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Stralsund Vom Reporter zum Wächter: So läuft der Kostümverleih ab
Vorpommern Stralsund Vom Reporter zum Wächter: So läuft der Kostümverleih ab
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12:57 24.07.2019
Vom Reporter zum Wächter. Der Stralsunder OZ-Lokalchef vor und nach der Anprobe. Quelle: Kay Steinke/Sabine Tiede
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Stralsund

Dieses Jahr will ich selbst in die Epoche von Wallenstein eintauchen. Um ein schönes Kostüm für das größte historische Volksfest Vorpommerns zu ergatten, stehe ich an einem Sonnabend gegen 14 Uhr selbst vor dem Speicher am Katharinenberg – und bin umgeben von Frauen. Der Stralsunder Traditionsverein hat die Türen gerade geöffnet, die Wartenden stehen in Schlange bis in den Innenhof, das Foyer ist überfüllt. „Die schönsten Kostüme gehen am ersten Verleihtag über den Tisch“, sagt Andrea Herrmann vom Traditionsverein. „Einige warten seit 12 Uhr.“ Ich bin pünktlich – aber trotzdem spät. Bis zuletzt stecken die rund 40 ehrenamtlichen Mitglieder des 2016 gegründeten Vereins in den Vorbereitungen. Für sie ist es ein besonderer Tag. „Mit dem Verleih beginnen für uns die Wallensteintage“, sagt Herrmann.

Es kommen immer mehr Leute. Ich bin mitten drin. Vor mir stehen im historischen Ambiente etliche Tische. An allen werden Leihscheine ausgefüllt. Hinter mir finden sich Leon (10) und Ben (9) Felgenhauer aus Niepars ein. Die Brüder sind wie ich aufgeregt – und wollen die Alltagskleidung aus Jeans und T-Shirt gegen etwas aus der Vergangenheit tauschen.

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Neue Software erleichtert Verleih

Doreen Tonat und Sohn Nico leihen Kostüme bei Ralf Luczyk aus. Quelle: Kay Steinke

Empfangen werden die Gäste von Karina Luczyk. An der Schriftführerin und ihrem Mann Ralf Luczyk kommt keiner ohne Leihschein vorbei. Auch ich nicht. Ralf Luczyk ist der Profi bei der Kostümausgabe, er erklärt mir wie ich an ein Kostüme komme und auch die Leihsoftware. „Sie geht jetzt in den Echtzeit-Betrieb“, sagt er. Jedes Kostüm hat eine Nummer, im System gibt es weitere Informationen, nichts geht verloren. „Das ist eine enorme Erleichterung“, sagt Luczyk. Früher habe man im Hansa-Gymnasium einen Zettel ausgefüllt. An die Zeit kann sich Sabine Tiede, eine der drei Näherinnen im Verein, noch gut erinnern. „Hat man ins Kostüm gepasst, wurde es mitgenommen“, sagt sie. „Und nach dem Umzug gleich wieder abgegeben. Das war Chaos.“

„Früher waren die Männer pompöser angezogen.“

Ich habe meinen Schein ausgefüllt und werde abgeholt. Andrea Herrmann führt mich eine Etage höher. Hier sind Büros, Arbeitsplätze mit Nähmaschinen und die Umkleide der Männer. Andrang ist hier nicht. Ich werde von drei Damen betreut. Sabine Tiede checkt meine Größe. Dann bekomme ich ein Kostüm. Es ist gelb, edel – und zu eng in den Schultern. Zum Glück. Gelb steht mir nicht. „Wir haben 700 Kleidungsstücke“, erklärt Tiede. „Davon gehen bis zum Umzug 500 raus.“ Nur ein Drittel ist für Männer. Aber es machen auch viel mehr Frauen mit. „Das Verkleiden liegt den Männern nicht“, sagt Tiede. „Das ist schade. Früher waren die Männer pompöser angezogen.“

Hunderte Kostüme müssen repariert und gewaschen werden

Mein zweites Kostüm passt. Ein rotes Gewand, das edel aussieht – und mich ins Jahr 1628 eintauchen lässt. Andrea Kaiser setzt mir einen schwarzen Hut auf. „Der passt“, sagt die Schatzmeisterin, die fast täglich mit Tiede im Speicher arbeitet. „Auch wenn er in eine andere Epoche gehört“. Ich bekomme eine Art Lanze dazu und betrachte mich im Spiegel. So könnte ein Wächter ausgesehen haben. Ich frage nach, was ich beachten muss und Tiede erklärt: Ich solle mir schwarze Schuhe besorgen. Und: „An den Festtagen geht viel kaputt“, sagt Tiede. „Deshalb ist nach den Wallensteintagen für uns vor den Wallensteintagen.“ Hunderte Kostüme müssen repariert und gewaschen werden. „Wenn die Leute zu uns kommen, soll es angenehm duften.“

Hinter den Kulissen beim Stralsunder Traditionsverein

Im Speicher am Katharinenberg bewahrt der Stralsunder Traditionsverein rund 700 Kostüme auf. Vor den Wallensteintagen werden rund 500 in den Umlauf gebracht.

Mehr los ist in der Umkleide der Damen. Andrea Herrmann will mir das Herz des Hauses mit den Kleidern zeigen. Wir gehen einen Stock höher. „Achtung, Mann!“ ruft sie. Wir betreten den Damenbereich. Hier ist richtig Leben und Gewusel – bis ich im Raum stehe. In der letzte Reihe stellt Herrmann mir Laura Gehrke vor. Sie hat sich für ein rosafarbenes Barock-Kleid entschieden. „Letztes Jahr habe ich so viele tolle Kostüme gesehen. Da wollte ich mitmachen“, sagt sie. Auch die Politikstudentin ließ sich beraten. „Hier ist alles übersichtlich aufgehangen. Jeder kann nach Vorlieben, Farben und Schnitten gucken. Trotzdem ist die Beratung wichtig. Ich selbst hätte mich in der Größe verschätzt“, sagt Gehrke.

Kostüme sind nicht für den Sommer gemacht

Nach zwei Stunden stehe ich wieder bei Ralf Luczyk. Und reiche mein Kostüm wie bei einem Einkauf über die Theke. Alle Teile werden erfasst, er bucht sie aus. Das Kostüm passt in eine Tüte passt. Dennoch ist der Stoff sehr schwer. Zum Festumzug werde ich mich verkleiden. Aber für ein ganzes Wallenstein-Wochenende als Wächter, ist dieser Stoff im Sommer einfach zu warm.

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Mit den traditionellen Wallensteintagen feiert die Hansestadt Stralsund vom 25. bis zum 28. Juli den Sieg über General Wallenstein und dessen kaiserlichen Truppen anno 1628. Alljährlich entführt das Stadtfest mit historischem Markttreiben und Landsknechtlager in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Der Festumzug, der vom Stralsunder Traditionsverein organisiert wird, ist einer der Höhepunkte. Er findet am Freitag, dem 26. Juli, um 16 Uhr statt. Wer spontan im Kostüm mitlaufen möchte, kann ohne Anmeldung noch zwischen 10 und 13 Uhr am Freitag in den Speicher am Katharinenberg kommen. Dann findet der letzte Verleih statt.

Der schaurige Pestzug zieht am gleichen Tag gegen 22 Uhr durch die Hansestadt. Wenn dort mitmachen möchte, soll sich um 19.30 Uhr an der Taverne beim Rathaus einfinden.

Auf keinen Fall verpassen sollte man die Feuerwerke. Die Termine: Freitag um 23 Uhr im Stralsunder Hafen, sowie am Samstag um 23 Uhr auf dem Alten Markt. Mit einem Barockfeuerwerk soll die Fassade des Rathauses erstrahlt werden.

Kay Steinke

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