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Stralsund Polizeichef: Bürger sollten möglichst wenig Waffen besitzen
Vorpommern Stralsund Polizeichef: Bürger sollten möglichst wenig Waffen besitzen
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11:30 03.09.2019
Polizeidirektor Dr. Michael Peters leitet seit knapp drei Jahren die Stralsunder Polizeiinspektion und ist Chef von mehr als 500 Mitarbeitern. Quelle: Kai Lachmann
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Stralsund

Obwohl es in Deutschland immer weniger Straftaten gibt, wächst das Bedürfnis nach Sicherheit in der Bevölkerung an. Wie sieht es im Großraum Stralsund aus? Darüber und über weitere Themen sprach die OZ mit Michael Peters, dem Leiter der Stralsunder Polizeiinspektion.

Ist die Hansestadt ein gefährliches Pflaster?

Michael PetersNein. Wir unterscheiden zwischen der objektiven und der gefühlten Sicherheit. Die objektive Lage hat sich in den vergangenen fünf bis zehn Jahren deutlich verbessert. Schaut man sich zum Beispiel einzelne Kriminalitätsbereiche an, etwa den sensiblen Bereich der Straßenkriminalität oder Wohnungseinbrüche, stellt man fest, dass die Zahlen rückläufig sind. Die gefühlte Sicherheit wird stark von medialer Berichterstattung beeinflusst. Straftaten müssen gar nicht im unmittelbaren Umfeld passiert sein, es reicht, dass man mit einer Tat medial konfrontiert wird. Das hat dann auch größere Auswirkungen auf das Sicherheitsempfinden der Bürger.

Oft gibt es Schlagzeilen darüber, dass immer mehr Menschen – auch in Vorpommern-Rügen – einen Kleinen Waffenschein beantragen und nach Gewährung Schreckschuss- und Reizgaspistolen tragen dürfen. Bereitet Ihnen das Sorge? Oder würden Sie gar empfehlen, sich zu bewaffnen, um das Sicherheitsgefühl zu verbessern?

Ganz im Gegenteil. Waffen sind nie ein Problemlöser. Bei Waffen besteht immer die Gefahr, dass sie gegen einen selbst gerichtet werden. Waffen erhöhen das Potenzial gewalttätiger Auseinandersetzungen. Die Polizei trägt Waffen, weil sie das staatliche Gewaltmonopol hat. Wir setzen alles daran, dass wir das so nutzen, dass die Bürger hier sicher leben können. Grundsätzlich gilt, dass die Bevölkerung möglichst wenig Waffen verfügbar haben sollte.

Nehmen hier Probleme mit bewaffneten Menschen zu?

Wir nehmen insgesamt wahr, dass es mehr Gewalt gegen Polizisten gibt, bei denen auch häufiger Waffen und waffenähnliche Gegenstände zum Einsatz kommen. Das ist auch einer der Gründe, warum wir landesweit in Ausstattung investieren und spezielle Schutzwesten angeschafft werden, die jeder Mitarbeiter im Streifendienst trägt.

Dieses Waffenarsenal wurde im Januar 2019 bei einem Einsatz des Sondereinsatzkommandos (SEK) in Stralsund beschlagnahmt. Quelle: Polizei

„Die Bürger haben großes Vertrauen in uns“

Ist es ein Zeichen von Vertrauensverlust in die Polizei, wenn sich Leute mehr bewaffnen? Gibt es etwas, was Sie tun, um eventuell verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen?

Wir haben am Standort Stralsund eine Umfrage gemacht, auch zum Thema Vertrauen in einzelne Institutionen. Und die Polizei ist dabei gut weggekommen. Die Bürger haben großes Vertrauen in uns, sehen aber auch an der einen oder andere Stelle, dass wir schwierigere Rahmenbedingungen haben.

Was genau meinen Sie?

Es gibt personelle Engpässe an der einen oder anderen Stelle. Der Landkreis ist groß. Wir versuchen, immer zwei Streifenwagen in den einzelnen Revierbereichen verfügbar zu haben. Es kommt nicht selten vor, dass beide Einsatzfahrzeuge durch einen Verkehrsunfall gebunden sind. Wenn dann ein weiterer Einsatz gemeldet wird, kann es sein, dass es etwas länger dauert, bis wir als Polizei vor Ort sind.

Würden Sie sagen, dass die Polizei in der Fläche genug Präsenz zeigt?

Wir versuchen, mit dem uns zur Verfügung stehenden Personal ein Maximum an polizeilicher Präsenz zu gewährleisten. In den Sommermonaten werden wir verstärkt durch die Bereitschaftspolizei an den Bäderstandorten.

Bemühen Sie sich um mehr Stellen?

Wir haben landesweit seit 2015 einen Stellenaufwachs zu verzeichnen. Mit Stellen kann man aber nicht Präsenz zeigen, man braucht die Menschen dafür. Wir sind dabei, umfassend Nachwuchs zu gewinnen. Wir bekommen in diesem Jahr 37 neue junge Mitarbeiter, 27 Kollegen gehen in Pension. Das macht aktuell zehn zusätzliche Mitarbeiter.

„Der Polizeiberuf ist weiterhin attraktiv“

Wie läuft der Verjüngungsprozess insgesamt?

Zurzeit bekommen wir unsere Bedarfe eben gerade noch so gedeckt. Der Polizeiberuf ist weiterhin attraktiv, es ist für viele junge Menschen die Möglichkeit, im Land zu blieben. Die Arbeit bietet sehr viel Sicherheit und ein abwechslungsreiches Berufsleben mit verschiedensten Veränderungsmöglichkeiten während einer Polizeikarriere.

Warum sind Sie persönlich zur Polizei gegangen?

Bei mir war es das Interesse an einem abwechslungsreichen Beruf, mit dem ich sehr nahe bei den Bürgern sein kann. Auch die sportliche Komponente war für mich wichtig.

Machen Sie in diesem Jahr wieder beim Rügenbrückenlauf mit?

Leider nicht, ich bin etwas gehandicapt: Ich habe Rücken. Und mein Orthopäde sagt: Bitte nicht so viel laufen!

Sie waren unter anderem in Schleswig-Holstein, Rostock und Wismar tätig. Seit bald drei Jahren sind Sie in Stralsund. Wohin soll es noch gehen auf der Karriereleiter?

Ich fühle mich in Stralsund sehr wohl. Das Umfeld ist wirklich angenehm. Das Führungsteam um mich herum ist sehr kompetent.

Sie wohnen weiterhin in Rostock. Pendeln Sie jeden Tag über das A20-Loch oder nehmen Sie die Bundesstraße?

Ich nehme die Bundesstraße. Die Autobahn ist zwar etwas sicherer, aber es sind 30 Kilometer mehr, einfache Fahrt. Wenn man hier die 130 km/h einhält, dann hat man nicht mal eine Zeitersparnis.

„Auch wir haben hier mehr als genug Rechtsextreme

Als Sie aus dem Landkreis Nordwestmecklenburg nach Stralsund kamen, würdigte Innenminister Lorenz Caffier (CDU) ihre klare Kante gegen Rechts. Wie sieht es hier aus? Hat die Region ein Problem mit Extremismus von Rechts oder aus anderen Richtungen?

Das Thema Rechtsextremismus stellt sich in Nordwestmecklenburg anders da als in Vorpommern-Rügen, insbesondere weil es das Thinghaus in Grevesmühlen und die Ortschaft Jamel gibt. Beide Orte ziehen Rechtsextreme aus ganz Europa an. Solche Orte gibt es hier nicht. Auch wir haben hier mehr als genug Rechtsextreme im Landkreis. Die sind anders organisiert und treten anders auf. Und ja, das Thema Rechtsextremismus ist hier am Standort auch prioritär.

Was genau meinen Sie damit?

Dass ich mit besonderer Sensibilität an dem Thema dran bin, dass ich mir die Einsatzlagen, die in diesem Zusammenhang auflaufen, genau anschaue und regelmäßig die Einsatzführung selbst übernehme.

Wie kann man sich das vorstellen?

Die Einsätze werden zentral vom Frankendamm aus geführt. Wir haben hier oben einen Einsatzraum, wo der Stab sitzt und ich werden durch diesen Stab dann unterstützt. Ich selbst bin bei den Einsätzen regelmäßig draußen vor Ort, um mir ein Bild von der Lage zu machen und auch, um mit den Einsatzleitern vor Ort Gespräche direkt zu führen.

Wird es dann auch brenzlig für Sie?

Nein, ich habe keine Sorgen um meine eigene Person.

Demonstrationen von Rechtsextremen wie diese im Jahr 2014 hat Stralsund schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Dennoch bleibt das Thema oben auf der Prioritätenliste des Polizeichefs. Quelle: Norbert Fellechner

„Enkeltrick-Betrügereien sind sehr verachtenswürdig“

Ist Rechtsextremismus Ihr Spezialgebiet?

Das würde ich nicht sagen. Ich setze mich mit genauso großem Engagement ein, die Anzahl der Verkehrstoten und Schwerverletzten zu senken. Mir liegt es ebenso am Herzen, Enkeltrick-Betrügereien zu bekämpfen. An eine vermeintlich schwache Bevölkerungsgruppe heranzutreten, um deren Erspartes zu ergaunern, ist aus meiner Sicht sehr verachtenswürdig.

Ihnen unterstehen sechs Reviere, Autobahn- und Verkehrspolizeirevier und das Kriminalkommissariat – viel Verantwortung, viele Kollegen. Welchen Führungsstil legen Sie an den Tag?

Im Stab, also der Führungsgruppe, habe ich die jeweiligen Leiter, mit denen ich mich täglich berate, die ich einbeziehe in die Problemlösung. Mir ist es sehr wichtig, dass wir die Herausforderung, die wir im Landkreis haben, als Team angehen.

Gehen Sie auch noch selbst auf Verbrecherjagd?

Nein.

Was machen Sie, wenn Sie nicht mit Polizeiarbeit beschäftigt sind?

Dann gibt es den anderen Schwerpunkt in meinem Leben. Meine Familie – meine Frau und meine beiden Töchter. Sie sind 20 und 15 Jahre alt.

Gucken Sie gerne Krimis?

Bis vor einigen Jahren habe ich noch regelmäßig Krimis angeschaut. Mittlerweile interessiert mich das nicht mehr. Ich schaue aber ab und zu mal hin, wenn Krimis hier aus der Region kommen, um mir das Szenario anzuschauen. Kennt man die Tatorte, kennt man die Bereiche, die da gefilmt werden?

Werden Sie da von Filmteams zurate gezogen?

Es kommt schon mal vor, dass sich Filmproduktionen mit uns unterhalten wollen. Dann vermittle ich den geeigneten Mitarbeiter. Wir unterstützen auch mal Fernsehproduktionen. Es kann sein, dass sich Mitarbeiter, wenn sie nicht im Dienst sind, als Komparsen zur Verfügung stellen.

Haben Sie auch schon mal mitgemacht?

Nein.

Weniger Diebstähle, mehr Sexualstraftaten

15 409 Straftatensind 2018 im Bereich der Polizeiinspektion (PI) Stralsund gemeldet worden, rund 330 weniger als im Vorjahr. Vor allem im Bereich Diebstahl gab es einen Rückgang (480 Fälle weniger). Nennenswerte Anstiege gab es im Bereich von Vermögens- und Fälschungsdelikten und bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (von 157 auf 367). In diesem Bereich führt Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) die Steigerung auch auf die Änderungen des Strafrechts und auf das schnellere Anzeigeverhalten zurück. Zudem wurden 145 Wohnungseinbrüche registriert – der geringste Stand seit 2011.

Der Zuständigkeitsbereich der PIist deckungsgleich mit dem Gebiet des Landkreises Vorpommern-Rügen. Auf 3200 Quadratkilometern leben rund 225 000 Menschen. Für die PI arbeiten mehr als 500 Personen.

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Von Kai Lachmann

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