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Stralsund Stralsunder Start-up sagt Preise voraus
Vorpommern Stralsund Stralsunder Start-up sagt Preise voraus
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11:57 21.06.2019
Zwei von fünf, die für „pigright AI“ arbeiten: Finanzer Tobias Schönberg (l.) und Firmengründer John Flemming.
Zwei von fünf, die für „pigright AI“ arbeiten: Finanzer Tobias Schönberg (l.) und Firmengründer John Flemming. Quelle: Kai Lachmann
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Stralsund

In der Landwirtschaft gibt es einen großen Widerspruch. Der Einsatz von Saatgut wird präzise geplant, die Maschinen stecken voller Hightech und auch sonst wird nichts dem Zufall überlassen. Aber die Entscheidung, wann – oder genauer gesagt: zu welchem Preis – die Ernte verkauft wird, die fällt der Bauer in der Regel aus dem Bauch heraus. Dabei geht es gerade in dieser Frage maßgeblich um den finanziellen Ertrag. Auf den ersten Blick macht es kaum einen Unterschied, wenn beispielsweise für eine Tonne Mais 175 Euro oder 180 Euro gezahlt werden. Auf den zweiten Blick aber schon, bedenkt man, dass nicht eine Tonne, sondern (mehrere) Tausend verkauft werden.

Preisschwankungen dieser Art sind üblich, da landwirtschaftliche Waren an den Börsen der Welt gehandelt werden. An diesem Punkt setzt das Stralsunder Start-up „pigright AI“ an. Das fünfköpfige Team entwickelt ein intelligentes Computerprogramm, das darauf programmiert ist, den besten Zeitpunkt für den Verkauf zu bestimmen. „Ein Landwirt liegt mit seiner intuitiven Entscheidung in ungefähr 60 Prozent der Fälle richtig“, sagt Firmengründer John Flemming (26). „Mit unserem Programm ist eine Trefferquote von 75 Prozent und mehr möglich.“

Ein Landwirt schaut sich zehn Daten an, die Software mehrere Millionen

Wie kann das sein? „Ein Landwirt schaut sich in der Regel mehrere Größen an und entscheidet“, sagt Benjamin Barnick (24), der sich ums Marketing kümmert. „Unser Programm bezieht Millionen von Berichten und Statistiken und ihre Entwicklungen ein, um den besten Zeitpunkt vorher zu sagen.“ Die dafür benötigten Datensätze werden entweder von Datenbanken eingekauft oder sind frei zugänglich, beispielsweise Wirtschaftsstatistiken von der Europäischen Union oder Wetterdaten.

Sie sind verantwortlich dafür, dass der Preis schwankt, oder könnten es zumindest sein. Aufgabe des Programms ist es nun, Muster zu erkennen, in welchem Umfang diese Informationen Einfluss auf den Preis genommen haben. „Wie relevant eine Info ist, entscheidet das Programm. Da es sich um eine künstliche Intelligenz handelt, kann es selbstständig lernen“, erzählt Flemming. So würden beispielsweise Muster wieder verworfen und neue entwickelt. Ganz neu ist die Idee nicht. Sie ist angelehnt an sogenannte Trading Robots – Programme, die automatisiert Handel an den Börsen treiben und in Sekundenbruchteilen An- und Verkäufe tätigen.

Weizen, Mais, Soja und Raps

Wenn sich prognostizieren lässt, wann einem Landwirt der beste Preis – also der höchste – für seine Waren geboten wird, braucht es nicht allzu viel Fantasie, um darauf zu kommen, auch für den Ankäufer den besten Preis – also den niedrigsten – zu ermitteln. „Das wollen wir aber nicht. Wir wollen uns auf die Landwirte und die Produkte Weizen, Mais, Soja und Raps konzentrieren“, sagt Tobias Schönberg (26), der fürs Finanzielle verantwortlich ist.

299 Euro wird die Software im Monat kosten. Im Vergleich zu dem Gewinn, den ein Landwirt dadurch haben kann, ist das nicht viel Geld. Als Zielgruppe hat „pigright AI“ Betriebe ausgemacht, die 100 Hektar oder mehr bewirtschaften. In Mecklenburg-Vorpommern sind das Firmenangaben zufolge 2260, in ganz Deutschland rund 36 000.

2020 soll das Programm auf den Markt kommen

Man arbeite mit Bauernverbänden zusammen und hoffe auf Mundpropaganda, sagt Benjamin Barnick. Die magische Grenze für „pigright AI“ sind 105 Kunden, ab dem 106. macht die Firma Gewinn. Das sollte machbar sein, haben sich auch mehrere Geldgeber gedacht und in das Unternehmen investiert. „Wir sind durchfinanziert“, sagt Flemming und Schönberg fügt an, dass keine weiteren Geschäftsanteile verkauft werden sollen. Zur Firma gehören auch IT-Chef Daven Niemann (26) und Jana Saxer, die sich ums Rechtliche kümmert.

Fünf Landwirte testen die Software derzeit. Auf Grundlage ihrer Rückmeldungen planen die Stralsunder, das Programm so weiterzuentwickeln, dass es zum Beispiel als Anwendung auf dem Smartphone funktioniert. Die Veröffentlichung ist für Mai 2020 anvisiert.

Digitalisierung vor der Haustür

Die „Digitale Revolution vor der Haustür“ ist Thema einer Konferenz, die am Freitag ab 15 Uhr im Stralsunder Rathaus stattfindet. Christian Pegel, SPD-Minister für Digitalisierung, will mit Vertreter von Unternehmen, Kommunen, Verbänden, Kammern, Organisationen und Initiativen über Wünsche und Vorstellungen über das Thema sprechen. Wie schlägt sich die Digitalisierung in Städten und Gemeinden, in Unternehmen und im Alltag nieder? Angesprochen sind dabei vor allem Bereiche wie Wirtschaft und Mobilität, Wohnen und Tourismus. Auf dieser Konferenz wird sich auch die Firma „pigright“ mit einem Vortrag über Künstliche Intelligenz in der Landwirtschaft präsentieren.

Kai Lachmann

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