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Stralsund Vorpommerns Wege aus der Hebammen-Krise
Vorpommern Stralsund Vorpommerns Wege aus der Hebammen-Krise
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05:30 17.07.2019
Kreißsaal Stralsund: Die Hebammen Paula Fischer (l. ) und Franziska Roessler legen bei Manuela Wallis die CTG-Manschette an, um die Herztöne des Babys zu kontrollieren. Papa Nils Dittrich ist natürlich mit dabei. Einige Stunden später hat die kleine Greta Charlott das Licht der Welt erblickt. Sie ist das vierte Kind der Familie aus Klein Kordshagen. Quelle: Ines Sommer
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Stralsund/Greifswald/Bergen

Kreißsaal geschlossen – diese Nachricht kursierte in den letzten Monaten immer wieder durch die Medien, denn viele Krankenhäuser haben nicht genügend Hebammen, die eine fachlich versierte 24-Stunden-Geburtsbegleitung ermöglichen. Kliniken in kleinen und großen Städten sind gleichermaßen betroffen. Die OZ fragte Geburtshelfer in Vorpommern, wie sie dieser Kreißsaal-Krise begegnen.

Stralsund arbeitet mit neun Beleg-Hebammen

Das Helios-Hanseklinikum in Stralsund hat im September 2018 das System im Kreißsaal von fest angestellten Mitarbeiterinnen auf Beleg-Hebammen im Schichtsystem umgestellt. Das lief nicht ohne Kritik, ging damit doch die Kündigung der fest angestellten Geburtshelferinnen einher (die OZ berichtete). Sie bekamen das Angebot, entweder als Beleg-Hebamme weiter zu arbeiten oder auf eine Stelle im Klinikum zu wechseln.

„Wir haben in den letzten zwei Jahren wirklich einige Male kurz vor der Schließung des Kreißsaals gestanden. Um diesen Supergau für eine Stadt wie Stralsund zu verhindern, haben die Hebammen Übermenschliches geleistet. Doch auf die ausgeschriebenen Stellen hat sich einfach niemand beworben“, sagt Oberärztin Wiebke Duwe.

Die Idee, mit freiberuflichen Hebammen zu arbeiten, kam von den Hebammen selbst. „Ich habe die schlimmen Zeiten hier noch miterlebt. Eine Hebamme hat bis zu fünf Frauen betreut, dazu die vielen Überstunden... Ich kann ganz klar sagen: Jetzt läuft es viel besser“, sieht Franziska Roessler den neuen Weg als Ausweg aus der Krise.

Eine Hebamme betreut zwei Frauen

Franziska Roessler (28) ist Hebammen-Sprecherin im Stralsunder Kreißsaal. Quelle: Ines Sommer

Die Hebammen-Sprecherin erklärt beim OZ-Rundgang durch den Kreißsaal, dass in 12-Stunden-Schichten gearbeitet wird. „Eine Hebamme betreut zwei Frauen. Klopfen mehr Frauen mit Wehen an, können wir die Hebamme in Rufbereitschaft dazu bitten. Und erleben wir ein Hoch im Kreißsaal, kommt eine dritte Geburtshelferin zum Einsatz. Und trotzdem macht jede Hebamme so viele Schichten, wie sie will und kann. Wir können Urlaub vernünftig planen, und auch für die Ausbildung der Schwestern-Schülerinnen bleibt genug Zeit.“

Die neue Organisation zahle sich aus. „Wir haben jetzt viel mehr Zeit für die werdenden Mütter, aber trotzdem kommen unsere Familien nicht zu kurz“, sagt die junge Frau, die bis 2016 in Ribnitz arbeitete und selbst einen dreijährigen Sohn hat. „Die Betreuung der Frauen ist viel intensiver, wir können Vorgespräche und CTG-Kontrollen besser planen. Außerdem besuchen wir die Mütter auch am Wochenbett, das ging vorher gar nicht“, zählt Franziska Roessler weitere Vorteile auf. „Aber das Allerwichtigste: Wir haben ein gigantisches Feedback von den Frauen, gerade von denen, die ihr zweites Kind hier bekommen“, strahlt die 28-Jährige.

Aus Marburg an den Sund

Hebamme Paula Fischer (24) kam aus Marbuch nach Stralsund. Quelle: Ines Sommer

Zustimmendes Nicken nicht nur bei Kreißsaal-Oberärztin Wiebke Duwe. Auch Paula Fischer kann dem Stralsunder System nur Positives abgewinnen. „Ich habe meine Ausbildung gerade in Marburg beendet, wollte aber dort weg. Ich habe in ganz Deutschland gesucht und bin hier fündig geworden“, berichtet die 24-Jährige, die sich nach den ersten Wochen bereits gut eingelebt hat. „Das Klima im Team ist super. Schön war auch, dass mich eine Kollegin einarbeiten konnte“, ist die junge Frau begeistert. Im September stößt dann eine weitere Mitarbeiterin dazu, so dass dann neun Hebammen zum Team zählen.

Anders als fest angestellte Hebammen erhalten Beleg-Hebammen keinen festen Monatslohn, sondern für jede Geburt ein vereinbartes Honorar, das sie mit den Krankenkassen direkt abrechnen. Allein von den Diensten im Klinikum könne man natürlich nicht leben. Zweites Standbein der Beleg-Hebammen sei die ambulante Betreuung von Schwangeren, Müttern und frisch geborenen Babys, so die Stralsunderinnen. „Das bekommen wir aber alles gut unter einen Hut“, so Franziska Roessler, übrigens gebürtige Neuruppinerin.

Uniklinik Greifswald sieht sich gut aufgestellt

Für Professor Marek Zygmunt kommt die Entwicklung in deutschen Kreißsälen nicht überraschend. Der Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Unimedizin Greifswald geht davon aus, dass sich die Zahl der Geburtskliniken bundesweit noch weiter verringern wird. Einige könnten sich wegen der geringen Geburtszahlen nicht refinanzieren, andere bekämen kein Fachpersonal mehr.

In einer wissenschaftlichen Untersuchung, die im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe erstellt wurde, sei dies schon vor Jahren prognostiziert worden. Die Unimedizin Greifswald sieht er jedoch gut gerüstet, sie sei auf jeden Fall ein Zentrum für Geburtshilfe.

„Wir versorgen rund um die Uhr auf fachärztlichem Niveau“, versichert der Greifswalder Klinik-Chef Marek Zygmunt. Das nötige Personal zu gewinnen, sei nicht immer einfach. Auch bei den Hebammen gebe es immer wieder Engpässe. „Daher haben wir die Zahl der Hebammen-Schülerinnen verdoppelt.“

Eine festangestellte Hebamme für 100 Geburten

Eine „Verbleibquote“ in dem Sinne gebe es nicht, zumal nicht allen Absolventinnen eine Stelle angeboten werden kann. „In der letzten Zeit haben wir aber mehrere junge Hebammen für uns gewinnen können. Auch aus dem jetzigen Kurs fängt eine Kollegin zum 1. September an“, sagt der Chefarzt der Frauenklinik. „Wir werben auch bei den Nachwuchsärzten sehr für die Geburtshilfe“, betont Professor Zygmunt, „Das ist ein wunderschöner Beruf.“ Geburtshilfe sei aber auch eine 24-Stunden-Aufgabe, und viele junge Ärzte wollen keine Nachtschichten machen.

Der Stellenschlüssel sieht in Greifswald eine Hebamme pro 100 Geburten vor, das wären also elf bei über 1000 geborenen Kindern. „Diese sind zurzeit nur fast vollständig besetzt. Dazu kommen noch vier Hebammen, die als Kooperationshebammen mit uns zusammenarbeiten“, so Chefarzt Zygmunt und betont, dass dies keine Beleghebammen seien.

Rügen letzte Insel mit eigenem Klinik-Kreißsaal

Die Geburtshilfe und der Kreißsaal im Sana-Krankenhaus Rügen sind täglich 24 Stunden verfügbar. Festangestellte und freiberufliche Hebammen arbeiten eng zusammen und sichern im Schichtsystem den Kreißsaalbetrieb ab.

Rügen ist damit die letzte deutsche Insel, auf der in einem Krankenhaus Geburtshilfe geleistet wird. „Darauf sind wir sehr stolz und deshalb erhalten alle Neugeborenen zur Begrüßung unseren Body, auf dem steht ’Ich bin ein Inselkind’“, sagt Doreen Ohlhoff, im Sana-Krankenhaus verantwortlich für Marketing-Öffentlichkeitsarbeit, auf OZ-Anfrage.

Zur Geburt sei immer auch ein Frauenarzt dabei. In Notfallsituationen bestehe aber auch im Krankenhaus in Bergen jederzeit die Möglichkeit, einen Kaiserschnitt vorzunehmen. Dazu werden dann neben den beiden diensthabenden Ärzten der Frauenklinik auch der Anästhesist und der Kinderarzt hinzugezogen.

Ines Sommer

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