfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, nennen in Mecklenburg-Vorpommern fast 35 Prozent der Betriebe, die derzeit noch nicht öffnen, als einen der Gründe dafür fehlende Mitarbeiter. Zudem beklagen 53 Prozent der Betriebe den coronabedingten und der monatelangen Perspektivlosigkeit geschuldeten Wechsel von Beschäftigten in andere Branchen.

Forderung nach langfristiger Perspektive

„Die meisten Betriebe, 83 Prozent, haben mit aller Kraft gekämpft, ihre Mitarbeiter zu halten“, heißt es da. Ein besonders wichtiges und wertvolles Instrument dafür war das Kurzarbeitergeld. Unternehmen wie Mitarbeiter brauchen nun eine langfristige Perspektive. Wer monatelang erklärt bekommt, nicht systemrelevant zu sein und damit nicht gebraucht zu werden, wandere logischerweise leichter in andere Branchen ab.

Arbeitsagentur: Beschäftigungslosigkeit in der Branche ist hoch

Jürgen Radloff, Chef der Arbeitsagentur Stralsund: Wer die besseren Arbeitsbedingungen bietet, der wird auch Fachkräfte finden. Quelle: privat

Bei der Agentur für Arbeit in Stralsund versucht Jürgen Radloff, Vorsitzender der Geschäftsführung, die Dehoga-Zahlen etwas differenziert nachzuvollziehen. „Die Corona-Einschränkungen verzögerten in erheblichem Maße den Saisonstart im Tourismus. Dementsprechend bewegt sich die Beschäftigungslosigkeit in der Branche derzeit auch auf einem höheren Niveau, als wir das normalerweise um diese Jahreszeit erwarten könnten“, sagt Radloff.

Auch wenn das Sommergeschäft des vergangenen Jahres für viele Unternehmen des Hotel- und Gaststättenbereich zufriedenstellend verlaufen war, zeigten sich dennoch Auswirkungen pandemiebedingter Einschränkungen. So registrierte die Beschäftigtenstatistik der Arbeitsagentur für die Saison 2020, dass in der Branche trotz des Touristenansturms weniger Personal beschäftigt wurde als im Jahr vor Corona.

Positive Signale aus der Arbeitsvermittlung

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Bereich sank um 600 Personen gegenüber dem Sommer 2019. Das ist ein Minus von über 6 Prozent. Ob das in diesem Jahr ebenfalls so sein wird, kann Radloff nicht sagen. „Ich erhalte zumindest von den Kolleginnen und Kollegen der Arbeitsvermittlung sehr positive Nachrichten.“

Es gibt also nicht nur eine steigende Nachfrage in der Tourismusbranche, sondern auch ein Potenzial an Beschäftigten, die wieder in ihren Beruf zurückkehren.

Personalengpässe schon seit Jahren

Allerdings gehört zu Radloffs Einschätzung des Tourismusarbeitsmarktes auch die Feststellung: „Die Hotel- und Gastronomiebranche vermeldete bereits in den Jahren vor der Pandemie deutliche Personalengpässe. Und daran wird sich voraussichtlich auch im Jahr 2021 nichts ändern. Wir werden wahrscheinlich – wie schon in den Jahren zuvor – einen zunehmenden Wettbewerb der Arbeitgeber untereinander beobachten können. Wer die besseren Arbeitsbedingungen bietet und als erster Personal aus der Corona-Pause zurückholt, der wird auch eher Fachkräfte finden.“

Strategie im Wettbewerb um die besten Fachkräfte

Der Stralsunder Hotelier Eike Sadewater: Von 50 Mitarbeitern, die in den Anfangsjahren mit uns gestartet sind, arbeiten immer noch 23 bei uns. Quelle: Stefan Sauer

Eine Strategie, die bei der Unternehmensgruppe Stralsund-Hotels bereits seit Jahren verfolgt wird. „Wir setzen seit zehn Jahren alles daran, unsere Mitarbeiter in den Mittelpunkt zu stellen“, sagt Eike Sadewater, Geschäftsführer der Gruppe. Das heißt, alle Beschäftigten sind fest angestellt.

Das Angebot reicht von Arbeitszeitregelungen, die auf familiäre Bedürfnisse Rücksicht nehmen, über die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes in Corona-Zeiten auf 90 Prozent, bis zur Wahlleistungsstation im Hanseklinikum für den Krankheitsfall. Damit wird die Fluktuation der Beschäftigten gering gehalten. „Von 50 Mitarbeitern, die in den Anfangsjahren mit uns gestartet sind, arbeiten immer noch 23 bei uns“, sagt Sadewater. Für Stralsund-Hotels ist Fachkräftemangel also kein Problem.

Funktionierendes Miteinander auch in anderen Lokalen

Wie eine OZ-Blitz-Umfrage zeigt, setzen auch andere Lokalitäten der Hansestadt auf ein funktionierendes Miteinander zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft. So ist im Restaurant „Fischermänns“ im Stadthafen die alte Mannschaft zum Start nach den Corona-Lockerungen wieder mit an Bord. Geschäftsführer Rick Mähl, selbst Restaurantfachmann, sagt: „Ich habe sogar zwei zusätzliche Mitarbeiter im Service eingestellt.“ Stoßzeiten werden durch Arbeitszeitkonten aufgefangen, die es möglich machen, flexibel zu sein und Überstunden abzubummeln.

Und auch Hanni Höpner, Chefin von Stralsunds ältester Hafenkneipe Zur Fähre, hat ihre Mannschaft vollzählig. „Aber ich bin da ja auch kein Maßstab“, spielt sie auf den hohen Bekanntheitsgrad ihres Lokals an.

Gewerkschaft NGG sieht Dehoga in der Pflicht

Darauf, dass dies alles jedoch nicht selbstverständlich ist, machte jetzt wiederholt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) aufmerksam. „Corona hat auch in der Arbeitswelt viele Missstände schonungslos offengelegt“, so der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband und viele Arbeitgeber hätten jahrzehntelang zu wenig dafür getan, neue Fachkräfte auszubilden und in der Branche zu halten. Zeitler: „Statt die Fachkräfte mit attraktiver Bezahlung zu binden, wurde auf Tarifflucht, Minijobs und prekäre Beschäftigung gesetzt. Die Hälfte der angehenden Köchinnen und Köche bricht ihre Ausbildung ab und sucht sich was anderes – das spricht Bände und muss sich ändern.“

Von Jörg Mattern

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