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Vorpommern Stralsund Politik mit Unterhaltungswert
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10:00 21.06.2019
Arne Lehmann (17) hat für eine Woche ein Praktikum im Bundestag absolviert.
Arne Lehmann (17) hat für eine Woche ein Praktikum im Bundestag absolviert. Quelle: Miriam Weber
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Stralsund

Pling! 126. Welche Nummer habe ich? 144. Hmm. Pling! 127. Moment, welche Nummer hatte ich nochmal? Ach ja, 144. Immer noch.

Die Ausweisstelle des Deutschen Bundestages kann im Punkt Spaßfaktor jeden Freizeitpark der Welt locker übertrumpfen. Allerdings ist das auch gar nicht deren Aufgabe. Aber was mache ich da überhaupt?

Weil nach Notenschluss in der Schule sowieso nichts mehr passiert, habe ich mich dazu entschieden, meine Zeit stattdessen sinnvoll einzusetzen und ein Praktikum im Bundestag, genauer im Büro der Abgeordneten Sonja Steffen, zu absolvieren.

Da haben wir natürlich die ganze Woche Solitär gespielt, weil Bundestagsabgeordnete ja für’s Nichtstun bezahlt werden und deren Mitarbeiter dementsprechend auch nicht wirklich arbeiten müssen.

Entschuldigung, wo geht es hier lang?

Okay, vielleicht stimmt das nicht zu einhundert Prozent. Tatsächlich ist ein völlig überfüllter Terminkalender für einen Abgeordneten keine Besonderheit. Nur ein relativ kleiner Teil der eigentlichen Arbeit findet im Plenarsaal statt. Dazu kommen Empfänge, Sitzungen von Arbeitsgruppen und Ausschüssen, die Vorbereitung und Recherche zu verschiedenen Themen, die Büroorganisation und so weiter – und ich mittendrin. Jedenfalls, nachdem ich meinen Hausausweis bekommen hatte.

Mit Entgegennahme dessen fühlt man sich aber nicht nur mindestens zehnmal wichtiger, sondern kann sich auch in den Gebäuden des Bundestages frei bewegen. Das wandelt sich dann aber in dem Moment zum Problem, wenn man nach zwei Tunneln und drei Fluren absolut die Orientierung verloren hat und dann verzweifelt nach anderen Mitarbeitern sucht, die einem den Weg aus dem Labyrinth beschreiben können. Also habe ich gehört, mir ist das natürlich nie passiert.

Arne Lehmann (17), Schüler des Schulzentrums am Sund, hat in der Bundeshauptstadt ein einwöchiges Praktikum im Bundestag absolviert.

Hauptsache Recherche

Allerdings konnte mich auch das nicht von meiner Arbeit abhalten. Die bestand aber, entgegen dem Praktikantenklischee, nicht im ständigen Kaffeekochen, unter anderem, weil außer mir kaum jemand im Büro Kaffee trinkt, sondern hauptsächlich im Recherchieren und Zusammenfassen. Also im Aufbereiten von Informationen für die Abgeordnete. Ich selbst bekam dann konkret Fragestellungen wie: Wo unterscheiden sich die aktuellen Gesetzesentwürfe zur Organspende? Oder: Was macht eigentlich das Paul-Ehrlich-Institut?

Solche Aufgaben kommen mir als Jugendredakteur natürlich entgegen, aber die Grundidee zum Praktikum bestand darin, die Arbeit vor allem des Parlaments aus erster Hand zu erleben. Genau das ließ sich dann über die Teilnahme an verschiedenen Sitzungen der Arbeitsgruppen, Ausschüsse oder dem Plenum realisieren, um den Gang der Gesetzgebung nachvollziehen zu können.

Politik mit Unterhaltungswert

Das Verfahren stellt man sich aber meistens sogar noch deutlich spannender vor, als es eigentlich ist. Nur die wenigsten Themen sind kontrovers genug, um eine angeregte Diskussion hervorzurufen. Zu meinem Glück ging es bei meiner Anwesenheit aber gerade um das neue „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“, was dann wesentlich mehr Potenzial zur offensiven Argumentation, oder besser: zum Zank, bereitstellte und den Unterhaltungswert deutlich steigerte.

Aber wie gesagt, hat ein Abgeordneter neben den einzelnen Sitzungen auch andere Termine. Dazu zählte bei Sonja Steffen in der Woche etwa ein „Parlamentarisches Frühstück“ mit dem Globalen Fond zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. Während da meiner Meinung nach nicht viel bei rum gekommen ist, beschrieben alle anderen das als sehr wichtiges Treffen zum Austausch. Allerdings war das Essen nicht schlecht.

Stipendiaten aus der ganzen Welt

Das Highlight der Woche war dann aber der Donnerstagabend: die Abschlussveranstaltung der Internationales Parlament-Stipendiaten (IPS), Teilnehmer eines Programms, das es jungen Menschen aus dem Ausland ermöglicht, einige Monate im Deutschen Bundestag arbeiten zu können. Vertreter aus circa 40 Nationen fuhren, nach einem kleinen Bühnenprogramm, ein breites Angebot an traditionellem Essen und Getränken aus ihren Heimatländern auf. „Der IPS-Empfang ist mit Abstand der Höhepunkt des ganzen Programms“, sagt Erdonit Retkoceri, Stipendiat aus dem Kosovo. Ich selbst habe mich überall mal durchprobiert, bis ich dann beim Kanadastand mit überzeugendem Ahornschnaps …äh -saft hängen geblieben bin.

Nicht nur deswegen, sondern auch aufgrund der umfassenden Einblicke kann ich ein solches Praktikum jedem Schüler empfehlen.

Arne Lehmann

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