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Stralsund Was 2021 nicht in der Zeitung stand: Ich durfte eine Kanone abfeuern
Vorpommern Stralsund

Was 2021 nicht in der Zeitung stand: Ich durfte eine Kanone abfeuern

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15:39 30.12.2021
Dieter Zink, Jörg Fröhlich, Ralf Hof und Dominik Langer (v. l.) vom Verein „Lützower Freikorps 1813“ haben unserer Reporterin eine schwarze Nase verpasst.
Dieter Zink, Jörg Fröhlich, Ralf Hof und Dominik Langer (v. l.) vom Verein „Lützower Freikorps 1813“ haben unserer Reporterin eine schwarze Nase verpasst. Quelle: Barbara Waretzi
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Stralsund

Mit einem ohrenbetäubenden Knall begann am 4. September wieder die Schlacht um den Husarenmajor Ferdinand von Schill – für mich zum ersten Mal. Die Aufgabe, mit den Vereinen zu sprechen und die diesjährige Schlacht zu verfolgen, sollte nun ich übernehmen. Doch zwischen Rauch, Donner und den verkleideten Herren musste ich mich erst zurechtfinden.

Zugegeben, anfangs hatte ich ordentlich Muffensausen, trotzdem habe ich all meinen Mut zusammengenommen und die rot-schwarz gekleideten Männer des Lützower Freikorps 1813 angesprochen. „Willst du auch mal schießen?“, fragte mich Ralf Hof und drückte mir zeitgleich seine kleine Kanone in die Hand. Etwas verwundert und mit zitterndem Finger habe ich den Abzug gedrückt und auf die gegnerische Truppe am anderen Ufer geschossen.

Eine schwarze Nase als Andenken

Während ich noch halb taub und komplett erstaunt der kleinen Rauchwolke zusah, hat der preußische Soldat seine Chance genutzt und mir den schwarzen Ruß aus dem Lauf der Kanone auf die Nase geschmiert. „Sehr witzig“, dachte ich mir leicht genervt. Die Prozedur ist kurz darauf mit lautem Getöse zum Kütertor gewandert, sodass ich keine Zeit fand, mir den Ruß von der Nase zu wischen. Im Eifer des Gefechtes war der Fleck mitten in meinem Gesicht sogar beinahe vergessen, doch die Stralsunder haben mich immerzu daran erinnert: „Kiek, die Lütte hat ne schwatte Nees“ wurde mir zugerufen.

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Immerhin kam ich so mit jedem ins Gespräch. Als Ferdinand von Schill fiel – der Erzählung nach hat ihn jemand an jenem Tag im Mai 1809 in der Fährstraße vom Pferd geschossen – hat mir endlich jemand die schwarze Nase abgewischt. Zum Unmut des Übeltäters. Denn wie mir Thomas Finke von den „Bürgern und Soldaten Wittenberg 1813“ verriet: „So markieren wir unsere Beute.“ Ich musste den Männern dann erklären, dass mich leider trotzdem niemand mit nach Hause nehmen darf.

Als wir anschließend alle gelacht haben, ging auch für mich ein spannender Tag bei den Stralsunder Schill-Tagen zu Ende. Der Tinnitus blieb mir allerdings noch bis in den Abend hinein. Das Erlebnis erzähle ich heute noch gerne meinen Freunden. Wenn mir jemand blöd kommt, sage ich einfach „Vorsicht. Ich durfte schon einmal eine preußische Kanone abfeuern!“

Von Barbara Waretzi