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Stralsund Vater setzt Tochter (9) aus: „Das ist Kindeswohlgefährdung“
Vorpommern Stralsund Vater setzt Tochter (9) aus: „Das ist Kindeswohlgefährdung“
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19:31 07.01.2019
Das ausgesetzte Kind sorgte für einen Polizeieinsatz auf Rügen. Quelle: CARSTEN REHDER/dpa
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Stralsund/Altefähr

Der Fall eines Stralsunder Vaters, der seine neunjährige Tochter nachts auf Rügen ausgesetzt hatte, sorgt für Empörung. Der Vorsitzende des Kinderschutzbundes MV, Carsten Spies, zeigt sich entsetzt: „Das geht natürlich überhaupt nicht, das ist ganz offensichtlich Kindeswohlgefährdung. Da gibt es gar nichts zu entschuldigen.“ Zum Glück habe das Kind Hilfe gesucht und gefunden. „Das hätte auch anders ausgehen können“, glaubt Spies. Das Mädchen soll sich nach Angaben der Eltern am Sonntagabend hartnäckig geweigert haben, einzuschlafen. Der 33-jährige Vater war daraufhin mit seiner Tochter mit dem Auto Richtung Altefähr gefahren und hatte sie außerhalb des Ortes zurückgelassen. Das Kind konnte selbstständig bei Anwohnern Hilfe holen und wurde anschließend wohlbehalten von der Polizei an die Mutter übergeben.

Vater wollte seiner Tochter einen Schreck einjagen

Laut Polizei hatte der Mann angegeben, dass er seiner Tochter mit der zweifelhaften Aktion zeigen wollte, wie gut sie es doch zu Hause habe. Nachdem er sie ausgesetzt habe, sei er mit dem Auto nur so weit weggefahren, dass sie ihn nicht mehr sehen konnte. Demnach wollte er der Kleinen wohl nur einen Schreck einjagen. Doch das ging nach hinten los: Als der 33-Jährige zu der Stelle zurückkehrte, war das Kind nicht mehr da. Es war nach Altefähr gelaufen und hatte dort an einer Haustür geklingelt. Die Bewohner riefen dann die Polizei.

Die ermittelt nun gegen den Vater wegen des Verdachts der Aussetzung. In schweren Fällen drohen hier laut Gesetz bis zu fünf Jahre Gefängnis. Für den Vater spricht allerdings laut Polizei, dass das Kind warm angezogen gewesen sei und er sich nicht weit entfernt habe. Er habe beteuert, wie sehr er sein Verhalten bereue, sagte eine Sprecherin. Zudem sei die Familie bisher polizeilich nicht in Erscheinung getreten. Auch beim Jugendamt des Kreises Vorpommern-Rügen ist die Familie noch nicht aufgefallen, sagte Kreissprecher Olfa Manzke. Die Eltern hätten sich kooperativ gezeigt. „Wir gehen nicht davon aus, dass das Kind zu Hause gefährdet ist“, so Manzke.

Hilfe für Minderjährige

61 400 malsind Behörden 2017 deutschlandweit eingeschritten und haben Minderjährige ins Heim oder in eine Pflegefamilie gebracht. Ein Drittel der Betroffenen war bei den sogenannten Inobhutnahmen jünger als 14 Jahre, in jedem zweiten dieser Fälle war Überforderung der Eltern der Grund. Bei den Jugendlichen handelte es sich zu 51 Prozent um unbegleitete Flüchtlinge. Rund jedes zehnte Kind und knapp jeder dritte Jugendliche war zuvor von zu Hause ausgerissen. Die deutschen Jugendämter sind verpflichtet, Minderjährige bei drohenden Gefahren, Gewalt oder Vernachlässigung aus ihren Familien zu nehmen. 43 Prozent der Kinder kehrten später zu ­Eltern oder Sorgeberechtigten zurück, 32 Prozent kamen ins Heim oder zu einer Pflegefamilie.

Kinderschutzbund: Gestresste Eltern sollen sich Hilfe suchen

Der Fall sei außergewöhnlich, psychische Gewalt gegen Kinder komme jedoch häufiger vor, erklärt Spies. „Kinder fordern Eltern manchmal ganz schön heraus. Häufig sind diese dann überfordert und können in Stresssituationen überreagieren.“ Solche Methoden seien aber in der Erziehung nicht zulässig. Unter psychische Gewalt fallen laut Spies auch Liebesentzug und das Ignorieren von Kindern oder auch das Bloßstellen und Entwürdigen, etwa durch das Setzen auf die „stille Treppe“. er empfiehlt, auch zu hinterfragen, warum ein Kind so reagiert: „Vielleicht hat es ja seinen Grund, warum es nicht ins Bett gehen will. Es zum schlafen zu zwingen, wird jedenfalls nicht funktionieren.“

Stattdessen sollten sich Eltern Hilfe suchen, rät Spies. Der Kinderschutzbund biete etwa Elternkurse unter dem Motto „Starke Eltern, starke Kinder“ an. Der Rostocker Sozial- und Jugendsenator Steffen Bockhahn (Linke) meint: „Eltern können sich an Elternberatungsstellen, Schulsozialarbeiter oder ans Jugendamt wenden und um sozialpädagogische Hilfe bitten.“ Der erste und oft schwere Schritt sei jedoch, sich die eigene Überforderung überhaupt einzugestehen. Auch in Stralsund gibt es laut Kreissprecher Manzke zahlreiche Hilfsangebote für Eltern, die nicht mehr weiter wissen.

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Axel Büssem