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Stralsund Therapie mit Pferden: Reiterhof in Vorpommern bringt gestresste Manager wieder ins Gleichgewicht
Vorpommern Stralsund

Vorpommern: Reiterhof bringt gestresste Manager wieder ins Gleichgewicht

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15:00 23.08.2021
Silke Ritthaler und ihre 15-jährige Lilly, ein Mini-Shetlandpony
Silke Ritthaler und ihre 15-jährige Lilly, ein Mini-Shetlandpony Quelle: Annie Klähn
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Groß Kordshagen

Das Pony Tamara wälzt sich vergnügt auf der Koppel hin und her. „Sie möchte, dass du lockerer wirst“, sagt Silke Ritthaler. Kurz darauf beschnuppert ein anderes Pony, nämlich Timmy, die Füße des Besuchers. „Damit zeigt dir Timmy an, dass du gerade zu verkopft bist“, übersetzt die 45-Jährige aus Groß Kordshagen bei Stralsund die Körpersprache der Tiere.

Silke Ritthaler ist, kurz gesagt, jemand, der Sprache von Pferden sehr gut versteht. Präzise ausgedrückt, ist sie seit zehn Jahren Coach für pferdegestützte Führungskräftetrainings und Persönlichkeitsentwicklung sowie Therapeutin für tiergestützte Therapie. Klingt für den Handgebrauch jedoch oft zu umständlich, aber als Pferdeflüsterin würde sich die Therapeutin auch nicht bezeichnen. „Sondern als Mensch, der es schafft, die Sprache der Tiere zu verstehen“, sagt sie. Durch gute Beobachtungsgabe und ein Gefühl für die Persönlichkeit der Wesen.

„Lass uns mal zu den Großen gehen“, sagt Silke Ritthaler zu ihrem Gast und lacht. „Dafür, dass du Schiss hast, hältst du dich gut“, sagt die Pferde-Spezialistin nebenbei. Ihre großen Tiere kommen auf der Koppel hinter dem Wohnhaus des Ehepaares Ritthaler schnell heran, jedes etwa 500 bis 700 Kilogramm schwer. Beeindruckende Köpfe mit alles beobachtenden braunen Augen kommen so nah, dass es nicht näher geht. Besucher werden beschnuppert und angeschaut – ohne kritische Distanz. Als ob sie in die Seele leuchten.

Silke Ritthaler in inniger Zwiesprache mit einem ihrer Pferde Quelle: Christian Rödel

Konfrontation mit sich selbst

„Die nehmen dich so, wie du bist, egal wer du bist.“ Die Schriftstellerin Juli Zeh drückt es in ihrem Buch „Gebrauchsanweisung für Pferde“ ähnlich aus: „Wenn sie uns anschauen, sehen sie uns so, wie wir sind. Nicht wie wir waren, wie wir sein werden oder wollen oder würden, wenn wir nur könnten.“ Und das qualifiziert die Ponys und ihre größeren Geschwister für die spezielle Arbeit von Silke Ritthaler: der Konfrontation mit sich selbst. Das erfordere auch Mut, meint die Therapeutin, denn die Erkenntnisse sind für die Betroffenen nicht immer nur angenehm.

„Bei verschiedenen Störungsbildern, wie beispielsweise Depression, Burn-out, Erschöpfungssyndrom, Sozialphobie oder Traumatisierungen, kann ich mit Unterstützung der Pferde meine Gäste therapeutisch als Psychotherapie begleitende Maßnahme begleiten“, erläutert sie. Oder die Pferde spiegeln die Qualitäten (oder Entwicklungspotenziale) von Führungskräften oder von Leuten, die qua Amt denken, sie seien Führungskräfte. „Oft stehen Funktionsstrukturen konträr zum Charakter der Leute“, sagt Silke Ritthaler. Das könne krank machen.

Pferde spüren sofort, was los ist

Jemand, der glaubt, alles im Griff zu haben, kann dann überrascht sein, wie Pferde auf ihn reagieren. „Ein Pferd fühlt sich in seiner Herde nur sicher, wenn das Leitpferd komplett bei sich selbst ist.“ Zeigt ein Mensch ein aufgesetztes oder unsicheres Verhalten oder etwa eine Störung, spürt das Pferd, dass etwas nicht stimmt. „Ich erkenne solche Disbalancen durch die Körpersprache meiner Gäste und der Pferde – wie bei dir eben bei den Ponys“, erläutert Silke Ritthaler ihrem Besucher. Es gehe ihr nicht darum, herauszufinden, was nicht geht, sondern sie will auf die vorhandenen positiven Ressourcen aufbauen, die im jeweiligen Gast schlummern.

Zufriedene Ponys, fröhliche Therapeutin. Silke Ritthaler auf der Koppel ihres Teams Quelle: Christian Rödel

Doch es gibt Grenzen der Therapie. „Ich diagnostiziere zum Beispiel nicht – das darf ich auch gar nicht. Auch eine Traumaverarbeitung kann ich nicht mit dem Pferd machen – aber ich kann zum Beispiel die Ursachen von Depressionen oder Phobien filtern. Ab einem bestimmten Punkt muss die Schulmedizin weitermachen“, erklärt die studierte Biologie-Philosophie-Lehrerin, die nach dem Studium als Managerin den Stress und den Druck in Führungsetagen kennengelernt hat. „Mich hat aber die Erfahrung in der Wirtschaft fit für meine Selbstständigkeit gemacht.“

Tipps für gestresste Führungskräfte

Und sie kann sich in die Führungskräfte gut hineinversetzen, die bei ihr Hilfe suchen. „Führungskräfte gehen ständig über ihre Grenzen, werden verheizt und ausgequetscht“, weiß sie. Das Immer-höher-immer-schneller und der wilde Aktionismus in vielen Unternehmen zehre die Leute aus. Schriftstellerin Juli Zeh konstatiert in ihrem Buch, dass dieser Wahn seit Jahrzehnten die Gesellschaft prägt und Stress, Unglück und Depression hervorbringt. „Hier kann ich die Leute zwar nicht heilen, aber ich gebe ihnen die Werkzeuge mit auf den Weg, wie es gelingen kann“, sagt die Therapeutin. Pferde würden uns erinnern, wer wir wirklich sind.

Hier gibt’s Hilfe mit Pferden in MV

Diese Adressen in MV bieten Therapien mit Pferden an:

Soulbalance in Groß Kordshagen bei Stralsund

www.menschdurchpferd.de

Therapiehof Vielank, westlich von Ludwigslust

www.claudia-swierczek.de

Außerdem gibt es mehrere Höfe, die therapeutisches Reiten, etwa für Menschen mit Beeinträchtigungen, anbieten. Eine Übersicht gibt es hier:

www.auf-nach-mv.de/therapeutisches-reiten

Silke Ritthaler betreut Frauen und Männer aus ganz Deutschland, aus Österreich und aus der Schweiz. Zu ihrem Team gehören neun Pferde, darunter fünf Ponys. Die geheimnisvolle Verbindung zwischen Mensch und Pferd, die vor 6000 Jahren ihren Anfang nahm, resultiert unter anderem aus verhaltensbiologischen Ähnlichkeiten. „Beide sind Herdentiere und leben in sozialen Strukturen mit bestimmten Hierarchien.“ Das Pferd wie auch der Mensch wollen Bindungen eingehen. „Pferde sind dabei bedingungslos; wenn man sich darauf einlässt, entsteht etwas zwischen Leichtigkeit und Magie“, schwärmt die gebürtige Rostockerin.

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Hunde kommen bald hinzu

Vier Hunde gehören ebenfalls bald zur Mannschaft. Die Hausherrin bereitet sie seit Wochen auf ihre künftigen Aufgaben vor. „Ein Zentrum für tiergestützte Intervention möchte ich hier aufbauen“, sagt Frau Ritthaler. Die Pandemie hat die Pläne verzögert. Denn Corona bedeute auch, dass während der Lockdown-Phasen keine Leute mehr auf den Hof kamen. Keine Leute, keine Kohle, und die Unterhaltskosten bleiben trotzdem.

Das letzte Mal habe sie 2008 Urlaub gemacht. „Das muss man wissen, wenn man sich so einen Hof zulegt, dass man eine Sieben-Tage-Woche hat.“ Doch was mag Silke Ritthaler so an Pferden? „Es sind anmutige Tiere mit weichen und fließenden Bewegungen, dazu ihr nussiger Geruch und die Freude, die ich empfinde, wenn meine Tiere glücklich sind.“

Doch jetzt hält sie ihre großen Vegetarier mit ein paar Armbewegungen auf Abstand. Die verstehen sofort diese Körpersprache, weichen etwas zurück und schauen friedlich. Silke Ritthaler ist ihr „Leitpferd“, dem sie vertrauen. Eine Gerte werden sie nie in ihrer Hand sehen.

Silke Ritthaler mit „Chocci“ Quelle: Annie Klähn

Von Klaus Amberger