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Stralsund Video: Bagger reißen Stralsunder Traditionslokal „Stadtkoppel“ ab
Vorpommern Stralsund Video: Bagger reißen Stralsunder Traditionslokal „Stadtkoppel“ ab
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05:55 22.01.2019
Gaststätte Barther Straße Nr. 58 auf der so genannten Stadtkoppel Quelle: Stefan Sauer
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Stralsund

Verriegelte Türen, mit Holz verbarrikadierte Fenster, ein Schornstein, der nicht mehr raucht – seit über 20 Jahren macht die GaststätteStadtkoppel“ gegenüber dem Stralsunder Stadtwald einen verlassenen Eindruck. Doch der Dornröschenschlaf ist nun beendet. Die Preetzer Multibau GmbH will hier 4,8 Millionen Euro in das Projekt „Pflege und Wohnen an der Stadtkoppel investieren.

Viele Jahre dümpelte das Gelände so vor sich hin. Dabei hatte sich der letzte Eigentümer, Steinmetz Stephan Lada, seit 2005 gemüht, die Ruine wiederzubeleben, entkernte, erneuerte das Dach. Ein Künstlerhof sollte aus dem ehemaligen Gaststättenkomplex werden. Doch Villa, Saal, Küche und Heizhaus komplett zu sanieren, erwies sich als zu große Aufgabe. Enttäuscht gab er auf und verkaufte 2017 an die Preetzer Firma, die seitdem an einem Projekt für das 8000 Quadratmeter große Gelände knobelte.

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„Wir wollten etwas für Senioren entwickeln. Nachdem wir unsere ersten Ideen überarbeitet haben, wissen wir nun, wie sich unsere Wünsche mit der Realität vereinbaren lassen“, sagt Mathias Gabel. Wie der Chef der Multibau GmbH berichtet, werden im Haupthaus, der eigentlichen Stadtkoppel, Pflegedienst und Physiotherapie ein Domizil finden. Da könnte vielleicht schon 2019 Einzug gefeiert werden. Dahinter sind altersgerechte Seniorenwohnungen mit Balkon und Betreutes Wohnen geplant. Nebenan entsteht eine Tagespflege-Einrichtung. Diese Neubauten sollen 2020 fertig sein. „Wir bauen eben kein Pflegeheim, sondern wollen zeigen, dass es auch anders geht“, so Mathias Gabel, gelernter Maurer, seit sechs Jahren Geschäftsführer von Multibau und damit Chef von 34 Mitarbeitern.

Inzwischen wühlen sich bereits die Bagger durch das Gelände in der Barther Straße und künden so vom Baustart. Wer beim Vorbeifahren ein bisschen genauer hinsieht, hat sicher schon bemerkt: Der Saal ist weg, die Abrissbirne hat ganze Arbeit geleistet. „Ich kann mich auch noch gut an die ,Stadtkoppel’ erinnern. Der Saal war ja legendär, da gab es Abschlusspartys, Tanz, und Fasching“, sagt der 43-jährige Gabel bei einem Rundgang über die Baustelle.

Sicher haben auch viele noch die Musiker-Werkstatt vor Augen, bei denen Stralsunder Bands vor ihren Kollegen spielten. Unvergessen auch die Partys des benachbarten Speedway-Clubs MC Nordstern. „Wir haben da unsere Siege gefeiert“, erinnert sich Torsten Berger zum Beispiel an eine Fete 1988, als er nach dem Gewinn der OB-Pokals die Fahrerkollegen zu einem feuchtfröhlichen Treffen eingeladen hatte.

Auch das Heizhaus ist Geschichte. Nur die Villa, die von der Straße aus wie ein Märchenschloss anmutet, bleibt erhalten. „Das Haus soll so wieder aussehen, wie es einmal war. Das ist mir wichtig“, sagt Mathias Gabel und führt uns durch die alten Gemäuer. Ob Dachgeschoss, einst Wohnungen für die Kellner der Konsumgaststätte „Stadtkoppel“, Küche mit Abwäsche und Vorratskammern, Tresenraum oder Kühlzelle im Keller – die Substanz ist gut. „Das ist meinem Vorgänger zu verdanken, der das Dach saniert hat.“ In der Küche hängen noch die Fliesen aus DDR-Zeiten – damals war gerade Hellblau angesagt.

Auch Fenster-Spezialist Dirk Krüger wetzt durchs Haus und misst alle Fenster und Luken aus, die neu gemacht werden sollen. Bewaffnet mit einer Stirnlampe, arbeitet er sich durch alle Etagen. Ganz nebenbei hat er einen kleinen Schatz entdeckt: ein Körbchen mit grünen Glasmurmeln, die nun für die Enkelin reserviert sind. Später entdecken wir noch einen großen Vorrat dieser kleinen Kugeln, deren Bedeutung für das Haus leider im Dunkeln bleibt.

Wohngemeinschaft für Senioren

Die ehemalige Tanzgaststätte Stadtkoppel“ wird mit ambulantem Pflegedienst und Physiotherapie wieder belebt. Dazu wird das bestehende Haus von Dach bis Keller saniert.

Außerdem entstehen dort, wo Saal und Heizhaus bereits abgerissen wurden, zwei Neubauten, in denen sich das findet: Das Betreute Wohnen hat 16 Wohneinheiten. Außerdem soll es zwei Senioren-Wohngemeinschaften mit insgesamt 24 Plätzen geben. Geplant ist zudem eine Tagespflege mit 25 Plätzen.

An der „Stadtkoppel“ tut sich etwas. Multibau Preetz investiert 4,5 Millionen in den ehemaligen Gaststättenkomplex, um hier ein Senioren-Domizil zu schaffen.

Blick in die Historie: Hier wurde schon immer gern gefeiert

Die Geschichte der „Ausflugsgaststätte mit Gartenbetrieb“ hängt eng mit der des gleichnamigen Gutes zusammen. Im Jahre 1888 übernahm die Stadt Stralsund das einstige Domänengut. Das Gutshaus wurde gleichzeitig als Gaststätte genutzt, und der jeweilige Pächter führte auch die Schankwirtschaft. Mit Anlegen des Stadtwaldes auf der so genannten Herrenwiese zu Beginn des vorigen Jahrhunderts beschloss der Rat der Stadt, die Gaststätte als „Erholungsort für die Stadtbevölkerung“ auszubauen. Am 17. Mai 1904 zerstörte ein Blitzeinschlag die Scheune auf dem Gehöft. Der Neubau der Scheune wurde aufgegeben. Dagegen wollte man nun das Wohnhaus „zu einem großen Gasthaus mit Saal“ ausbauen. In einem Schreiben der Kämmerei-Inspektion vom 30. August 1904 hieß es: „Seit der Aufforstung der Herrenwiesen, der Anlage des Promenadenweges auf dem Mühlengrabendeiche und des kleinen Wasserfalls bildet die Stadtkoppel für Spaziergänger ein beliebtes Ziel.

Die Kämmerei-Inspektion schlug vor, ein neues Wohn- und Gasthaus mit einem Saalanbau zu errichten. Die neue „Stadtkoppel“ wurde auf derselben Stelle gebaut, auf der das alte Gebäude stand. Sie bestand aus drei Teilen. Zunächst aus einem zweigeschossigen Hauptbau, dann aus einem eingeschossigen Bau der Gaststuben sowie einem „terrassenförmig abgedeckten Saalbau“. Die Außenwände waren mit gelber Farbe gestrichen. Die beiden Gaststuben besaßen, und das wurde immer wieder betont, einen Fußboden „aus bestem Kiefernholz“. Bis 1970 unterlag dieses Ensemble keiner baulichen Veränderung.

In den 30er-Jahren wurde die Gutswirtschaft aufgelöst, um auf der Feldmark eine Sportanlage zu bauen und Kleingärten anzulegen. 1969 baute der damalige VEB Stadtbauhof einen neuen Saal für die GaststätteStadtkoppel“. Das neue Restaurant, das nunmehr 162 Besuchern Platz bot, wurde am 12. Mai 1970 feierlich übergeben. Bis zur Wende betrieb die Konsumgenossenschaft die „Stadtkoppel“, danach zogen Diskothek und Pizzeria dort ein, aber seit vielen Jahren steht das Haus leer.

Ines Sommer

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