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Stralsund Jüdische Familiengeschichte gefaked: Stralsunder Stadtarchiv überführt Bloggerin
Vorpommern Stralsund Jüdische Familiengeschichte gefaked: Stralsunder Stadtarchiv überführt Bloggerin
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18:15 03.06.2019
„Dame aus Dublin“: Marie Sophie Hingst ist 2017 noch mit dem Goldenen Blogger als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet, aber nun der Hochstapelei überführt worden. Quelle: Hendrik Andree
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Stralsund

Das Stralsunder Stadtarchiv hatte entscheidenden Anteil daran, die in Irland lebende Bloggerin Marie Sophie Hingst als Hochstaplerin zu überführen. Sie hat – offenbar, um mehr Anerkennung im Ausland zu erlangen – eine erfundene jüdische Familiengeschichte verbreitet.

Recherchen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, die vom Stralsunder Stadtarchiv unterstützt worden sind, haben den Schwindel nun öffentlich auffliegen lassen. „Die Dame aus Dublin“, wie Hingst im Stadtarchiv genannt worden sei, hatte beispielsweise vorgegeben, dass ihr Großvater ein Auschwitz-Häftling gewesen ist, in Wahrheit arbeitete er als evangelischer Pfarrer. Richtig ist allein, dass ihre Urgroßeltern in Stralsund gelebt haben. Aber auch sie waren keine Juden. Für diesen Fake wurde ihr am Montag jetzt der Titel „Bloggerin des Jahres 2017“ wieder aberkannt.

Stralsunds OB informiert Auswärtiges Amt

Dem Bericht zufolge soll sie sowohl in ihrem Blog „Read on my dear, read on“ als auch gegenüber dem Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem falsche Angaben über ihre Abstammung gemacht haben. Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) hatte daraufhin das Auswärtige Amt auf 22 sogenannte Opferbögen mit falschen Darstellungen hingewiesen, die Hingst dorthin geschickt habe. Sie war bisher für weitere Anfragen nicht erreichbar. Ihr Blog ist im Internet nicht mehr aufzufinden.

Hingst war zur „Bloggerin des Jahres“ 2017 gekürt worden. Das Team hinter dem Preis „Goldene Blogger“ teilte auf Twitter mit, man habe die Preisträgerin um Stellungnahme gebeten und berate über eine Reaktion auf die Vorwürfe. Ein Sprecher von Yad Vashem sagte, von Hingst übergebene Gedenkbögen seien nun Experten zur weiteren Untersuchung übergeben worden.

Literatur anstelle von Journalismus oder Geschichtsschreibung

Über einen Anwalt ließ die 31 Jahre alte Bloggerin dem „Spiegel“ zufolge zu einem früheren Zeitpunkt noch mitteilen, dass die Texte ihres Blogs „ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch“ nähmen. Es handele sich um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung.

Wie Peter Koslik, der Sprecher der Stadtverwaltung Stralsund, auf Anfrage der OSTSEE-ZEITUNG sagte, habe es im November vergangenen Jahres einen Tipp von der Historikerin Gabriele Bergner gegeben. Sie ist auf internationale Personenrecherchen spezialisiert und habe dem Archiv eine Reihe von Ungereimtheiten in Zusammenhang mit der Stralsunder Familiengeschichte Hingst genannt. Koslik: „Nach dem Hinweis haben wir in unserem Stralsunder Stadtarchiv Recherchen unternommen. Mit dem Ergebnis, dass die Datensätze falsch waren.“

Großvater soll Pfarrer statt Häftling in Auschwitz gewesen sein

Demnach hatte Hingst in Wirklichkeit keine nähere jüdische Verwandtschaft – obwohl sie in ihrem Blog und auch in Vorträgen immer wieder davon berichtet hatte. Außerdem habe sie bei der Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Einreichen der Opferbögen zu 22 angeblichen Verwandten den Eindruck erweckt, große Teile ihrer Familie seien im Holocaust umgekommen.

Laut den Recherche-Ergebnissen in den Akten des Stralsunder Standesamtes, die im Stadtarchiv auch nach dem Schimmel-Skandal um eine jahrelange falsche Lagerung umfangreicher Bestände vollständig einsehbar sind, habe es keinerlei Hinweise auf sechs Brüder des Großvaters der Bloggerin gegeben. Die Männer hätten nie gelebt und können demzufolge auch nicht in Auschwitz umgekommen sein.

Lediglich die Urgroßeltern von Marie Sophie Hingst haben in Stralsund in der Großen Parower Straße gelebt – Hermann und Marie Hingst. Er war Lehrer. Für beide soll sie weitere jüdische Vorfahren erfunden haben.

Prozess mit Gedenkseiten ist nicht hundertprozentig sicher

Die Gedenkstätte Yad Vashem teilte mit, insgesamt seien in der Jerusalemer Einrichtung die Namen von 4,8 Millionen Holocaust-Opfern gesammelt worden. Oft seien die Gedenk- und Opferbögen der einzige Nachweis für die Existenz eines Holocaust-Opfers.

Die Unterlagen würden nach ihrer Übergabe kurz geprüft, um grundlegende Informationen zu verifizieren, wie etwa biografische und geografische Angaben. „Dieser Prozess ist nicht hundertprozentig sicher, und wir sind mitunter auf falsche Informationen in diesen Seiten hingewiesen worden“, hieß es weiter. In solchen Fällen korrigiere man das Archiv. Grundsätzlich gehe man davon aus, dass die Gedenkseiten in ehrlicher Absicht ausgefüllt werden, und letztlich sei die Person, die sie einreicht, verantwortlich für den Inhalt.

Benjamin Fischer, Florentine Dame und Sara Lemel

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