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Stralsund Welche Geheimnisse birgt der „Schädel von Drigge“?
Vorpommern Stralsund Welche Geheimnisse birgt der „Schädel von Drigge“?
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16:18 11.06.2019
Claudia Hoffmann, Archäologin vom Stralsund Museum, und Cosimo Posth vom Jenaer Max-Planck-Institut, simulieren, wie der Schädel angebohrt werden würde, um DNA zu gewinnen. Quelle: Kai Lachmann
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Stralsund

Ist vor mehr als 7000 Jahren ein brutaler Akt der Gewalt am Strelasund begangen worden? Waren gar Kannibalen am Werk? Fest steht: Ein Mensch, vermutlich ein Mann zwischen 30 und 40 Jahre alt, wurde hier skalpiert. Ob er dabei schon tot war, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Klar ist aber, dass später auch noch der Kiefer abgetrennt wurde.

Als Beweise dienen Schnittspuren auf dem gut ein Kilogramm schweren obereren Schädelknochen des Opfers. Er wurde 1933 im Zuge der Bauarbeiten für den Rügendamm gefunden – und ist zum Glück für die Forscher sehr gut erhalten, da er in einer Torfschicht fünf Meter unter dem heutigen Seegrund lagerte. Am Dienstag präsentierten ihn Wissenschaftler im Stralsund Museum und zeigten, auf welche Weise sie ihm weitere Geheimnisse entlocken wollen.

Präsentation des 7000 Jahre alten Schädels

„Wir haben noch keine genetischen Daten für die Region Mecklenburg-Vorpommern für diese Zeit. Der Schädel wird Kern-DNA liefern“, ist Dr. Thomas Terberger von der Universität Göttingen zuversichtlich. Terberger war unter anderem schon an der Uni Greifswald tätig und hat den Schädel bereits vor Jahren untersucht.

Die Theorie, dass Kannibalen am Werk waren, sei wahrscheinlich veraltet, so der Prähistoriker. Das Skalpieren hingegen gilt als bewiesen. Denn schaut man sich die Schädeldecke genau an, sind feine Linien darauf zu erkennen. „Sie gleichen Einschnitten, die als Zerlegungsspuren an Jagdbeuteresten auftreten.“ 34 Schnitte hat Terberger gezählt. Sie erfolgten „kurz nach dem Tod des Mannes oder beim Eintreten des Todes, da die Schnittspuren unverheilt sind und die Weichteile noch existierten.“ Mögliche Erklärungen dafür: „Gewinnung von Kriegstrophäen oder Teil eines komplexen Bestattungsrituals.“ Allerdings gäbe es für die nordische Mittelsteinzeit keine Belege für Bestattungsformen, die einen besonderen Umgang mit dem Kopf nahelegen“, so seine Analyse aus dem Jahr 1999.

Auf diesen Zeichnungen sind die Schnitte vermerkt, die das Skalpieren auf der Schädeldecke hinterlassen hat. Quelle: Kai Lachmann

20 Jahre später gibt es neue wissenschaftliche Techniken und damit auch neue Möglichkeiten, Infos über unsere Vorfahren zu sammeln. Dafür wird der Schädel ans Max-Planck-Institut für Menschengeschichte nach Jena gebracht, um zunächst ein dreidimensionales Abbild des Schädels zu erstellen. Dann setzt Dr. Cosimo Posth aus der Abteilung für Archäogenetik – das Jenaer Institut gilt in diesem Bereich als weltweit führend – den Bohrer an einer Stelle des Felsenbeins an, das sich im Innenohr befindet. „50 Milligramm reichen, um DNA extrahieren zu können“, sagt Posth. Der Knochenstaub wird archiviert, damit für spätere Analysen nicht immer wieder der Schädel angebohrt werden muss.

Vom Jäger und Sammler zum Bauern

Der Knochen kommt dann wieder zurück ins Stralsund Museum, wird hier gelagert und kann Teil kommender Ausstellungen werden. Aber was ist mit den Infos, die die DNA hergeben? Was kann überhaupt mit Sicherheit gesagt werden? „Wir können das Geschlecht, die Augen-, Haar- und Hautfarbe bestimmen“, sagt Posth. „Und es könne auch festgestellt werden, ob die Population hier oben im Norden genetische Verbindungen mit den Menschen der Oder-Region hatte“, fügt Terberger an. Denn von dort gebe es bereits DNA-Proben für einen Abgleich. Die große Frage sei: Wie vollzog sich in Norddeutschland der Übergang vom Jäger und Sammler hin zum Bauern?

Bis es darauf Antworten gibt, wird es allerdings noch dauern: Mit Ergebnissen wird in frühstens anderthalb Jahren gerechnet.

Arbeiten wie die „Medical Detectives“

An der Analyse des Schädelssind auch die Berliner Anthropologin Dr. Bettina Jungklaus und Claudia Hoffmann, Archäologin des Stralsund Museums, beteiligt. Ihre akribische Arbeit erinnert an die amerikanische TV-Serie „Mediacal Detectives“, da sie anhand von Spuren rekonstruieren, was sich wie zugetragen hat.

„Der Schädel ist intensiv und sorgfältig skalpiert worden“, sagt Hoffmann. Dies sei nicht in Hektik geschehen. „Die Schnitte sind V-förmig, was auf einen scharfen Gegenstand hinweist“, ergänzt Jungklaus. Infrage komme etwa ein Messer mit einer Klinge aus einem scharfen Feuerstein. Außer Frage stehe zudem, dass sich Nagetiere an dem Kopf zu schaffen gemacht haben – dafür gebe es keine Spuren.

Kai Lachmann

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