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Stralsund Tafel: Es geht auch ohne Aufnahme-Stopp für Ausländer
Vorpommern Stralsund Tafel: Es geht auch ohne Aufnahme-Stopp für Ausländer
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14:41 31.03.2018
Die Leiterin der Stralsunder Tafel, Kornelia Uschmann, stellt eine Kiste mit Gemüse in die Auslage.
Die Leiterin der Stralsunder Tafel, Kornelia Uschmann, stellt eine Kiste mit Gemüse in die Auslage. Quelle: Alexander Mueller
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Stralsund

Wer in der Stralsunder Tafel sein Essen abholen will, muss einmal im Kreis gehen. Erst zum Stand mit dem Gemüse, dann zum Obst, und schließlich zum Kühlschrank mit Wurst und Käse. Es ist Mittagszeit und die Ausgabe gerade in vollem Gange. In dem engen Raum schieben sich die bedürftigen Menschen von einem Tisch zum nächsten, während sich ihre Tüten Stück für Stück mit Lebensmitteln füllen. Am Kühlschrank mit der Wurst steht ein Asylbewerber und blickt unsicher auf das Angebot. Die Mitarbeiterin hinter der Theke fragt nur: „Kein Schwein?“. Der Mann nickt und die Frau greift zu einer Packung mit Hähnchenbrust. Die Mitarbeiterin hat die Scheiben extra für muslimische Flüchtlinge aufgehoben. „Für die anderen tut es mir Leid, die würden auch gern mal Huhn bekommen. Aber es geht nicht, wir haben nicht genug“, sagt sie.

Seit die Essener Tafel Ende Februar entschieden hat, vorerst keine Ausländer mehr als Neumitglieder aufzunehmen, diskutiert ganz Deutschland darüber. Alle fragen sich: Wie können Lebensmittel unter den Armen möglichst gerecht verteilt werden, ohne jemanden auszuschließen? In der Großstadt in Nordrhein-Westfalen war der Anteil nichtdeutscher Kunden nach Angaben der Betreiber auf 75 Prozent gestiegen. Der Umgangston sei deswegen aggressiver geworden. Die in der Debatte viel zitierte „deutsche Oma“ fühle sich dort nicht mehr sicher. Auch bei der Stralsunder Tafel ist der Ausländeranteil gestiegen. Mittlerweile kommt die Hälfte der 600 Kunden nicht aus Deutschland. Doch im Gegensatz zu Essen löst das hier bei niemandem Unruhe aus. Warum ist das so?

„Wir sind hier nicht bei Wünsch-dir-was“

Diese Frage stellt man am besten Kornelia Uschmann. Die Leiterin der Stralsunder Tafel ist eine hochgewachsene Frau mit wilden Locken. Während der Ausgabe hat sie das Treiben stets im Blick. Auch syrische Männer nennen die 56-Jährige ehrfürchtig „den Boss“, wie sie selber sagt. Kornelia Uschmanns Lieblingsspruch lautet „Wir nehmen jeden so, wie er kommt.“ Ob deutsch oder nicht, das ist ihr völlig egal, Hunger haben schließlich alle. Und wenn einer rummault, weil er nicht das erhält, was er will, dann wird er freundlich aber bestimmt zurechtgewiesen. „Wir sind hier nicht bei Wünsch-dir-was“ – das ist Kornelia Uschmanns zweiter Lieblingssatz.

Um eine möglichst faire Verteilung der Lebensmittel sicherzustellen, schwört die Chefin auf ein ausgeklügeltes System, das sich seit Jahren bewährt habe. Jeder Kunde, so heißen hier die Bedürftigen, bekommt einen Wochentag mit einer konkreten Ausgabezeit zugeteilt. So wird vermieden, dass sich lange Schlangen vor der Tür bilden und Unruhe entsteht. Weil das Warenangebot am Anfang naturgemäß besser ist, als am Ende der Ausgabe, werden die Plätze jede Woche durchgetauscht. Wer heute erst zum Schluss drankommt, darf sich beim nächsten Mal als Erster etwas aussuchen.

In der Tafel hängt jetzt ein Aushang auf Arabisch

Zur Wahrheit gehört aber auch: Durch die steigende Zahl von Flüchtlingen bei der Tafel sind die Lebensmittel knapper als früher. Davon zeugt auch die Warteliste, auf der 60 Namen stehen. Weil der Mangel auch für Unmut sorgt, hat Kornelia Uschmann einen Zettel am Eingang aufgehängt. Darauf steht auf Deutsch und Arabisch: „Die Tafel hat keinen Einfluss auf Menge und Warensortiment“ und „Die Lebensmittel sind als Überbrückung für einen Tag gedacht, nichts als Wochenversorgung“. Kornelia Uschmann sagt, sie habe manchmal den Eindruck, einige Leute wissen gar nicht, dass die Kollegen die Arbeit ehrenamtlich machen und die Lebensmittel alles Spenden sind. Einmal habe ein Mann sie gefragt, warum sie denn nicht mehr Waren bestellen würde. „Das war übrigens ein Deutscher.“

Schließlich kommt sie wirklich, die angeblich verdrängte „deutsche Oma“. In diesem Fall ist es eine ältere, sehr gepflegte Frau mit ihrer Enkelin an der Hand. „Ich bin immer gut behandelt worden. Wenn hier jemand rumschreit, schäme ich mich dafür“, sagt sie. Ärger mit Flüchtlingen – das habe sie hier noch nie erlebt.

Alexander Müller

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