Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Stralsund Wenn die Erinnerungen verschwinden
Vorpommern Stralsund Wenn die Erinnerungen verschwinden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:08 18.04.2018
Helmtraud Münchow und Eckhard Rusch: Die Diagnose Demenz hat ihr Leben von einem Tag auf den anderen verändert. Quelle: Fotos: Miriam Weber
Stralsund

„Ich habe Demenz, und darüber möchte ich reden.“ Helmtraud Münchow sitzt in ihrem Wohnzimmer auf der Couch, ihr Mann Eckhard Rusch an ihrer Seite. „Heute ist ein nicht so guter Tag“, sagt die 74-Jährige. Beim Reden macht sie lange Pausen, sucht nach den Worten und immer wieder geht der hilfesuchende Blick zu ihrem Mann.

Helmtraud Münchow leidet an einer Form der Demenz, doch die 74-Jährige möchte offen über ihre Krankheit reden

„Das Tragische an dieser Krankheit ist, dass man sie zwar hinauszögern, aber nicht aufhalten kann“, sagt Eckhard Rusch. Der 81-Jährige unterstützt seine Frau, wo er nur kann. „Das Verrückte ist, dass meine Frau früher in ihrem Beruf bei der Jugendhilfe so vielen Menschen geholfen hat. Und nun hat es sie selbst getroffen“, sagt der einstige Jurist, der später im Außendienst tätig war.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Diagnose bei Helmtraud Münchow gestellt wurde. 2015 gab es eine erste Vermutung, die sich schließlich 2016 bestätigte. „Das hat unser Leben von einem Tag auf den anderen verändert.“

Doch die beiden sind viel unterwegs, versuchen, möglichst aktiv zu sein und unter Menschen zu kommen. „Ich gehe sehr offensiv mit meiner Krankheit um, auch wenn die Einschränkungen immer größer werden“, erklärt Helmtraud Münchow. Mittlerweile ist Radfahren nicht mehr möglich, das Telefonieren bereitet Schwierigkeiten und oft genug fehlen die richtigen Worte. „Natürlich ist sie traurig und ärgerlich, dass sie so viel vergisst“, sagt Eckhard Rusch. Beim Kurzzeitgedächtnis ist es am schlimmsten. „Wenn ich zum Sport gehe, muss ich einen Zettel hinlegen, da es passieren kann, dass meine Frau vergisst, wo ich bin.“ Beschriftete Lichtschalter, ein Tageskalender mit Blättern zum Abreißen, Übungen, um das Gedächtnis zu trainieren... Die Krankheit ist immer präsent, „man muss zwar auf dem Laufenden bleiben, aber wenn man sich immerzu damit beschäftigt, wird man ja kirre“, sagt Eckhard Rusch. All das frisst Energie. „Manchmal weiß ich selbst nicht, woher ich sie nehme“, gesteht er.

„Mein Mann ist meine große Stütze“, sagt Helmtraud Münchow. Und dann erzählt sie, was ihr außerdem Kraft gibt. „Meine Besuche in der Tagespflege.“ Dreimal in der Woche ist sie Gast im Haus am Brunnen, einer Tagespflegeeinrichtung der Volkssolidarität. „Ich fühle mich dort so wohl“, sagt die Rentnerin und versucht zu erklären, warum das so ist: „Die Schwestern strahlen so viel Lebensfreude aus, lachen viel, das tut gut und ist ansteckend.“ Worte, die Jana Milnikel-Martin gern hört. Die 43-jährige Krankenschwester ist die Pflegedienstleiterin der Einrichtung. Sechs Mitarbeiter kümmern sich dort um die 18 Tagesgäste, die von 8 bis 16 Uhr im Haus sein können.

„Sie sind unsere Gäste und sie sollen sich hier wohlfühlen“, erklärt Schwester Jana. Die Menschen, die zur Tagespflege kommen, sind hilfebedürftig, leben aber noch in der eigenen Häuslichkeit. Sie leiden unter verschiedenen Krankheiten oder sind alt. „Sie werden von zu Hause abgeholt, dann gibt es hier Frühstück.“ Im Anschluss wird gemeinsam Sport oder Gedächtnistraining gemacht, bevor es dann in kleineren Gruppen intensiver mit der Arbeit weiter geht. „Da wird dann alles Mögliche angeboten“, sagt Schwester Jana. Angefangen beim Basteln über das Singen, Spaziergänge, Brettspiele und Gedächtnistraining und Biografiearbeit. „Wenn wir zum Beispiel etwas zum Thema Ostern machen, versuchen wir, die Erinnerungen bei unseren Gästen wachzukitzeln.“

Außerdem werden die Frauen und Männer in den Alltag mit eingebunden. Blumenpflege, Mittagsvorbereitung oder auch mal in der Küche mit anpacken. Das gehört dazu. „Am Nachmittag sitzen wir alle noch einmal zusammen, klönen eine Runde und lachen viel. Das funktioniert vor allem auch deshalb, weil wir als Betreuungsteam gut funktionieren und jeder für den anderen mitdenkt“, ist Schwester Jana überzeugt. Für sie sei es am schönsten, wenn die Gäste gerne wiederkommen und vor allem, wenn die Angehörigen sagen: „Die Eltern haben nun auch mal wieder etwas zu erzählen.“

Wenn Helmtraud Münchow und ihr Mann Eckhard Rusch in die Zukunft schauen, dann nur von einem Moment zum nächsten. „Wir machen keine festen Pläne, weil wir nie wissen, was kommt“, gesteht Eckhard Rusch. Doch Helmtraud Münchow sieht das ein bisschen anders: „Ich freue mich auf die warmen Tage, wenn wir wieder zu unserem Grundstück fahren können. Dort ist es ruhig und schön.“

Miriam Weber

Mehr zum Thema

Senioren im Landkreis trafen sich zur Konferenz in Grevesmühlen / Dabei wurde klar: Es gibt vieles, was sie bewegt

18.04.2018

Senioren im Landkreis trafen sich zur Konferenz in Grevesmühlen / Dabei wurde klar: Es gibt vieles, was sie bewegt

18.04.2018

Stralsund hat eine Lücke von 160 Krippen- und 180 Kindergartenplätzen ermittelt / Jugendamt rechnet nur mit einem Bedarf von 60 Plätzen

18.04.2018

Das Bundesverfassungsgericht hat die Grundsteuer für ungerecht erklärt. Die OZ erklärt, was das für Stralsund und das Umland bedeutet.

18.04.2018

Ballettdirektor Ralf Dörnen: Acht Tänzer verlassen uns wegen der unsicheren Zukunft zum Ende der Spielzeit

19.04.2018

Die Erweiterung des Wasserwanderrastplatzes in Barhöft verzögert sich etwas. Der Hafenausbau für 2,8Millionen Euro soll nun im Juli fertig sein.

17.04.2018