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Stralsund Tragischer Unfall im Sportunterricht: Kind auf Hiddensee kämpft um Augenlicht
Vorpommern Stralsund Tragischer Unfall im Sportunterricht: Kind auf Hiddensee kämpft um Augenlicht
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10:57 20.09.2019
Auf dem Sportplatz der Schule Hiddensee passierte Anfang September der schlimme Unfall. Quelle: Mathias Otto
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Vitte

Dramatische Szenen haben sich Anfang September auf dem Schulsportplatz auf der Insel Hiddensee abgespielt. Bei einer Rangelei während des Sportunterrichts wird ein Elfjähriger von einer Stange getroffen – und bleibt verletzt liegen. Wie schwer die Verletzungen sind, wird erst klar, als die Rettungskräfte in dem kleinen Ort Vitte eintreffen.

Die Ärzte befürchten, dass der Junge auf einem Auge blind wird. Er wird per Rettungshubschrauber in die Greifswalder Uni-Klinik geflogen. Das Kind wurde inzwischen von Spezialisten operiert, hat sich von dem Unfall auch ganz gut erholt. Doch noch immer ist unklar, ob er auf dem Auge je wieder sehen kann. Jetzt erhebt die Mutter schwere Vorwürfe gegen die Schule.

„Wenn ich meinen Sohn sehe, muss ich weinen“

„Immer, wenn ich meinen Sohn ansehe, muss ich weinen“, sagt die 33-Jährige. Die Alleinerziehende fühlt sich mit der Situation überfordert – und von der Schule im Stich gelassen. „Sie spielen den Fall runter. Ich möchte aber nicht, dass einem anderen Kind oder einer anderen Mutter so etwas widerfährt“, sagt sie und gibt sich selbst die Schuld an dem Unfall. Denn sie hatte ihr Kind den Lehrern der Regionalen Schule mit Grundschule Hiddensee anvertraut.

Sie ist sich sicher: Der Unfall hätte verhindert werden können. „Der Lehrer hätte nur die Anweisung geben müssen, die Stangen wegzuräumen“, schildert die 33-Jährige die Situation. „Die Schüler hatten Weitsprung geübt. Auf Anweisung des Lehrers sollten die Schüler Gegenstände aus dem Schulschuppen holen und damit den Start markieren. Dafür wurden die Stangen genutzt.“ Eine war defekt, der Griff fehlte.

Kaputte Stange wird zum Geschoss

„Nach den Sprungübungen lagen die Gegenstände und die kaputte Stange weiter auf dem Platz“, sagt die Mutter. „Mein Sohn saß nach seiner Übung auf der Wiese, um sich auszuruhen. Einige der Schüler fingen an sich zu rangeln. Einer schupste den anderen, dann trat einer auf die kaputte Stange. Das Ding flog hoch – direkt ins Auge meines Sohnes.“ Dadurch wurde das Auge so massiv beschädigt, dass es von Spezialisten in Greifswald operiert werden musste.

Die Mutter kritisiert, dass sie nicht von der Schulleitung über den Unfall informiert wurde. „Ich habe gearbeitet. Eine Kollegin kam und sprach von einem wichtigen Telefonat. Jemand von den Johannitern war dran“, sagt die Frau, die als Verkäuferin arbeitet. Sie eilte zum Sportplatz – und fand dort ihren Sohn liegend, blutend, schwer verletzt. „Ich hätte noch ein fröhliches Kind, wenn die kaputten Gegenstände im Schuppen geblieben wären“, sagt sie.

Diagnose in der Klinik: Netzhautriss

Am 5. September war der Rettungseinsatz. Diagnose: Netzhautriss. Das Auge besserte sich nicht, am 9. September wurde operiert. Seit wenigen Tagen ist der Fünftklässler wieder bei seiner Familie – und seit Mittwoch geht er auch wieder zu Schule. „Er hat das alles relativ gut weggesteckt. Doch was mit dem Auge wird, können die Ärzte erst in ein paar Monaten sagen.“ Die 33-Jährige hat ihrem Sohn jetzt eine Arbeitsschutzbrille besorgt, damit das Auge geschützt wird.

Nach dem Sportunfall hinterfragt die junge Mutter jetzt das Konzept der kleinsten Schule in MV. Derzeit unterrichten die sieben Lehrer nach eigenen Angaben 69 Schüler – und dies jahrgangsübergreifend, weil die Klassen sonst zu klein wären. Neben Fächern, für die die Pädagogen im Studium ausgebildet wurden, müssen sie auch Unterricht zu Wissensgebieten geben, in die sie sich erst einarbeiten müssen.

„Es geht um die Sicherheit unserer Kinder“

„Vielleicht wären ausgebildete Spezialisten besser“, sagt die junge Mutter, die jetzt eine Anzeige wegen Körperverletzung und Verletzung der Aufsichtspflicht gestellt hat. „Immerhin geht es um die Sicherheit unserer Kinder.“

Das zuständige Schulamt in Greifswald wollte sich nicht zu dem Fall äußern und verwies an das Bildungsministerium in Schwerin. Dort hieß es auf die Anfrage der OZ: „Der Schüler wurde unmittelbar vom Lehrer erstversorgt. Die Mutter des Kindes wurde unterrichtet, und es wurde per Rettungshubschrauber zur medizinische Behandlung in die Universitätsklinik Greifswald gebracht. Am selben Tag schickte die Schule die Unfallmeldung an die zuständige Unfallversicherung.“ Eine Darstellung, die in einigen Punkten den Schilderungen der Mutter widerspricht.

Das Kollegium der Schule sei sehr betroffen von dem tragischen Unfall, erklärte Pressesprecherin Michaela May und ergänzte: „Die Schulleitung und der Schulrat stehen im Gespräch mit der Erziehungsberechtigten. Die Schadensabwicklung erfolgt in der Zuständigkeit der Unfallversicherung. In Zusammenarbeit mit dem Schulträger berät der Schulrat die Schule im Hinblick auf die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen.“

Mitschüler zeigen viel Mitgefühl

Im Sportunterricht ereignen sich die meisten Unfälle beim Fußballspielen. Quelle: dpa

Die Schüler haben sich sehr um ihren verletzten Mitschüler bemüht und ihre Anteilnahme ausgedrückt, auch jetzt, als der Elfjährige wieder zur Schule zurückkam. „Das hat uns sehr bewegt“, sagt sie weiter. „Von Teilen der Lehrerschaft bin ich aber enttäuscht.“ So hätte sich der Sportlehrer erst nach einer Woche nach dem Befinden des Kindes bei ihr erkundigt – viel zu spät aus ihrer Sicht. Dies widerspreche dem eigentlichen Leitbild der Schule.

Auf der Internetseite steht dazu: „Alle Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, sich zu gesunden, leistungsbereiten Persönlichkeiten zu entwickeln, deren Handeln durch gesellschaftliche Werte wie Toleranz, Weltoffenheit und Verantwortung geprägt ist.“ Für die junge Mutter derzeit eine Farce. Sie hätte bereits über einen Schulwechsel nachgedacht – doch auf Hiddensee gibt es keine Alternative. Der Junge müsste dann entweder auf Rügen zur Schule gehen – oder auf dem Festland in Stralsund.

Polizei ermittelt

Inzwischen ermittelt auch das Kriminalkommissariat Bergen in dem Fall. „Uns wurde der Sachverhalt am 11. September über die Internetwache gemeldet. Nach einer ersten Bewertung haben wir ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung eingeleitet, und zwar gegen Unbekannt“, sagt Polizeisprecherin Stefanie Peter. Zu Ergebnissen könne man noch nichts sagen, weil die Vernehmungen laufen. Auch mit dem Jungen will die Kripo noch sprechen.

Tausende Unfälle in den Schulen von MV

In MV gab in der ersten Jahreshälfte 2018 rund 8800 Unfälle in Schulen oder auf dem Schulweg, bei denen Kinder verletzt wurden. Während des Aufenthalts in der Schule sind Schüler laut Schweriner Bildungsministerium über die Gemeindeunfallversicherung versichert. Diese übernimmt bei Unfällen die Haftung, es sei denn, ein Lehrer handelt grob fahrlässig oder vorsätzlich. „Die Schule informiert umgehend die Erziehungsberechtigten. Im akuten Notfall kann es geboten sein, vorrangig die medizinische Versorgung einzuleiten“, so eine Sprecherin.

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