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Stralsund Stralsunds vergessenes Wahrzeichen
Vorpommern Stralsund Stralsunds vergessenes Wahrzeichen
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21:00 24.08.2014
Kunst am Bau Hochhaus und Bürogebäude der ehemaligen Volkswerft Quelle: Stefan Sauer/dpa
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Stralsund

Der Heizkessel im Erdgeschoss gurgelt vor sich hin, als würde in den elf Etagen über ihm rege Betriebsamkeit herrschen – im Volkswerft-Hochhaus am Rügendamm. So wie Mitte der 70er Jahre, als der Bau mit seinem Stahlgerippe, das ihn trägt, noch etwas Besonderes war. Einen ähnlichen Großraumbüro-Komplex gab’s damals sonst nirgendwo in der DDR. Aber für eine Werft, die zu dieser Zeit 21 Prozent aller Fischtrawler weltweit produzierte, war kein Haus zu hoch. Der Platz wurde gebraucht.

Heute steht das Gebäude, das die Silhouette Stralsunds ebenso prägt wie die drei mächtigen Stadtkirchen, leer. Doch trotz seiner Größe bleibt es oft unbemerkt von den vielen tausend Touristen, die auf der Rügenbrücke täglich daran vorbeifahren. Lediglich das übergroße Firmenlogo von Detlef Hegemann, einem der früheren Werft-Eigentümer, gräbt sich manchem ein. Es thront auf dem Dach. Noch immer.

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Bei der Nordic Yards-Gruppe, die zwar im Juni die Volkswerft, jedoch nicht das vor sich hindämmernde Verwaltungsgebäude übernommen hat, trösten sie sich damit, dass das Hegemann-Logo, diese bauchigen, eng zusammengezogenen Buchstaben „d“ und „h“, wie ein Elefant aussehen würde. Solange niemand das Haus kauft und den Elefanten vom Dach holt, bleibt Hegemann mit seinen Initialen auf der Werft präsent.

Am 6. September soll das Bürogebäude, wie es im Katalog der Norddeutschen Grundstücksauktion nüchtern genannt wird, in Rostock versteigert werden. Mindestgebot: 19 000 Euro. Werft-Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann hofft, dass trotz des günstigen Preises ein seriöser Investor anbeißt. Die grundlegende Sanierung wird Millionen verschlingen.

Sechs Interessenten führt Heiko Jacobi von der Norddeutschen Grundstücksauktion an einem sonnigen Nachmittag von Etage zu Etage. Niemand spricht über seine Pläne, die er für die Immobilie hat. Ein Mann, Mitte 40,Typ selbstständiger Unternehmer, misst schon mal die Deckenhöhe aus. Im Innern dominiert die Vergangenheit. DDR-typische Plastikwasserhähne, ein stillgelegter Paternoster, Sprelacart-Wandverkleidungen.

Die Landespolizei hat das Haus zuletzt hin und wieder genutzt, um den Einsatz bei Geiselnahmen zu proben. Davon zeugen Aufbruchspuren an einer schweren Stahltür im Erdgeschoss. Ganz oben im elften Stock hatte Fernsehpolizistin Nina Petersen, gespielt von Katharina Wackernagel, für einen der fünf bislang gesendeten Stralsund-Krimis ihr Kommissariat bezogen. Es gibt kein anderes Büro in Stralsund, das eine bessere Aussicht bietet.



Benjamin Fischer