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Stralsund Warum junge Leute wieder nach Vorpommern ziehen
Vorpommern Stralsund Warum junge Leute wieder nach Vorpommern ziehen
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12:45 04.05.2019
Daniela und Sven Fandrich hatten den Trend früh erkannt. Die beiden zog es aus Westdeutschland nach Vorpommern. Entscheidendes Argument: Die Nähe zum Meer. Quelle: Miriam Weber
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Stralsund

Es ist diese eine Anekdote der Statistiker, die beschreibt, was über Jahre in der Region geschehen ist: Zur Wiedervereinigung 1990 sei Mecklenburg-Vorpommern im Schnitt das Bundesland mit der jüngsten Bevölkerung gewesen. Wenige Jahre später lebten hier im Schnitt die Ältesten. Wenig Geburten und eine enorme Abwanderung bestimmten das Bild und damit auch die offiziellen Prognosen für die kommenden Jahre in der Region Vorpommern. Aber es mehrten sich die Zweifel – und manch düstere Berechnung hat sich bereits als falsch erwiesen.

Der Greifswalder Forscher Professor Helmut Klüter warnt bereits seit Jahren vor dem allgemeinen Urteil, dass die Dörfer aussterben. „Die Annahme, dass der gesamte ländliche Raum stirbt, stimmt nicht.“ Kleine Landstädte, Dörfer an wichtigen Verkehrsadern wie der A 20 oder die Seebäder seien attraktiv für Zuwanderer, sagt er. Dort sei das Wanderungssaldo positiv. Es gebe also mehr Zu- als Wegzüge.

Auf zu neuen Ufern

Tatsächlich lassen sich seit einigen Jahren wieder deutlich mehr Menschen in der Region nieder. Mal sind es Rückkehrer, die einst hier aufgewachsen sind und die Nähe zu Familie und alten Freunden suchen, häufig sind es aber auch Menschen, die gezielt einen neuen Lebensmittelpunkt aufbauen wollen. So ging es auch Daniela und Sven Fandrich, die ihr eigenes Dachdecker-Unternehmen aus Frankfurt am Main gleich mitbrachten. Sie zogen vor drei Jahren nach Stralsund – nicht der hübschen Dächer wegen, sondern weil sie die Nähe zum Meer und ganz gezielt eine ländlichere Umgebung suchten. Ein anderes Lebensgefühl als in der hektischen Großstadt sei das hier, sagt Daniela Fandrich.

Ein positives Wanderungssaldo, das gilt inzwischen für beide Vorpommern-Landkreise. Das zeigen die aktuellsten Zahlen des Statistischen Amtes für das Jahr 2017. Rechnet man Zu- und Wegzüge gegeneinander, stand in dem Jahr für den Kreis Vorpommern-Greifswald ein Plus von 1164 Menschen. Im Kreis Vorpommern-Rügen waren es sogar 1599 Personen. Etwas besser lag nur der Landkreis Rostock. Ein Trend zu mehr Zuzügen zeigte sich bereits 2015 und 2016. Wegen der hohen Flüchtlingszahlen in den beiden Jahren waren diese Werte aber nur bedingt aussagekräftig.

Extreme Überalterung rächt sich

Das allein löst das Problem allerdings noch nicht. „Man muss schon aufpassen: Der Wegzug junger Leute nach der Wende war enorm, und wir reden immer noch über eine extrem überalterte Gesellschaft“, erläutert die Greifswalder Politikwissenschaftlerin Johanna Menzel, die ihre Masterarbeit über das Thema Bevölkerungswanderung verfasst hat. Wegen dieses hohen Altersdurchschnitts gebe es deutlich mehr Sterbefälle als Geburten. Der Wanderungssaldo könne das nicht überall ausgleichen, erläutert sie. Für das Jahr 2017 zählte das Statistische Amt des Landes in den beiden Vorpommern-Kreisen gut 3500 Lebendgeborene. Demgegenüber stehen gut 6000 Sterbefälle. Blickt man allerdings nur auf den nördlichen der beiden Kreise, lässt sich 2017 ein leichtes Bevölkerungswachstum feststellen.

Wie man die Zahlen auch dreht: Der Blick auf die Region ändert sich – nicht nur für Medien und Forscher. Denn auf den jahrelangen Schrumpf-Prognosen basierte auch die Politik in vielen Bereichen, der Rückbau von Strukturen im ländlichen Raum. Besonders deutlich wird das gerade beim Thema Bildung. Weil man in Schwerin von sinkenden Schülerzahlen ausging, wurden Stellen gestrichen und Investitionen vermieden. Nun kommt vielerorts die Rechnung. Greifswald, Stralsund, Anklam – in vielen Städten werden gerade neue, größere Schulen geplant. Dabei geht es schnell um zweistellige Millionenbeträge. Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) hatte erst kürzlich Investitionen von mehr als 50 Millionen Euro für die Schulen der Stadt angekündigt und das mit einem Blick auf die Bevölkerungszahlen verteidigt, die eben nicht den Prognosen entsprechen. „Natürlich wird das nun viel Geld kosten. Im Prinzip müssen wir uns aber doch freuen, dass die Forscher Unrecht hatten“, sagte er. Auch für die Universität Greifswald wird inzwischen wieder ein Ausbau der Kapazitäten für Lehramtsstudiengänge diskutiert. Nur einige Jahre ist es her, dass genau dort gekürzt wurde, doch inzwischen fehlen Lehrkräfte im ganzen Land.

Niedrige Löhne und teils hohe Mieten

Der Aufschwung hat eine Reihe von Gründen, und tatsächlich lohnt sich ein differenzierter Blick auf die Zahlen. Denn es gibt mindestens drei getrennte Effekte. Vorpommern gehört schon lange zu den beliebtesten Urlaubsregionen. Die Gesundheitswirtschaft hat die Region für sich entdeckt, und schon seit Jahren gab es einen Zuzug von Älteren, die es im Ruhestand raus aus der Stadt und aufs Land zieht. Auch die Universität Greifswald gilt schon seit den 90er-Jahren als Garant für die Zuwanderung von jungen Leuten – zumindest für ein paar Jahre. Dazu kommt aber seit wenigen Jahren der Zuzug von jungen Familien. Das sei eigentlich ungewöhnlich, weil man in der Fachliteratur meist davon ausgehe, dass Menschen, wenn sie erst mal Kinder bekommen und sich niederlassen, „immobil“ werden, erläutert Menzel. Für Mecklenburg-Vorpommern würden allerdings auch gegenteilige Effekte gelten: „In dieser Altersgruppe geht es meist nicht um einen Umzug wegen des Jobs oder des Einkommens. Wenn man Familie hat, werden andere Dinge wichtiger – das Lebensumfeld. Wo gibt es gute Kitas und Schulen? Wo ist Bauland erschwinglich?“, so Menzel. Eine Rolle spielten aber auch nostalgische Kindheitserinnerungen und eine generelle Lust auf das Landleben in einigen Bevölkerungsschichten, glaubt die Wissenschaftlerin.

Die Schere zwischen Einkommen und Ausgaben

Einkommen und Lebenshaltungskosten sind in Vorpommern ein kompliziertes Thema. Im deutschlandweiten Vergleich sind die Löhne hier besonders niedrig. Allerdings gab es auch da zuletzt Veränderungen. Der Mindestlohn hat der dominanten Dienstleistungsbranche zumindest in Teilen höhere Einkünfte beschert – und regelmäßige Lohnsteigerungen, die es vorher kaum gab, weil nur wenige Unternehmen in Vorpommern Tariflöhne zahlen. Beinahe gleichzeitig trafen die Effekte des langjährigen demografischen Wandels auf ein kräftiges Wirtschaftswachstum. In der Arbeitsagentur für den Kreis Vorpommern-Greifswald spricht man davon, dass jedes Jahr rund 4000 Menschen mehr verrentet würden, als neue Arbeitskräfte aus den Schulen nachrücken. In vielen Branchen fehlt Personal. Auch das sorgt für steigende Löhne. In den gut laufenden Tourismusregionen herrscht zumindest in der Saison beinahe Vollbeschäftigung. Für den Mindestlohn fände man de facto keine Arbeitskräfte mehr, heißt es vom Hotel- und Gaststättenverband. Die Arbeitslosigkeit hat sich in vielen Problemregionen innerhalb weniger Jahre halbiert. Dennoch sind die niedrigen Löhne immer noch ein Hemmnis für viele, die in Vorpommern ihre Ausbildung absolviert haben und nach einem Job suchen.

Allerdings ziehen damit auch die Lebenshaltungskosten an. Mieten und Grundstückspreise steigen. Eine Untersuchung im Auftrag der ARD hatte zu Jahresbeginn gezeigt, dass die Mieten für eine durchschnittliche Dreizimmerwohnung in Vorpommern weit über dem ostdeutschen Durchschnitt liegen. Der hohe Durchschnittswert hat allerdings auch mit den beliebten Touristenregionen zu tun, in denen Wohnraum für Normalverdiener inzwischen knapp wird, weil sich mit Ferienwohnungen nun mal mehr Geld verdienen lässt. Aber auch in Greifswald boomt der Wohnungsbau. Manche Experten sprechen gar von einer Blase, weil die Kosten für Eigentumswohnungen kaum noch wirtschaftlich rentabel seien. Der kommunale Wohnungsbau gilt dagegen als ein, wenn nicht das politische Steuerungselement, mit dem auch Mittelzentren junge Zuzügler ansprechen können.

Politisch bewegt sich etwas

Unter ihnen wiederum gibt es eine Gruppe, die besonders im Fokus steht. Die sogenannten Rückkehrer. Im Landratswahlkampf 2018 warben die jeweiligen Wahlsieger Michael Sack (CDU, Vorpommern-Greifswald) und Stefan Kerth (SPD, Vorpommern-Rügen) massiv für dieses Thema. Sack fordert einen selbstbewussteren Umgang mit den Stärken der Region und ein Werben um junge Leute. Werbekampagnen und sogenannte Welcome-Center sollen den Weg zurück in die alte Heimat ebnen. Da, das glaubt man auch bei der Rückkehrer-Agentur des Landes „mv4you“ in Schwerin, könnten Kommunen und Unternehmen noch mehr tun, um potenziellen Zuzüglern die Ankunft und das Einleben zu erleichtern. „Unternehmen tun zum Beispiel gut daran, neuen Mitarbeitern einen Kollegen an die Seite zu stellen, sogenannte Tandems zu bilden“, empfiehlt Projektleiterin Christina Kralisch.

Carsten Schönebeck

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