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Stralsund Test zwischen Hobel, Nähmaschine und Babywindel
Vorpommern Stralsund Test zwischen Hobel, Nähmaschine und Babywindel
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04:57 24.07.2018
23 junge Leute testeten in Niepars verschiedene Berufe.
23 junge Leute testeten in Niepars verschiedene Berufe. Quelle: Ines Sommer
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Niepars

Eine Couchecke selbst bauen, ein Abendmenü zubereiten, nachts den Babysimulator wickeln oder ein Fotoshooting gestalten und ’nen Rucksack selbst nähen – all das konnten die Jugendlichen, die beim Storchennest-Verein in Niepars beim Projekt „Berufe aktiv erleben“ mitmachten. 23 Mädchen und Jungen im Alter von 12 bis 15 Jahren lernten so, wie eine Berufsfrühorientierung gut funktionieren kann.

In Niepars (Vorpommern-Rügen) erlebten 23 Teenies aus Nordvorpommern, wie Berufsfrühorientierung funktionieren kann. Sie testen sich in fünf Branchen.

Ausgedacht haben sich die Aktivitäten die Schulsozialarbeiter des Jugendhauses Storchennest. Annett Johanns aus Franzburg, Tordis Brandt aus Prohn, Rita Damm vom gymnasialen Schulzentrum in Barth, Lars Itzigehl aus Reinberg und Katrin Pohl von der Barther Förderschule haben nicht nur gut zusammengearbeitet, sie nutzten auch ihr jeweiliges Netzwerk, um daraus eine spannende und abwechslungsreiche Woche für jene Schüler anzubieten, die sich gern ausprobieren wollen, um zu testen, was ihnen liegt, und was nicht. „Um den Schülern wirklich einen guten Einblick in entsprechende Berufe geben zu können, brauchten wir viele Partner. Und die sollten nicht nur etwas erzählen, sondern es ging vor allem darum, selbst Hand an zu legen“, erklärt Tordis Brandt. Und Katrin Pohl ergänzt: „Die Kinder waren mit Eifer dabei, wir sind selbst überwältigt, mit welchen Engagement hier gearbeitet wurde. Und das in den Ferien jeden Tag von 9 bis etwa 16 Uhr, wo andere am Strand liegen.“

Hatten sich die Sozialarbeiter in den letzten Jahren noch einzelne Themen „vorgeknöpft“, 2017 zum Beispiel die Fotografie, standen in diesem Jahr gleich mehrere Branchen zur Auswahl: Handwerk, Gastronomie, Soziales, Medien und Beauty. Zwischen vier und sechs Mädchen und Jungen haben sich für das jeweilige Angebot entschieden. Das, was sie in einer Woche geistig oder mit den Händen erarbeitet haben, wurde zum Abschluss allen präsentiert. „Hut ab, was dabei rausgekommen ist. Wenn man diese Jugendliche hier erlebt hat, ist das ein Gegenbeispiel zu dem üblichen Bild der Null-Bock-Generation“, sagte Storchennest-Geschäftsführerin Anke Ehrecke bei der OZ-Stippvisite und betonte. „Es lohnt sich, mit diesen Jungen Leuten zu arbeiten.“

Bei den Handwerkern staubt’s beim Schleifen und Hobeln

„Wir haben gerade den Tisch flambiert“, sagt Jonas Lühr und grinst. Der 16-Jährige aus der Gemeinde Sundhagen zeigt den Brenner, mit dem das Werkstück bearbeitet wurde. Abflammen heißt das richtig, erklärt uns später Betreuer Lars Itzigehl. Lennart Meller aus Barth und Lukas Horn aus Spoldershagen, erklären, dass die Jungs aus Euro-Paletten eine Sitzgruppe mit Couch und Tisch kreiert haben. „Wir haben uns Anregungen aus Büchern geholt. Dann haben wir alles so zusammengestellt, wie es aussehen könnte“, so die 13-Jährigen. Als die End-Variante stand, haben die Jungs gehobelt und geschliffen, was die Maschinen hergaben. „Sie mussten aber auch Leisten einsetzen und mit dem Stechbeitel arbeiten. Die Arbeit war sehr vielseitig“, so Schulsozialarbeiter Lars Itzigehl. Mit der letzten Holzschutz-Schicht haben die jungen Handwerker fertig – übrigens gemacht aus 20 Euro-Paletten.

Baby wickeln, Erste Hilfe und Kondom-Führerschein

Eine bunte Hortaktion haben die Mitglieder der Sozial-Gang auf die Beine gestellt, mit Basteln, Eierlauf und Kinderschminken. Doch die drei Jungs und drei Mädels dieser Gruppe testeten nicht nur die Arbeit eines Erziehers. Sie informierten sich auch über soziale Berufe. „Die Kinder waren total begeistert, weil sie nicht nur den Kreißsaal im Stralsunder Hanseklinikum besuchen konnten, sondern auch bei der U2-Untersuchung eines Neugeborenen dabei sein durften. „Die Oberärztin Knobel zeigte auch, wie der Alltag auf der Kinderstation aussieht“, berichtet Schulsozialarbeiterin Katrin Pohl und schiebt hinterher: „Die Gruppe hat wirklich viele Fragen gestellt, war neugierig und interessiert.“Übrigens gehörten auch ein toller Erste-Hilfe-Kurs sowie Aufklärung und Verhütung zum Programm. „Alle Teilnehmer haben auch den Kondom-Führerschein gemacht“, erzählt Tordis Brandt und betont, dass die jungen Leute gut Bescheid wussten und überhaupt nicht albern an das Thema rangegangen sind. Verantwortung gezeigt haben die jungen Leute, als sie für eine Nacht Mutter oder Vater waren – nämlich mit dem Babysimulator.

Tortenspaß, Knigge-Kurs und Besuch der Klippengriller

Ja, auch die Gastro-Gang hatte alle Hände voll zu tun. Denn schließlich muss ja einer auch für die Verpflegung und damit für die gute Laune im Camp sorgen. Und damit das alles gut gelingt, gab es auch hier verschiedene Angebote: Ernährungsberatung, Knigge-Kurs und Serviettenfalten gehörten ebenso dazu das Selbermachen von Tischgestecken oder der Besuch bei der Konditorin in Niepars, wo man selbst Torten zauberte. Pfannkuchen mit Eis, Erdbeer- oder Minzbowle, Burger Salate und schließlich ein Büfett, das mit den Klippengrillern zusammen hergerichtet wurde, all das präsentierten Meike und Solvig Nagel-Heyer aus Prohn, Mia Antonia Freudenberg aus Groß Mohrdorf (ihre Mutti war übrigens die helfende Floristin) und Michael Linow aus Altenpleen. Die Vier – im Alter zwischen 12 und 14 – verbindet eine Leidenschaft: Sie kochen und backen gern. Für Solvig steht fest, sie möchte Konditorin werden. Michael könnte sich vorstellen, als Koch zu arbeiten.

Junge Leute vor und hinter der Kamera

Wie wähle ich meine Motive aus? Wie spreche ich Leute an, wenn ich sie fotografieren möchte? Was muss ich beim texten beachten? Diese und viele andere Fragen hatte die Mediengruppe vor sich. Sogar ein richtiges Fotoshooting stand auf dem Plan. „Am meisten hat mir das Fotografieren Spaß gemacht“, sagt Jeanette Esche (14) aus Zipke. Svenja Böttcher, Emma Beerbaum und Lea Wichmann aus Barth sind sich einig, dass auch sie am meisten von der Fotoschule profitierten. Ruhig auch mal vor der Kamera, aber in einem sind sich alle vier Mädels sofort einig: Nichts mit Texten. Also kein Journalismus, eher schon Werbung und Marketing...

Wer schön sein will: Die Tricks der Beauty-Truppe

Bei Schönheit denkt jeder gleich an Kosmetik und Schminke, dass aber viel mehr dazu gehört, erfuhren die fünf Mädels der Beauty-Gruppe. Sie schauten in der Physiotherapie in Velgast vorbei, lernten sich zu entspannen, wissen aber nun auch, was die menschliche Stimme alles zu leisten hat. „Natürlich gehörte auch die Nagelpflege zum Angebot oder eine Kosmetik-Einheit, bei die Mädels sich selbst mit Masken erfrischten“, sagt Tordis Brandt. Super aufgenommen wurde von den jungen Leuten der kurze Nähkurs. „Sie haben sich selbst Taschen oder Rucksäcke genäht“, berichtet Katrin Pohl und weiß nach der Auswertung nun, dass man dafür sogar noch etwas mehr Zeit einplanen könnte. „Die Mädchen waren begeistert, und das konnten wir zum Abschluss auch auf dem Laufsteg sehen, auf dem sie von der Frisur übers Make up bis hin zu selbst gemachten Utensilien alles zeigten.“

Sommer Ines